Wikingerdorf

Heja Engelberg: Wie verrückte Schweden im Bergort sesshaft wurden

Vor zwanzig Jahren zog es die ersten schwedischen Freerider in den Bergort. Aus den Wahnsinnigen von damals wurde eine Community von Sesshaften. Die Reportage.

«Wenn ich morgens aufwache, habe ich nur eins im Kopf: möglichst schnell auf den Berg zu kommen», also steigt Andreas Bryngel vom Bett in seine Skiausrüstung, packt seine Bretter und rennt. Rennt die paar Minuten von der Ferienwohnung Richtung Titlisbahn. Weiter weg zu wohnen, kann er sich nicht vorstellen. Rennt, damit er pünktlich zum Start der Bahnen in die Gondel springen kann. Warum der Stress? Er will der Erste sein, der im Powder abseits der Pisten seine Spuren hinterlässt. «Das wollen wir alle hier», sagt er.

Freeskier Andreas Bryngel.

Freeskier Andreas Bryngel.

  

Hier ist Engelberg. Wir ist die Meute von hellhaarigen Wikingern mit Schutzpanzern, Lawinensuchgeräten und -Airbags, die sich kurz vor neun Uhr morgens bei der Talstation zusammenrottet. Am krassesten ist der Andrang, wenn im Vorfeld die Wetterberichte Neuschnee angekündigt haben. Dann kriegen die in Stockholm ganz glänzende Äuglein und buchen wie wild Flugtickets nach Zürich. Oft nur zwei Tage im Voraus. Der ganze Trip mit Flug und Zug oder Taxi dauert ja nur fünf Stunden. Kaum in Engelberg angekommen, kickt dann das vertraute Feeling rein, der "Powder-Stress", wie Andreas sagt.

Lange Abfahrten, ewiger Schnee

Andreas ist einer von vielen. Den Run auf die hochalpine Spielwiese losgetreten hat eine schwedische Filmcrew. Sie hielten mit ihren Kameras fest, wie waghalsige Freerider, die unendlich langen und supersteilen Hänge in der Titlisregion hinuntersausten. Perfekte Rider-Verhältnisse, die es sonst kaum in der Schweiz gibt.

Durch die Filme angefixt, kamen die ersten Nomaden, die sonst von Skigebiet zu Skigebiet in aller Welt zogen, nach Engelberg – und blieben hängen. Das waren die Avantgardisten. Darauf folgten die Mainstreamer und heute steht bei den Schweden der Ferienort auf Platz 1 der Destinationen in der Schweiz. Sie bescheren ihm rund 10'000 Übernachtungen pro Wintersaison.

Freeskier Andreas Bryngel

Freeskier Andreas Bryngel

  

Auf der Dating-App Tinder, wo User, die sich in der Nähe befinden, als Profilbilder aufploppen, wimmelt es mittlerweile nur so von Johans, Linas und Sörens. Und das ist das, was für Youngsters wie Andreas zählt. Das und Freeriden. Und Bier. Und Party. Der 23-Jährige hat zwar mittlerweile in Schweden ein Wirtschaftsstudium angefangen, weshalb er nicht mehr die ganze Saison hier oben «Rumgammeln» kann, wie er sagt.

Für die paar Konzerte mit «Attack the Schwedenpack» (Angriff auf das Schwedenpack) macht er aber eine Ausnahme. Die Rock-Band entstammt einer Schnaps-Idee, die er und seine Kumpels während der letzten Wintersaison hatten. Andreas ist ein klassischer «Ski-Bum». Der Begriff gehört etwa so zum Engelberger Wortschatz wie das Wort «dui» für du.

Gemeint sind junge Vagabunden, die es in die Skiregionen dieser Welt spült, weil sie einfach nur fahren, fahren, fahren wollen. Und sich das Ganze mit einem schlecht bezahlten Nebenjob auf dem Berg finanzieren, der möglichst wenig Zeit frisst – Andreas spülte auch schon eine Saison lang Teller im Restaurant Alpenclub. So läuft es zumindest im Winter.

Im Sommer stranden sie dann auf Bali. «Wenn ich mit meinem Surfbrett rauspaddle, begegne ich immer wieder Leuten, die ich in Engelberg kennen gelernt habe», sagt ein Schwede, der seit fünf Jahren in die Titlis-Region kommt. Genau diese Weltenbummler rennen dem Bergdorf in Obwalden seit Jahren die Holztüren ein. Dem Kaff mit Trachtenverein, Jodlerclub, Seilziehclub, Chalets, Coop, einem uralten Benediktinerkloster, einem Bahnhof, dessen Zug einmal in der Stunde fährt, und ganz vielen Sportgeschäften.

