Angefangen hat alles mit dem Essen auf dem Weihnachtstisch, es war gut, es war da, und so ass Oliver Gardi ein bisschen zu viel davon, wie jede Weihnacht, und an den Tagen danach die Reste noch. Dann war Januar, er fühlte diese Völle in seinem Bauch, im ganzen Körper, diese Schwere und Trägheit. Und dachte sich: Komm, zehn Tage nichts essen, Fastenkur, ein Anfang, besser als nichts.

Doch bei diesen zehn Tagen sollte es nicht bleiben. Gardi machte weiter. Er wollte sich nicht nur einmal im Jahr besser fühlen, sondern immer wieder, das ganze Jahr über. Also begann er mit Intervallfasten. Diesem neuen Diät-Trend, den Magazine, Zeitungen und Büchertische seit Monaten als das nächste grosse Ding im Kampf gegen die Kilos propagieren. Er entschied sich für die härtere Variante, die so genannte «every other day diet»: Einen Tag essen, was er wollte, am nächsten Tag nichts. Die totale Leere am Montag, die Fülle am Dienstag. Um sich dann dafür keine Gedanken machen zu müssen, was auf den Teller kommt – und wie viel.

Intervallfasten, auch alternierendes Fasten genannt, ist biologisch gesehen schon Tausende von Jahren alt. Für den Menschen ist nichts natürlicher, als ab und zu nichts zu essen. Als Jagender musste er teilweise mit langen Dürreperioden und Hunger im Bauch überleben – um sich dann, lag das Tier erlegt im Graben, so an ihm vollzufressen, dass der Bauch ihm schier platzte. Evolutionsbiologisch ist der Wechsel zwischen nichts und viel also normal. Auch kulturell wurde das Fasten über Jahrtausende gepflegt und ist in allen Religionen bis heute vorhanden. Viele Menschen in der Schweiz verzichten in der Fastenzeit vor Ostern auf Süsses oder Alkohol, üben sich im Verzicht. Die Muslime haben ihren Fastenmonat Ramadan.

Eine Diät fürs Leben

Oliver Gardi glaubt, Intervallfasten könnte etwas sein, das er wirklich ein Leben lang durchziehen könnte. Keine Diät, die nach drei Wochen wieder über Bord geworfen wird. Weil die Regeln simpel sind, klar. Und, das Wichtigste für ihn: Weil er nicht dieses Gefühl von Entbehren habe. «Ich kann immer noch essen, was ich will, ich esse einfach nicht immer, was ich will.» Es falle ihm leicht, auf das Essen zu verzichten, weil er wisse, dass er es danach umso mehr geniessen könne.

«Mittlerweile bin ich von drei auf zwei Tage die Woche runter, weil das für mich der natürlichere Rhythmus ist», sagt er. Gardis Fastentage sind immer montags und donnerstags. In den Ferien und wenn eine Einladung ansteht, lässt er seinen Ernährungsplan auch mal sausen. So habe sich die neue Art zu Essen natürlich in sein Leben eingefügt.

An seinen essensfreien Tagen arbeitet er über Mittag durch, geht eine Stunde früher nach Hause und trinkt, während die Familie zu Abend isst, eine Tasse schwarzen Kaffee oder Rotwein. «Die Kinder fragen dann kurz: ‹Ach, hast du deinen Tag?›, und ich sage ‹Ja›. Das ist mittlerweile ganz normal für uns alle.»

Oliver Gardi hat zehn Kilogramm abgenommen, am Anfang ziemlich schnell. Mittlerweile hält er sein Gewicht. «Früher hatte ich immer ein bisschen zu viel im Bauch, ich habe gegessen, über den Hunger hinaus. Ich fühlte mich überfressen.» Durch das Fasten habe er auch gemerkt: Es bringt mich nicht um, wenn ich nicht alles sofort zur Verfügung habe. Ich muss nicht jedem Impuls nachgeben, ich muss den Verzicht auf Nahrung nicht als Bedrohung begreifen. Mit dem Fasten habe er einen Weg gefunden, sich zu regulieren – so, wie es in seinen Alltag hineinpasst.

War das Fasten früher zeitlich klar begrenzt, gesellschaftlich normiert und Riten oder Katastrophen unterworfen, kann der Mensch heute so individualisiert fasten, wie er will.
Alternierend fasten kann man in den verschiedensten Varianten: Jeden zweiten Tag, mehrere Tage am Stück, 16 Stunden, 20 Stunden, 5+2. Beliebt ist das 5+2-Modell: fünf Tage lang normal essen und an zwei Tagen maximal 500 Kalorien, oder die 16:8-Methode, 16 Stunden lang fasten, während der nächsten acht Stunden essen. Heisst konkret: Wer Frühstück oder Abendessen auslässt und nur zweimal am Tag isst, fastet automatisch 16 Stunden lang.

Benedikt Weibel tuts auch

Einer, der niemals das Frühstück auslassen würde, ist Benedikt Weibel. Der ehemalige Generaldirektor der SBB und Buchautor gönnt sich jeden Morgen Birchermüesli, gutes Brot, Butter und Konfitüre – und lässt dann entweder das Mittag- oder Abendessen aus. «Ich esse seit März nur noch zweimal täglich», sagt Weibel – und er sei sehr glücklich damit. Die Bilanz bisher: Fünf Kilogramm Gewichtsverlust, keine Probleme mehr mit dem übersäuerten Magen, allgemeines Wohlbefinden und noch mehr Freude am Essen als früher, «weil ich das Essen nun noch mehr geniesse», sagt der 72-Jährige. All diese Effekte seien erstaunlich gewesen, unglaublich, sagt er, das Fasten sei für ihn die beste Methode überhaupt. Es sei ihm gar nicht um den Gewichtsverlust gegangen, sondern vielmehr darum, etwas für seine Gesundheit zu tun und mit einer Ernährungsform zu arbeiten, die wissenschaftlich belegt ist.

