Wir können, mit Salman Rushdie, platt sagen: «Wer seine Geschichte nicht erzählen kann, existiert nicht.» Oder mit Plinius elegant, kurz und lateinisch: «Nulla dies sine linea». «Linie» meint natürlich nicht Kokain, den jetzigen Glücksbooster, sondern das Glück der gelungenen Notiz, der Skizze.

Bliebe ein Tag tatsächlich verloren, wenn ihm der Geist keine Schriftnote abgewänne? Wäre so gar ein Leben vertan?

Die folgende These mag verstören, wird aber oft entwickelt: Ein Leben erreicht, bei allem Glanz, nie ein Stadium, das «erfüllt» zu nennen rundweg legitim wäre. Leben bleibt skizzenhaft, ungeachtet dessen, was man treibt oder unterlässt. Ungewiss bleibt des Weiteren, ob das Leben skizzenhaft wirkt wegen etwas Umfassenderen, das wir nur indirekt wahrnehmen: als Mangel oder Unfrieden, als abwesenden Gott.

Dass Leute aus solchen Gründen täglich «Linien schreiben» – wer wäre davon überrascht? Braucht es dazu aber auch Öffentlichkeit, selbst im Zenith einer Karriere? Wir besuchten spät berufene Jungautoren und eine -autorin.

Artur K. Vogel

Jeder, der sich aufs Trapez begibt, kennt den Sog des freien Falls. Kann sich der Betreffende oben halten, stimmt trotzdem und in jedem Fall: Sich aufs Trapez zu schwingen, erfordert Mut. Artur K. Vogel hatte den Mut, obwohl er übers doppelte Risiko Bescheid wusste: Le Cirque littéraire kennt kein Sicherheitsnetz. Und einen Boden, worauf man immer landet, gibts auch nicht.
Vogel wirkt entspannt bei unserem Besuch in seinem ländlich gegroundeten Berner Haus. Wir nahmen an, er sei etwas ramponiert aus dem Trapezabenteuer hervorgegangen. Nitschewo – der Genussliebhaber tischt auf, kredenzt Wein und sagt, er hole schon wieder Schwung für den nächsten Roman. Für einen weiteren seien Ideen da: «Jedes Jahr möchte ich ein Buch veröffentlichen, bis ich tot oder gaga bin.» Dabei erschien sein Debüt – «Der Keller in der Kirchgasse» – erst vor kurzem. Wahrlich: ein reifer Debütant.
Was ist passiert, noch so spät? Verlief das Leben für ihn bisher nicht aufregend genug? Fehlt noch immer was?
Vogel ist mittlerweile 61 Jahre alt. Ein erfahrenerer Ausland-Journalist mit Spezialgebiet Naher Osten ist kaum zu finden in der Schweiz. Vogel leitete u.a. das Auslandressort des «Tages-Anzeigers» und der «Weltwoche». Noch bis Ende Jahr ist er Chefredaktor beim «Bund», ein Posten, den er nach seiner Tätigkeit bei der Aargauer Zeitung bezog. Er hätte aus seinen diversen Einsatzgebieten sicherlich noch eine Menge zu erzählen, gerade weil es bis in die heutige Aktualität Brennpunkte geblieben sind. Aber Vogel ging hin und schrieb einen Roman über einen erfolgreichen Juristen in der Krise.
Aus einer solchen entstand auch Vogels Roman; der Autor macht daraus keinen Hehl. Dass der Roman nicht mit seinem Leben zu verwechseln ist, versteht sich von selbst, mag der Protagonist auch – wie der Autor – einen charmanten Fimmel haben für handgenähte Schuhe, Kabrioletts und mehr. Nach vierzig Jahren am Schreibpult des Journalismus, bedeckt von Factsheets und Notizen, Tabula rasa zu machen und Stoff einfach mal zu erfinden – den Prozess schildert Vogel mit einer Verve, in der noch jetzt Lust oder Erleichterung spürbar werden, ja die Befreiung.
Nun hätte dieser Stoff ja auch als Manuskript in der Schublade verschwinden können? Anders gefragt: Genügt der Journalismus für die Erzählung des Lebens nicht? «Die meisten realen Geschichten», sagt Vogel, «sind nicht rund. Das merkt jeder wache und listige Journalist. Er rettet sich dann ins Genre der literarischen Reportage. Aber erfinden – das geht natürlich auch da nicht, obwohl namhafte Reporter viel flunkerten und logen.» Also wären nur Romane das Wahre? «Prost», sagt Artur K. Vogel, «auf das Leben!»
Artur K. Vogel Der Keller an der Kirchgasse. 320 Seiten. Offizin-Verlag, 2014.