Was für ein Kontrast. Aber nur auf den ersten Blick. Denn immer mehr der Spasssüchtigen aus dem Norden bleiben. Werden zu Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunden und Ehepartnern. Engelberg wird langsam zu Schwengelberg. Das zeigt auch die Einwohnerstatistik: Die Schweden sind die drittgrösste ausländische Einwohnergruppe.

Obwohl der skandinavische Wohlstandsstaat alles andere als ein Emigrationsland ist. So wird die Community der Sesshaften zu einem immer dichter werdenden Netz, das sich über den Bergort spannt. Mit fixen Knotenpunkten: Den vier Hotels, dem Café und der Kaffeerösterei. Alles in schwedischer Hand – unverkennbar allein wegen des minimalistisch-kühlen Designs der Möbel und der hölzernen Elchköpfe an den Wänden.

Wie sehen die Einheimischen die Invasion aus dem Wikingerland? Fragt man bei der Tourismusdirektion nach, hagelt es nur Lob: «Sinn für Design» hätten sie und «mit Fisch können sie gut umgehen», sagt der Direktor Frédéric Füssenich. Grade wegen der Frankenstärke hat der Ferienort stark gelitten. Die Deutschen blieben fern, die Engländer sowieso. Der Wettbewerb darum, die Betten vollzukriegen, hat sich in den letzten Jahren verschärft. Deshalb findet der Tourismusdirektor: «Der Drive der schwedischen Geschäftsleute ist nur gut für Engelberg.»

In der Stammbeiz der Alteingesessenen, im Restaurant Engelberg, tönt es ähnlich positiv: «Wenn es um die Arbeit geht, sind sie gewissenhaft», sagt ein Einheimischer. Auch brauchten sie eine Weile, bis sie auftauten, sagt ein anderer. Sein Wort in Schweizers Ohr. Heute klagt niemand mehr über die Schweden. Früher war das anders. «Sie galten bei den Einheimischen als rücksichtslos, weil sie immer die Neuschneehänge zerfuhren», sagt Füssenich. Aus der Zeit stammt auch das Schimpfwort «Schwedenpack». Oder der Begriff «Schweden-Taxi» – es gehörte zum Dorfalltag, dass der Heli über der Region kreiste, weil man wieder einmal einen Blondschopf aus einem Hang retten musste. Das ist Schnee von gestern.

Der Tod fährt im Hang mit

«In Engelberg musst du einfach nicht so eine grosse Schnorre haben wegen nichts, dann gehörst du schnell dazu», sagt Lasse Larsson. Er muss es wissen, der 42-Jährige lebt schon seit zehn Jahren hier. Lasse kam als klassischer «Ski-Bum», die Nächte soff er durch, die Tage über heizte er die Hänge runter. Bis er Maya Spaar kennen lernte. Eine Einheimische, die das Snowboarden mit der Muttermilch aufsog.

Die Famiie Spaar-Larsson im Café des Spannort Inn in Engelberg OW.

Die Famiie Spaar-Larsson im Café des Spannort Inn in Engelberg OW.

  

«Ihre Technik war perfekt, besser als meine», sagt Lasse. «Die Skandinavier mit ihren langen Haaren und den hochgekrempelten Skihosenbeinen fielen auf», sagt Maya. Auch wegen der lockeren Lebenseinstellung. «Für mich war klar, dass ich meinen Job im Ausland sofort kündige, weil ich zu Maya ziehen wollte», erinnert er sich. Und sie: «Ich fand damals, er könne das nicht machen. So ins Blaue raus. Es war ja nicht klar, ob das mit uns was wird.»

Heute haben die beiden zwei kleine Töchter. Und Lasse kennt mehr Leute im Ort als Maya, sagt die 40-Jährige. Obwohl sie ein Sportgeschäft betreibt. Er fällt ja auch auf wie ein bunter Hund: mit den raubtiergemusterten Snowboardhosen, einem Lowrider-Fahrrad mit hohem Lenker – und den halblangen Haaren. Seinen Style hat er trotz Älter-, Sesshaft- und Vaterwerden behalten. Genauso wie seine «Adrenalin-Sucht», wie er sagt.