Denn Fasten, in welcher Form auch immer, hat positive Effekte auf die Gesundheit. Das belegen zahlreiche Studien. Laborversuche an Mäusen und Ratten zeigten eine signifikant höhere Lebenserwartung, reduzierte Symptome von Diabetes, reduziertes Krebswachstum und reduzierte Symptome von Alzheimer. Die Forschung am Menschen steckt noch in den Anfängen, doch haben sich in den letzten Jahren einige namhafte Forscher mit dem Fasten und seinen Auswirkungen auf die Selbstheilungskräfte des Körpers auseinandergesetzt, Versicherungen wie die Helsana propagieren Intervallfasten sogar auf ihrer Website.

Auch, weil die Zeit drängt: Falsche Essgewohnheiten, mangelnde Bewegung und daraus resultierendes Übergewicht sind Risikofaktoren für die Gesundheit. Auch in der Schweiz: Laut Bundesamt für Statistik sind in der Schweiz 42 Prozent der Bevölkerung übergewichtig oder adipös. Bei den Männern beträgt dieser Anteil 51%, bei den Frauen 33%. Der Anteil der Übergewichtigen steigt mit dem Alter sogar an. Und Übergewicht ist ein Hochrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Schlaganfälle, Herzinfarkt, Diabetes, sogar Demenz.

Die grösste Beachtung im Zusammenhang mit Fasten und der Selbstheilung des Körpers fand die Arbeit des japanischen Zellforschers Yoshinori Ohsumi, der 2016 den Nobelpreis für seine Arbeiten zur Autophagie erhielt. Mit Autophagie wird ein Prozess der Zellen im Körper beschrieben, sich selbst zu reinigen. Die Zelle nimmt das, was sie nicht mehr braucht, und frisst den «Abfall» selbst – recycelt ihn also. Mit diesem Vorgang verjüngt sich die Zelle von selbst – das Besondere: Die Autophagie wird erst nach ein paar Stunden Fastenzeit aktiviert. Forscher gehen von einer Stundenanzahl von mindestens 12 aus. Wer also fastet, aktiviert diesen Mechanismus – der Körper beginnt, sich selbst zu heilen.

«Nicht für jeden Menschen gleich gut geeignet»

Doch das Intervallfasten stösst auch auf Gegenwind. Kritiker der Methode argumentieren beispielsweise damit, dass zu lange Essenspausen zu Heisshungerattacken führen können, oder damit, dass der Körper in der heutigen Zeit nicht hungern müsse, wenn doch alles da sei, um ihn regelmässig zu nähren.

Eva Lischka, Chefärztin der Klinik Buchinger Wilhelmi in Überlingen, sagt: «Fasten ist nicht für jeden Menschen gleich gut geeignet und auch nicht gleich sinnvoll.» Je nach Gesundheitszustand oder bei Einnahme von Medikamenten müsse Fasten mit dem Arzt abgeklärt werden. Und wer nicht fasten will, der muss auch nicht. «Fasten allein ist nicht der Schlüssel zum Glück», sagt Lischka. «Bewegung und die psychische Gesundheit generell sind neben der Ernährung zwei wichtige Pfeiler des Wohlbefindens.»

Wundermittel – bis auf weiteres

Die Grundlagenforschung spreche aber klar für das Fasten als gesundheitsförderndes Element, «daran gibt es keinen Zweifel». Wichtig sei aber, dass jeder und jede so faste, wie es für ihn oder sie stimme. «Hören Sie auf sich selbst. Wenn Sie nach dem Aufstehen keinen Hunger verspüren, essen Sie nicht. Wenn Sie der Typ sind, der abends sowieso früh ins Bett will, dann essen Sie morgens», sagt Lischka. Das sei ja auch der Punkt beim Fasten: Wieder zu merken, wann man überhaupt Hunger verspüre. Und ja, natürlich: Trotzdem bewegen. Und sinnvoll essen, wenn man isst. «Es ist ja nicht der Sinn der Sache, dass man fastet und dann fünf Burger am Tag isst», sagt Lischka. Kurz: auch mehr Achtsamkeit.

Die Zeit und weitere Forschung wird zeigen, ob das Intervallfasten tatsächlich eine Wunderwaffe ist oder neue Studien etwas anderes belegen. Viel Geld fliesst bisher nicht in die Grundlagenforschung zum Thema. Es liege in der Natur der Sache, dass Fasten keine so grosse Lobby finde wie andere Methoden – weil sie schlicht und einfach kein Geld generiere, sagt die Expertin. Weder für die Pharmaindustrie noch für die Nahrungsmittelindustrie. Keine Zusätze, keine neuen Produkte, keine Pillen.

Für Oliver Gardi ein weiterer Grund, dabei zu bleiben. Wenn damit noch niemand Geld verdiene. Und die Methode genau davon lebe, weniger zu essen, weniger zu kaufen, weniger zu produzieren. In einer Gesellschaft, in der der Überfluss an allen Ecken auf einen wartet, tue es doch gut, wieder ein bisschen Verzicht zu üben. «Für mich ist das Fasten auch ein Statement gegen die Konsumgesellschaft», sagt Gardi. Es brauche nichts weiter als das Hören auf den eigenen Körper.