Valentin Trentin

Als Einziger hier hat er keine Nebenaufgabe. Die Frühpension legte das Geleise sozusagen offen, das seine Lebensbahn immer schon begleitet hatte: Schrift gewordener Geist.
Die Bahnmetapher ist nicht verfehlt bei Valentin Trentin, Jahrgang 1948, der auch Bahn-Aficionado ist. Mit der gleichen Akribie, mit der er gedruckten Schwachsinn und Schlendrian erkennt und karikiert, korrigiert er auch falsche bahntechnische Angaben. Nur höchste Massstäbe dienen zur Beurteilung dessen, was Trentin als Vielleser täglich vorgesetzt bekommt. Die Messlatte geben die Grossmeister der Sprache vor; Trentin ehrt sie in einer Galerie über dem Portal seiner Homepage.
Wer so ungeduldig und hartnäckig wie Trentin breit getretenen Quark im Gedruckten aufspürt, der mag manchem Schreiber lästig fallen, sofern man ihn nicht gar fürchtet. Unbestritten aber bleibt ein Sprachkritiker noch Sprachfreund. Jedem Kopf muss man dankbar sein, der selber denkt und genau liest – sofern die gleichen Massstäbe auch für ihn gelten. Das ist bei Trentin der Fall.
Natürlich machen ihm glänzende Formulierungen spitzbübisch Freude, wo sie gelingen. Selbstredend geht da mal eine kunsthandwerkliche Weisheit vergessen, wonach es wirksamer ist, einen mittelmässigen Text zu ignorieren, statt ihn geistreich zu geisseln. Auch schmähen kann ehren. Und mit der dicken Berta muss nicht gleich jeder Dünnpfiff niederkartätscht werden.
Trentin war Sekundarlehrer, arbeitete an der Kinderbeobachtungs-Station der Psych. Klinik Königsfelden. Studierte an der Sorbonne Geschichte und Literatur. War Parteisekretär der SP Aargau und Grossrat; 1996 trat er aus der SP aus. Er war Unternehmensberater und Personalleiter. Und ist jetzt frei, als Autor. Trentin veröffentlichte einen satirischen E-Mail-Roman und Kurzgeschichten. Demnächst soll «Bruckners Requiem» erscheinen, ein Krimi. Kann man nicht leben, ohne davon zu erzählen?
«In Anlehnung an Gottfried Benn», sagt Trentin, «möchte ich eher pessimistisch antworten: ‹Schreiben ist die unbesoldete Arbeit des Geistes, der Fonds perdu, eine Art Aktion am Sandsack, einseitig, ergebnislos und ohne Partner.› Die Aktion am Sandsack hätte ich aber gern durch Schattenboxen ersetzt. Dennoch bedeutet Schreiben, als Mensch wahrgenommen zu werden und somit zu existieren.» Trentin verweist auf Martin Walser: «In den Tagebüchern vermittelt er die Einsicht, dass erst Schreiben dem Leben einen Sinn gibt. Was hätte ich sonst tun sollen? Essiggurkengläser sammeln?» (mad.)
Valentin Trentin Kurzgeschichten.
Satiren/Essays. Verlag swiboo, 2014.