Er stehe zwar weniger häufig auf dem Snowboard als früher, weil er einen festen Job als Gerüstbauer habe. «Aber wenn ich dann da oben am Galtisberg stehe und die 2000 Meter lange Abfahrt vor mir habe, will ich immer noch einfach nur Gas geben.» Er schafft die Strecke in sechs Minuten. Und riskiert es auch, wenn die Schneeverhältnisse nicht top sind. Sprich: Wenn manche Stellen am Hang nicht hundertprozentig lawinensicher sind.

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«Heute weiss ich genau, wo ich aufpassen muss. Früher habe ich mehr Seich gemacht.» Einmal ist er einer heranrollenden Lawine entkommen, in der Nähe der Gerschnialp, zusammen mit zwei Freunden. Alle drei hatten Glück. «Wir konnten ihr davonfahren.» Anders die berühmte schwedische Freeskierin Mathilda Rapaport. Auch sie lebte in Engelberg. Bis zum Sommer 2016. Während der Dreharbeiten für einen Werbefilm in Chile kam sie ums Leben. «Ihr Tod bewegte uns alle», sagt Lasse. «Aber», sagt er auch, «wenn du wie wir abseits der Pisten unterwegs bist, bist du dir bewusst, dass der Tod immer mitfährt.»

Fünf schwedische Au-pair-Mädchen haben Maya und Lasse schon eingeflogen. Vier von ihnen wollten nach dem einen Jahr nicht mehr heim. Eine davon hat gerade einen Heiratsantrag erhalten. So läufts hier: Schweden ziehen andere Schweden nach. Und bringen ihre Bräuche mit. Die Fika zum Beispiel. Ja, die Fika. Was die Schweizer als simple Kaffeepause abtun, ist für Schweden der Event am Tag. Schlägt die Uhr drei, lassen sogar die Hotelangestellten in den Schweizer Bergen alles stehen und liegen.

Gunilla Madsen ist vielleicht die Ausnahme. Sie hat oft keine Zeit, sie ist die Geschäftsführerin des Hotels Hoheneck. Neben der Ski Lodge der Schweden-Treffpunkt schlechthin. Hier im Erdgeschoss, in der Bar, erlebte der Youngster Andreas Bryngel als Schlagzeuger von «Attack the Schwedenpack» seine 15 Minuten im Scheinwerferlicht. Gunilla kennt ihn nicht persönlich. Gunilla hat mit der Freerider-Szene auch wenig gemeinsam. Den Hype kann sie nicht nachvollziehen: «Ich finds verrückt, die beurteilen einander alleine daran, wie gut einer Ski fahren kann.» Die Mittvierzigerin kam vor anderthalb Jahren wegen ihres Jobs.

Bergleben ist nicht nur spassig

Auch die Schweden gibts in Engelberg. Solche, die wegen eines tollen Jobs aus den urbanen Zentren Stockholm, Göteborg oder Malmö direkt in die Pampa im Schatten des Titlis katapultiert werden. Gunilla und ihr Mann Bo haben weniger Mühe, sich zu integrieren. Sie kennen die Schweiz, studierten beide in Leysin VD Hotelmanagement, sie sprechen die Sprache. Anders ihre beiden Teenager-Jungs. «Der Jüngere sagt, ich hätte sein Leben zerstört», sagt sie. Er tue sich schwer, in der Schule muss er Deutsch und Französisch gleichzeitig lernen. Schwer auch mit der Mentalität des Bergvolks.

Hotel-Managerin Gunilla Madsen hat ihre Familie mitgebracht.

Hotel-Managerin Gunilla Madsen hat ihre Familie mitgebracht.

  

Die drückt auch in der Schule durch. Neulich kam er später heim, weil er nachsitzen musste. Er hatte seine Hausaufgaben vergessen. «Wo gibt es denn heute noch solche Strafen? Die vertrauen den Kindern zu wenig», sagt sie. Gunilla sieht das Zusammenleben weniger positiv als Lasse. Sie sieht das Trennende: Strikte Regeln, immer um Erlaubnis fragen hier – Eigenverantwortung, flache Hierarchien dort. «Als Engelberger in Schweden würdest du nervös werden», sagt die Mittvierzigerin.

Und Bo beobachtet immer wieder, dass bei Fehlern mehr Zeit damit verbracht werde, den Schuldigen zu suchen, als eine Lösung zu finden. «Bei uns ist es genau umgekehrt.» Und, und, und. Und trotzdem wollen sie bleiben. Mindestens drei Jahre lang. Gunilla hat grosse Pläne für das Hotel.

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