Im Hof ist etwas los. Kinder drehen auf Velos und allerlei anderen Vehikeln ihre Runden, andere sausen die Rutschbahn hinab, graben im Sand oder klettern dort, wo es Möglichkeiten zum Kraxeln gibt. Das lebendige Wimmelbild ist auf vier Seiten eingefasst von Wohnhäusern. Brahmshof heisst der Bau im Zürcher Stadtteil Wiedikon. Gleich nebenan ist ein weiterer Innenhof, auch er vollständig von Wohngebäuden eingefasst, doch er ist leer. Die lebendige Seite ist die der Kindertagesstätte. Den Kindern, die nebenan wohnen, ist es an diesem Herbsttag wohl einfach zu kalt, um den Nachmittag draussen zu verbringen.

Marco Hüttenmoser jedenfalls hält den Brahmshof für sehr kinderfreundlich. «Der Innenhof ist verkehrsfrei und einfach zugänglich, auch dank der Laubengänge und den Aussentreppen, sodass die Kinder nicht nur einfach hinaus, sondern auch wieder hinein können.» Marco Hüttenmoser aus Muri AG beschäftigt sich seit den Siebzigerjahren mit den Themen Kinder im Verkehr und kinderfreundliche Lebensräume. Der Pädagoge führt die Forschungs- und Dokumentationsstelle Kind und Umwelt.

Er weiss aus eigenen und weiteren Studien, dass es für Kinder und ihre geistige und körperliche Entwicklung nichts Besseres gibt, als wenn sie möglichst früh ohne Begleitung von Erwachsenen im Freien mit Ihresgleichen spielen können. Dies wirkt sich positiv auf das Bewegungsverhalten aus, auf die Fähigkeit, sich zu orientieren wie auch ganz allgemein auf die geistige und soziale Entwicklung. Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm betonte kürzlich in einer Podiumsdiskussion: «Freies Spiel ist eine Grundlage für Schulerfolg.»

Mehr Platz für Kinder

Verdichtetes Bauen ist ein Gebot der Stunde. Die Bevölkerung wächst und die Städte sind als Wohnraum wieder attraktiver geworden, auch für Familien. Auf dem Land wie in Städten versucht man, auf möglichst wenig Fläche Wohnraum für möglichst viele Menschen zu schaffen. Wohngebäude werden grösser gebaut, ohne aber an die grauen Wohnblocks der Sechziger- und Siebzigerjahre zu erinnern.

In Zürich baute man verdichtet, lange bevor dieser Begriff en vogue war: Wohnbauten wie der Erismannhof oder der Bullingerhof entstanden in den Zwanziger- und Dreissigerjahren. Sie sind als Blockrandbebauung angelegt: Sie sind in Innern eines Strassenvierecks angelegt, die Wohngebäude liegen am Rand und schirmen einen grosszügigen Innenhof vom Verkehr ab.

In den letzten Jahren sind zahlreiche Siedlungen entstanden, die ebenfalls mit grossen und vielgeschossigen Wohnhäusern einen Innenhof einfassen. Ein Beispiel ist die Siedlung Triemli der Baugenossenschaft Sonnengarten am Fuss des Üetlibergs und unweit des gleichnamigen Spitals. Ein lang gezogener Park zieht sich zwischen den Wohnhäusern hindurch. Karin Gut wohnt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern – fünf- und zweijährig – in der Siedlung. Aus ihrer Sicht überzeugt der Hof: «Er wird unglaublich genutzt. Sobald die Kinder von der Schule, vom Kindergarten oder aus der Kindertagesstätte kommen, ist im Hof Betrieb. Auch die Erwachsenen gehen nach draussen, um sich zu treffen.

Viele Familien essen an warmen Abenden im Freien.» Ihre Tochter im Kindergartenalter geht alleine in den Hof, um mit ihren Freunden zu spielen. Das zweijährige Mädchen wird begleitet. «Die Triemlistrasse ist nah und einfach erreichbar, ausserdem finde ich das Klettergerüst und das Wasserbecken noch etwas zu gefährlich», erklärt Gut ihre Vorsicht.

Verschlossene Türen

Einen Haken haben aber fast alle modernen Wohnsiedlungen, so kinderfreundlich ihre Aussenräume angelegt sind: Die Türen lassen sich von aussen nur mit einem Schlüssel öffnen und sind oft so schwer, dass Kinder im Vorschulalter zwar alleine hinaus, aber nicht mehr hinein können. Untersuchungen von Hüttenmoser und weiterer Forscher zeigen, dass es viele Kinder davon abhält, im Freien zu spielen, wenn sie wissen, dass sie danach nur schwer wieder hinein können. Wenn Mutter oder Vater jedes Mal mitmuss, dann sinkt die Zeit massiv, die der Nachwuchs im Freien verbringt. Zudem entgehen den Kleinen wertvolle Stunden, in denen sie ohne Erwachsene mit Freunden spielen können.

Hüttenmoser ist überzeugt: «Nicht Computer und Playstation sind schuld, dass sich Kinder zu wenig draussen bewegen. Es ist umgekehrt: Weil es mühsam ist, nach draussen zu kommen, bleiben sie am Bildschirm hängen.» Wenn Kinder sehen, dass ihre Kameraden vor dem Haus sind, dann wollen sie auch hinaus – eine Tatsache, die alle Eltern kennen, die in einer Nachbarschaft mit vielen Kindern wohnen. Dieser Effekt spielt aber auch in die andere Richtung: Wo keine Kinder spielen, zieht es meist auch keine Kinder hin.

Damit Kinder, die draussen spielen wollen, nicht von der Tür aufgehalten werden, hat Hüttenmoser mit einem Ingenieur-Studenten ein kinderfreundliches Türschloss entwickelt. Dieses öffnet sich, wenn ein Badge-Armband an den Sensor gehalten wird. «Dieser Mechanismus ist auch für Senioren viel angenehmer», nennt er einen weiteren Vorteil des kindertauglichen Öffnens.

Das verdichtete Bauen kann Kindern somit ein ausgezeichnetes Umfeld bieten, um sich zu bewegen und mit Gleichaltrigen ihre Freizeit zu verbringen. Allerdings nur, wenn der Weg hinaus und wieder hinein kindergerecht ist. Das Gleiche gilt freilich für jede Art von Wohnhaus, sofern sich die Kinder im öffentlichen Raum (und nicht im privaten, eingezäunten Garten) frei bewegen können, wenn also weder Verkehr noch andere Einflüsse die Kinder in ihrer Spiellust einschränken. Und nicht zuletzt sind die Eltern gefordert, es ihren Kindern zuzutrauen, sich draussen selbstständig zu bewegen.