Anne Rüffer

Ein Mensch, der sich weitgehend frei mit Büchern beschäftigen kann, tagaus tagein belebt von Bildern, Geschichten und Gedanken – keine Frage: dem fehlt nichts. Sitzt ein solcher Mensch, während rundum die Wüste wächst, doch gleichsam in einer Oase. Oder fehlt selbst da noch was?
Anne Rüffer schuf solche Oasen, indem sie mit Teilhaberinnen Verlage gründete: 2000 den Sachbuch-Verlag rüffer&rub, 2008 den Römerhof-Verlag, der sich ausschliesslich Biografien widmet. Zuvor schrieb sie Magazinbeiträge und war Autorin von TV-Reportagen, in deren Zentrum Menschen stehen mit stillen langen Nöten – Epilepsie, Bulimie, Schizophrenie, usw. Sie veröffentlichte Sachbücher (teilweise mit Co-Autorinnen) über Nobelpreis-Trägerinnen und «Frauen mit Idealen». Das Ideal des Schreibens kann sie klar umreissen: «Eine Haltung vertreten. Hervorragendes Fachwissen. Blendende Formulierungen. Mut, einen Sachverhalt in schöne Sprache zu giessen.» Fast alles auch Kriterien für Belletristik.
Davon war bisher nie die Rede.
Und nun erscheint ein Roman von Anne Rüffer, «Fräulein Franzen besucht das Glück». Nicht im eigenen Haus – die erfahrene Verlegerin muss niemand mahnen, ein einmal entwickeltes Profil ohne Not aufzuweichen –, sondern in Deutschland, ihrer ursprünglichen Heimat. Beziehungen in der Szene dürften wohl geholfen haben? «Es wurde eher schwieriger», sagt Anne Rüffer, «ich machte mir noch mehr Gedanken, ob meine Literatur steht und hält.» War das lange eine Art Geheimlabor mit stetig sich füllender Schublade?
Anne Rüffer redet heute gleich von drei Romanmanuskripten. Das deutet nicht auf einen Versuchsballon hin. Vielmehr auf eine Weichenstellung, ein neues Gleis. Und so, wie sich die Autorin darüber freut, wohl auch auf ein neues Glück. Nochmals: Diese Frau muss niemand warnen, wie viel beim Büchermachen unwägbar (und unsagbar) bleibt. Trotzdem liesse Anne Rüffer keines ihrer Projekte nur mal versuchshalber steigen. Bestimmt setzte sie das Vorhaben in Form dieser Frage – «Warum mache ich es nicht mal selber?» – ebenso zielstrebig um. Einen Graben musste sie dafür nicht überwinden. Sie konnte sozusagen am gleichen Tisch die gleiche Kaffeetasse verwenden und sich einfach mal auf die andere Seite setzen.
War es vielleicht verhaltene Sehnsucht, um die Seite zu wechseln? Diese Aura von Schriftstellern? «Ich habe unglaublich Respekt vor wirklichen Literaten», sagt Anne Rüffer, «bemerkte indes während des Arbeitens: Die eigene Sprache langweilt dich nie, auch wenn du etwas schon 750-mal poliert hast.» Fast mitfühlend schildert sie die Figuren, als wären es Familienmitglieder. Dabei hat sie Fräulein Franzen nicht mal entfernt der eigenen Biografie entnommen.
Fräulein Franzen besteht darauf, «Fräulein» genannt zu werden; sie ist eine formbewusste, schrullige, altenglisch anmutende Teichblüte des grossen Sumpfes Annoncen-Partnersuche. Sie lernt Herren kennen, korrespondiert mit ihnen in verschiedenen Masken, geht aus der Reserve und bleibt doch reserviert. Der Stil des Romans hat phasenweise ein altmodisches Aroma, auch in der auktorialen Warte; der Hang der Hauptfigur zum parfümierten Adjektiv spiegelt vielleicht gerade ihr Wesen. Während sich gewisse Schleier in diesem Frauenleben vergnüglich lösen, legen sich andere traurig darüber. (mad.)
Anne Rüffer Fräulein Franzen besucht das Glück. Roman. 272 Seiten. Verlag LangenMüller, 2014.

