«Ich wollte mit Kindern arbeiten, um ihnen etwas von dem zu geben, was ich selber im Leben erhalten habe», sagt Eda Aybet. Sie meldete sich im Rahmen einer mehrmonatigen Reise für zwei Freiwilligeneinsätze in Südafrika an. Drei Wochen arbeitete sie in einer Kindertagesstätte am Rande der Townships in Kapstadt. «Bei der Einführung wurde uns gesagt: ‹Erwartet nicht zu viel, ihr sollt nicht die Welt retten, sondern nur mithelfen›.» Der erste Arbeitstag war ein Schock: «Wir wurden weder eingeführt noch angeleitet, sondern mussten einfach anpacken. Eine Tagesstruktur gab es nicht.» Vermittelt wurde Eda Aybet vom spezialisierten deutschen Anbieter Travelworks.

Voluntourismus unterscheidet sich von Freiwilligendienst für Hilfswerke vor allem dadurch, dass Freiwillige Zeit, Ort und Einsatzbereich frei wählen können und keine Berufserfahrung mitbringen müssen. In Deutschland machen pro Jahr ungefähr 20'000 Volunteers solche Einsätze. In der Schweiz fehlen Zahlen.

Eda Aybet bezahlte für den Einsatz in der Kindertagesstätte 770 Euro. Sie wohnte zusammen mit fünf anderen Volunteers bei einer Gastfamilie, wo sie in einem Mehrbettzimmer lebten. «Mir gefiel es, weil die Atmosphäre stimmte und die Familie uns unterstützt hat.» Vom Kulturaustausch, der in den Ausschreibungen angepriesen wird, merkte sie wenig. «Die Betreuerinnen zeigten uns die kalte Schulter.» Sie mussten den Alltag bewältigen, während sich die Kinder über Geschenke und Zuwendung der Volunteers freuten. Erst nach zwei Wochen sei ein Austausch entstanden.

Es geht vor allem ums Abenteuer

Eine Bachelorarbeit am Departement Psychologie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften hat die Motive und Bedürfnisse von Volunteer-Touristen untersucht. Es wurden Freiwillige im Alter von 18 bis 69 befragt. Als wichtigste Motive für ihr Engagement nannten sie «Abenteuer» gefolgt von «Lernen». Weniger ausgeprägt war das Gefühl der Verbundenheit mit den Menschen vor Ort. Die Wirkung des Einsatzes interessierte sie kaum.

In der Schweiz sind die grössten kommerziellen Anbieter von Voluntourismus die Reiseagenturen STA-Travel und Globetrotter. Laut Nick Gerber von Globetrotter nimmt die Zahl der Freiwilligen jährlich um etwa 20 Prozent zu. «Wir bieten damit Lernerfahrung an.» Gleichzeitig betont er, dass es längere Einsätze und Fachwissen brauche, um im Land etwas zu bewirken.

Die Plattform «fair unterwegs», die Beurteilungskriterien für bewusstes Reisen anbietet, setzt sich kritisch mit dem boomenden Volunteer-Tourismus auseinander. «Die gute Absicht allein ist nicht genug», sagt die Geschäftsführerin Christine Plüss. «Freiwilligeneinsätze nützen, wenn sie als Lernprojekte organisiert werden, bei denen die Einheimischen mitbestimmen können.» Wichtig sei eine bewusste Auswahl, bei der man bei den Anbietern auf bestimmte Kriterien achte.

Genaues Hinschauen ist wichtig. Das hat auch eine Umfrage bei 44 zufällig ausgewählten kommerziellen Anbietern gezeigt: Nur jeder Fünfte verlangte von den Volunteers einen Lebenslauf oder ein Motivationsschreiben, und nur drei Anbieter führten ein persönliches Bewerbungsgespräch durch. Auch Eda Aybet hatte ihren Aufenthalt telefonisch organisiert.
Für Interessierte ist es nicht einfach, sich im Dschungel der Angebote selber zurechtzufinden. In der Schweiz gibt es keine unabhängigen Vermittler. Für Globetrotter organisiert Travelworks die Einsätze. «Die Verantwortung vor Ort haben einheimische staatlich anerkannte oder zertifizierte Organisationen», erklärt Tanja Brandt, die Geschäftsführerin von Travelworks.

Vom Geld, das die Volunteers für den Aufenthalt zahlen, geht etwa 70 bis 75 Prozent ins Gastland und ins Projekt. Der Rest geht an den Veranstalter und die Agenturen, «für die dort erbrachten Kundenleistungen, insbesondere die Betreuung der Volontäre, die Koordination der Projekte und die Administration», sagt Tanja Brandt von Travelworks.

In Deutschland bietet das Portal «Wegweiser Freiwilligenarbeit» eine Auswahl von 24 Anbietern mit rund 500 Einsatzmöglichkeiten an, die auf Qualität, Präsenz vor Ort, Transparenz und Verhaltensrichtlinien hin überprüft werden. Obwohl die Nachfrage gross ist, führt die Plattform keine Einsätze in Waisenhäusern, «weil sie besonders anfällig für Missbrauch sind und ständige Wechsel auf die Kinder traumatisierend wirken», so Frank Seidel, der die Plattform aufgebaut hat. Er arbeitet möglichst nur mit Anbietern zusammen, die vor Ort sind. «Denn je mehr Stationen zwischen dem Projekt und den Freiwilligen stehen, desto schwieriger kann die Qualität des Programms für Gastgeber und Volontäre sicher gestellt werden.»

Nutzen ist umstritten

Ob Voluntourismus dem Gastland wirklich etwas bringt, ist umstritten. «Wer während eines Projekts hautnah die Probleme des Gastlandes erlebt, hat hoffentlich nach der Heimkehr noch Lust, sich weiter für eine gerechtere Welt einzusetzen», sagt Frank Seidel.

Eda Aybet stellte sich nach ihrem Einsatz auch die Frage nach der Wirkung – und sagt selbstkritisch: «Schon das Gefühl, etwas zurückgeben zu wollen, ist eigentlich egoistisch. Ich habe viel profitiert, vorher hatte ich ja noch nie mit Kindern gearbeitet.» Für sie ist klar, dass sie sich weiter engagieren möchte.