Schütteltraumas

Haben Schweizer Eltern vergessen, wie gefährlich es ist, ein Kleinkind zu schütteln?

Schreiende Babys bringen Eltern an den Rand der Verzweiflung - und manche schütteln sie dann, statt aus dem Zimmer zu gehen oder sich Hilfe zu holen.

Schreiende Babys bringen Eltern an den Rand der Verzweiflung - und manche schütteln sie dann, statt aus dem Zimmer zu gehen oder sich Hilfe zu holen.

Im letzten Jahr bestätigten sich am Kinderspital in Zürich wieder mehr Schütteltraumas bei Säuglingen. Dabei könnten Babys sogar im Spital schlafen, wenn kurzfristig anders keine Entspannung möglich ist.

Wenn Eltern an ihre Grenzen kommen und darüber hinaus, schütteln sie manchmal ihr eigenes Baby. 2019 bestätigten sich 5 von 10 Verdachtsfällen. Ein Jahr davor waren es zwei gewesen. «Wir hoffen, dass es nur ein statistischer Ausrutscher war», schreibt die Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle des Universitätskinderspitals Zürich. Am Unispital mussten diese Säuglinge mit einem Schütteltrauma behandelt werden.

Die Kinderschutzgruppe befürchtet, dass über die Jahre vergessen ging, wie gefährlich es ist, Kleinkinder zu schütteln. 1997 brachte dies eine Kampa­gne den Schweizern ins Bewusstsein und die Zahl der sogenannten Schüttelbabys nahm ab.

«Eltern müssen wissen, dass es normal ist, an den Punkt zu gelangen, wo man einfach nicht mehr kann», sagt der Leiter der Kinderschutzgruppe, Georg Staubli. Die Eltern müssten sich das eingestehen und dann Hilfe holen. «Die Angebote sind da und besonders Eltern mit einem kleinen sozialen Netzwerk sind darauf angewiesen.»

Ärztinnen und Ärzte müssen die richtigen Fragen stellen

Wenn also Grosseltern, Freunde oder Nachbarn nicht für eine Entlastung sorgen können, kommen Hebammen, Kinderärztinnen und -ärzte oder die Mütter-/Väterberatung zum Zug. Sie sollten kritische Situationen erkennen und Eltern am Rande ihrer Kräfte ansprechen. «Es reicht nicht, im Spital ein Schrei-Baby zu untersuchen», sagt Staubli, «die Ärzte müssen die richtigen Fragen stellen, sonst gehen die Eltern einfach wieder.» Fragen wie: «Waren Sie schon einmal kurz davor, dem Kind Gewalt anzutun?»

Schlafmangel sei dabei ein wichtiger Faktor, so Staubli. Wenn niemand im Umfeld die Eltern mit einem Schrei-Baby entlastet, dann kann ein solches Kind auch für eine Erholung der Eltern im Kinderspital bleiben. Laut Staubli sollte das in jedem Kinderspital möglich sein. In Zürich werde dies einige wenige Male pro Jahr gemacht.

Im Spital beruhigen sich die Schrei-Babys schnell

Ein schreiendes Kind im Spital, wie geht das? «Meist ist es so, dass sich diese Babys in den Armen einer fremden Person schnell beruhigen», sagt Staub­li, denn Eltern und Kind würden sich in solchen Fällen oft gegenseitig aufwiegeln. Deshalb sei eine Erholung so wichtig.

Wenn sich die Krisensituationen wiederholen, müsse geschaut werden, ob hinter der Überforderung der Eltern anderes stehe, wie Arbeitslosigkeit oder sonstige schwierige Umstände. In alltäglichen Krisen­situationen sollten Eltern vor ­allem Abstand nehmen: für ein paar Minuten das Zimmer verlassen, einmal ums Haus gehen, durchschnaufen – und in einem zweiten Schritt Hilfe organi­sieren. Niederschwellig und rasch ist auch Hilfe via den Elternnotruf 0848 354 555 zu erhalten.

Kein Grund zum Feiern, trotz Jubiläum

Die Kinderschutzgruppe feiert dieses Jahr das 50-Jährige, deren Opferberatungsstelle das 25-jährige Bestehen. Zum Jubiläumsjahr gibt es aber auch in den anderen Bereichen der Kindsmisshandlung keine guten Neuigkeiten: Insgesamt gab es 544 Verdachtsfälle im letzten Jahr, 16 mehr als im Vorjahr. Zwei Drittel der Fälle melden Personen von ausserhalb des Spitals: Kinderärzte, Eltern, Bekannte oder Nachbarn.

Von den 544 Verdachtsfällen, bestätigten sich 387, bei 29 Kindern stellte sich im Verlaufe der Untersuchung heraus, dass die Symptome medizinisch erklärbar waren und keine Misshandlung vorlag. Bei 128 Kindern blieb der Verdacht bestehen, der Missbrauch konnte aber nicht nachgewiesen werden. In diesen Fällen wurden die Kinder engmaschiger kontrolliert oder zum Beispiel mit den Kinderärzten oder der Mütter-/Väterberatung vernetzt, teilt die Kinderschutzgruppe mit.

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