Hans Baumgartner

Vielleicht gibt es Berufe und Metiers, die einen besonderen Drang wecken, nebenher mit der eigenen Biografie zu spielen. Wenn man zum Beispiel Anwalt ist oder Finanzfirmen-Chef.
Die Bilanz, die so einer zieht nach einer gewissen Lebensspanne, wirkt eindrucksvoll. Die persönliche Erinnerung aber ist eine andere Instanz: widerständig, still, autonom. Gewichtet derselbe Mann nun Bilanz und Erinnerung, bleibt er dabei klug, setzt das vielleicht bald ein Spiel mit Biografie in Gang. Ein Spiel mit Möglichkeiten, die sonst nicht mehr unbedingt gegeben sind. Dann nennt sich jemand, der Hans heisst und Baumgartner, plötzlich Melchior und Werdenberg.
Hans Baumgartner führt eine grosse Anwaltskanzlei in Zürich, spezialisiert auf Wirtschafts-Strafrecht. Zehn Jahre lang war er Staatsanwalt, einst Mitglied der SP, bei der er nach dem Swissair-Prozess 2007 austrat. Als Verwaltungsrat sitzt er in Finanzgesellschaften und Hightech-Firmen, an denen er auch namhafte Anteile hält.
«Kein Problem», sagt er, «Sie können Namen nennen, ich verstecke mich nicht hinter dem Pseudonym.» Wir stehen bei stossweise einfallendem Wind am See in Zug, wo Baumgartner ein weiteres Büro hat. Die Rede ist nicht vom Tagesgeschäft, wir reden über Baumgartners Literatur: «Mein Non-Profit-Bereich.»
Warum erfand er für seine Kurzgeschichten den Autor Melchior Werdenberg? «Er verschaffte mir die Freiheit», sagt Baumgartner, «zu schreiben und zu publizieren.» Er tut das, fern seines Metiers, nicht zum ersten Mal. Baumgartner veröffentlicht bei Gelegenheit Buchrezensionen, etwa über Friedrich Glauser, unter anderem in der «Weltwoche». Am Zürcher Elster-Verlag ist er beteiligt. Wie praktisch – da erscheint jetzt Baumgartners literarisches Debüt «Teilwelten». Dadurch, sagt Baumgartner trocken, habe sich die Suche nach einem Verlag erübrigt; der Verleger habe indes den Impuls zur Publikation gegeben. Praktisch bleibt es freilich, in der Nacht geschriebene Texte jeweils am Morgen der Sekretärin zur Reinschrift zu bringen und erste Reaktionen entgegenzunehmen. «Erstmals», sagt Baumgartner, «genierte ich mich meiner Schreibe nicht hinterher. Das Risiko war da.»
Für Beschämung gibts keinen Anlass: Die Geschichten des Anwalts führen in eine Kindheit und frühe Jugend unter prekären Umständen in der ländlichen Schweiz der Nachkriegszeit (Baumgartner hat Jahrgang 1954). Das allein hätte schon als reflektiertes Zeitdokument einen gewissen Wert. Lesenswert macht die Geschichten jedoch eine eigentümliche Ambivalenz: Im Besitz von nur wenigen Hinweisen zum Grund der Dinge, mit denen das Kind von Erwachsenen abgespeist wird, empfindet und deutet es Welt völlig anders. Manchmal so sehr auf seine Weise, dass es zwischen Kind und Erwachsenen eine gemeinsame Welt nicht geben kann. Es fehlt an zureichender Erklärung. Das macht Baumgartner an still dramatischen Rissen der kindlichen Welt fest, für die er ein gutes Auge hat. Da und dort hätte man diese Brüche noch etwas literarischer fassen können: kompromissloser oder genauer.
Wäre das Leben des erfolgreichen Anwalts nicht rund geworden ohne Literatur? «Leben ist immer eine Unvollendete», lächelt Baumgartner: «Schreiben gibt ein gutes Existenzgefühl. Wie beim Bergsteiger im Steilhang, wenn der oder jener Griff sitzt, um nicht abzustürzen.» (mad.)
Melchior Werdenberg Teilwelten. Kurzgeschichten. 108 Seiten. Elster-Verlag, 2014.