Als Toni Spillmann im Spital zu sich kommt, hat er einen Filmriss. Zwei Wochen sind wie weggeblasen. Ein lauer Sommerabend mit Freunden und eine rasante Fahrt auf einem Skateboard: Das sind seine letzten Erinnerungen. Den Rest kennt der heute 32-Jährige nur von den Erzählungen seiner Familie und Freunde. Dass er gestürzt und heftig auf den Hinterkopf geknallt ist. Und dass sich rasch bedrohlich viel Blut in seinem Hirn angesammelt hat.

Die Diagnose der Ärzte: Schädel-Hirn-Trauma. Um ein Haar wäre Spillmann gestorben.

Zwei Monate liegt er im Spital. Das Sprechen fällt ihm schwer. Weil er Schmerzen beim Schlucken hat, wird er per Infusion ernährt. Eisern kämpft sich der angehende Primarlehrer zurück ins Leben. Die Reha ist hart, doch er macht rasch Fortschritte. Bald kann er sogar sein Studium mit einem kleinen Pensum fortsetzen. Glück gehabt, alles wird wieder gut.

Wie bei einer Querschnittlähmung

Doch etwas bereitet Spillmann zunehmend Sorgen: Er kann nichts mehr riechen. Die Pizza im Ofen, Regen auf heissem Asphalt, die Abgase auf den Strassen – nichts. In einer Therapiesitzung spricht er das Thema an. Die Ärztin hält ihm alle möglichen Fläschchen unter die Nase – doch da ist nichts. «Sie erklärte mir, mein Geruchssinn werde wohl irgendwann nach der Reha zurückkehren, wenn alles abschwillt», erinnert er sich. Seufzend fügt er hinzu: «Das ist jetzt acht Jahre her.»

Spillmanns Anosmie – so der Fachbegriff für den Verlust des Geruchssinns – hatte denn auch nichts mit dem Verheilen seiner Verletzungen zu tun. Vielmehr liegen die Wurzeln dafür im Unfall selbst. «Geruchsinformationen werden über die Nervenfasern winziger Riechsinneszellen vom Nasenraum zum Hirn weitergeleitet», erklärt Antje Welge-Lüssen, Leiterin der Otoneurologie am Universitätsspital Basel. Bei einem schweren Schädel-Hirn-Trauma könnten diese Nervenbahnen regelrecht abgeschert werden, sodass keine Verbindung mehr zwischen den Zellen in der Nase und der informationsaufnehmenden Region im Gehirn bestehen. «Ähnlich wie bei einer Querschnittlähmung», sagt die Expertin, «kann man diese Zellen nicht mehr verbinden, sind sie einmal getrennt.»

SRF Einstein: Anosmie – wenn die Nase «erblindet»

Die Monate vergehen und Spillmann wird immer unglücklicher. «Man denkt normalerweise nicht gross über den Geruchssinn nach», sagt er heute. «Erst wenn er auf einmal weg ist, wird einem bewusst, wie extrem wichtig er ist.» Die Vorfreude aufs Essen, das Erleben der Jahreszeiten, der Duft seiner Freundin – über all das hat sich für Spillmann ein grauer und fader Vorhang gelegt.

Lange will der 32-Jährige nicht wahrhaben, dass sein Geruchssinn für immer verloren ist. Kurz nach der Reha bildet er sich noch oft ein, gewisse Düfte riechen zu können, wenn andere davon sprechen. «Das waren wohl meine Erinnerungen an die Gerüche, die mir einen Streich spielten», vermutet er. «Heute erlebe ich solche Momente kaum mehr.»

In den ersten Jahren nach dem Unfall fragt er noch oft seine Familie und Freunde, wie es in einem Raum riecht oder wonach das Gericht auf dem Tisch duftet. «Mittlerweile habe ich damit aber aufgehört», erklärt Spillmann. «Geruch existiert für mich nicht mehr. Ich weiss zwar, dass es ihn gibt, doch ich habe aufgehört, daran zu denken.»

Auch Duftkerzen kann Toni Spillmann nicht riechen

Auch Duftkerzen kann Toni Spillmann nicht riechen

Seine Riechstörung hat Spillmann auch schon in brenzlige Situationen gebracht. Als er mit seinem Auto einen Freund zum Baden am See abholt, bemerkt dieser plötzlich einen beissenden Geruch – wegen eines Schadens am Motor strömten Abgase ins Wageninnere. «Wäre ich alleine unterwegs gewesen, hätte ich die Gefahr nicht erkannt und wäre vielleicht ohnmächtig geworden.»

Unsichtbare Behinderung

Die Minderung oder der Verlust des Geruchsinns wird als Behinderung meist unterschätzt. «Man sieht die Störung einem Menschen nicht an», erklärt Antje Welge-Lüssen. «In der Gesellschaft hat die Anosmie darum nur einen mässigen Stellenwert.» Dabei kommt sie recht häufig vor. Rund 15 Prozent der über 45-jährigen Schweizerinnen und Schweizer leiden heute unter einer Riechminderung. Fünf Prozent riechen gar nichts mehr, wobei die häufigste Ursache Erkrankungen wie Nebenhöhlenentzündungen oder andere Infekte sind. Die Auswirkungen der Anosmie auf den Alltag seien immens, wie die Expertin erklärt. Betroffene könnten sich stark zurückziehen und würden nicht selten Depressionen entwickeln.

Auch für Spillmann ist der Verlust des Geruchsinns eine Belastungsprobe geblieben. Am schlimmsten ist es beim Essen. Essen nicht mehr geniessen zu können, damit findet sich der 32-Jährige aber nicht ab. Er ist überzeugt: «Wie blinde Menschen ein besseres Gehör entwickeln, hat sich bei mir über die Jahre der Geschmackssinn mehr ausgeprägt.» Darum könne er heute Essen durchaus über die Geschmacksknospen seiner Zunge geniessen, wenn auch die Vorfreude auf die leckere Pasta oder die frisch gebackene Pizza ausbleibt.

Und überhaupt: Jammern über die Anosmie will Spillmann nicht. Zu stark sind ihm damals die Worte seines Arztes während der Reha eingefahren. «Ich sagte zu ihm, ich sei froh, nur den Geruchssinn verloren zu haben und nicht etwa mein Augenlicht», erinnert er sich. Darauf habe der Arzt ihn ernst angeblickt und erwidert: «Sie können froh sein, überhaupt noch am Leben zu sein.» Toni Spillmann hat seinen Geruchssinn gegen ein zweites Leben eingetauscht.