Je näher man der Tiefe kam, desto spürbarer wurde daraus der Sog. Der Neunzigjährige zog die Kappe übers Gesicht. Sein Nebenmann in der Kutsche wurde bleich, ein deutscher Tourist. Wo selbst Einheimische die Furcht packt – wie sollten sich da erst Besucher fühlen? Die einzige Frau in der Kutsche lächelte, aufmerksam und amüsiert. Sie kannte den Alten, Barba Battista, diesen Schrat aus dem Bergell. Kannte seine Sprüche und Widersprüche und wusste: Barba hatte nichts anderes im Sinn, als dem Deutschen noch mehr Angst einzujagen.

Nicht die Angst vor der Maloja-Schlange, dem Nebel und Wind. Aber die Angst vor dem Maloja-Abgrund. Noch heute werden die Knie weich, wenn man auf die Kante zugeht, hinter der das Tal jäh abfällt. Da hinein wurde auch eine Art Maloja-Schlange gequetscht, aus Stützstein und Asphalt, die Passstrasse. Sie windet sich sehr, Töff-Fahrer lieben es. Kameradrohnen erzielen spektakuläre Wirkung: knapp überm Boden, gibt der plötzlich schwindelerregend nach. Leider war die erste Schlange zu wild, der Wind, als wir es mit der Drohne versuchten, die Fotografin und ich.

Aber zurück zur Kutschenzeit: Nachfühlen kann man gewiss, wie einem Gast zumute gewesen sein muss, wenn er damals über die Naturstrasse hinausblickte – ins Nichts. Wohl mit Stossgebet: Möge der Kutscher keine Schnapsdrossel und kein Irrer sein! Gut beschlagen sei jeder Huf und friedlich jeder Gaul! «Gott hilf!», denkt also der Deutsche, während Barba Battista brummt, der Einheimische: «Ich sehe nur noch Fremde. Gar nicht mehr möglich, in der Einsamkeit der Berge an Gott zu denken.»

«Es ist ganz normal, dass Bergeller in jungen Jahren das Tal verlassen»

«Es ist ganz normal, dass Bergeller in jungen Jahren das Tal verlassen»

Anna Giacometti ging selbst bereits mit 15 Jahren und kam wieder zurück. Sie ist Gemeindepräsidentin der Commune di Bregaglia. 

Maloja sehen und sterben

Das war 1901, als hier ein ganz neues Zeitalter anbrach. Die Belle Epoque hatte im Engadin auch noch den letzten See erreicht. Und Maloja, das vermeintlich letzte Dorf, das erste freilich im Bergell. Bis dahin Terra incognita mit schlimmem Ruf: Diebesgesindel machte die Wege unsicher, abgesehen von den Gefahren der Natur. Dann kamen der Tourismus und die Kunst. Beides zog Kreise, wobei allein die Kunst die Klärung der Frage lohnt: Warum Segantini, Giacometti, Varlin, Amiet? Warum so viele Fotografen, Schriftsteller, Utopisten, Visionäre – seit 150 Jahren schon? Es gibt keinen einheitlichen Grund. Aber was bis heute gilt, steckt vielleicht in diesem Satz: «Nur das Schweigen des Hochgebirges hier spricht zum Gemüt eine Sprache, wie sie eindringlicher keines Menschen Zunge jemals gefunden hat.»

Natürlich kam auch die Spekulation und spielte auch hier verrückt. Der belgische Graf Renesse klotzte den obligaten Luxuskur-Talriegel hin und dachte an eine Stadt mit Gebäuden, grösser als das Polytechnikum in Zürich. Mit durchzogenem Ende. Um ein Wort aus Napoli zu variieren: «Vedi Maloja e poi muori», Maloja sehen und sterben – das wollten mindestens Graf und Gräfin. Aus Maloja aber, obgleich heute leicht zersiedelt, wurde keine Stadt. Das Kurhaus ging verloren. Der Graf gilt als verschollen, die Gräfin ruht nicht wie erträumt in Bergeller, sondern in belgischer Erde.

«Der Wegzug war nicht meine Entscheidung, die Rückkehr schon»

«Der Wegzug war nicht meine Entscheidung, die Rückkehr schon»

Simona Rauch die reformierte Pastorin im Tal und die erste Frau in diesem Amt.

Ein Stück ETH aber wurde gebaut – gewissermassen. Man findet es heute weiter unten im Tal, in Castasegna. Wo die Luft, Temperatur und Sprache anders sind. So wie alles nach jeder Geländestufe im Bergell anders wird, je südlicher man kommt. Da steht tatsächlich ein Stück Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, dazu ein ultramoderner Annex, wohin die ETH meist ihre Leute zu Seminaren schickt: Die Villa Garbald, erbaut nach Skizzen von Gottfried Semper, Architekt der ETH. Die Villa muss Semper, ähnlich wie der Graf, seinerseits mehrheitlich erträumt haben, nach Stilmuster toskanischer Landhäuser; Semper war nämlich nie im Bergell.

Furor gegen Hexen ist rätselhaft

Traum – Kunst – Wirklichkeit – ausgerichtet nach solchen Geländestufen im Geist wird unsere Route sein durchs Bergell. Dabei lassen wir uns von jener Dame führen, die wir beim Start in der Kutsche kennen gelernt haben: Silvia Andrea. 1901 hatte sie ihre Beobachtungen gemacht und so gut beschrieben, dass das Büchlein heute noch lesenswert ist und 2014 auf Deutsch neu aufgelegt wurde (siehe Infobox unten). Andrea (1840–1935) hatte mit Ehemann und Familie Jahrzehnte in der besagten Villa Garbald gelebt. Von ihr stammt auch unser Zitat über das eindringliche Schweigen im Gebirge.

Klug und amüsiert: Silvia Andrea.

Klug und amüsiert: Silvia Andrea.

Es ist durchaus ein Bergeller Merkmal, wenn eine Frau uns sagt, wo es langgeht. Heute sind Frauen tonangebend im Bergell – Silvia Andreas Enkelinnen sozusagen. Im tragischen Gegensatz zu ihnen erlitten sozusagen die Grossmütter von Silvia Andrea ein ganz anderes, blutiges Schicksal: Viele wurden gefoltert, verfolgt und verbrannt.

Nun sind solche Verfolgungen keine Bergeller Spezialität. Früher aber als in anderen Kantonen trat hier der Hexenwahn auf. Kurzzeitige Ausbrüche des Furors bleiben besonders rätselhaft. Auch dort, wo die Prozesse über die Reformation hinausgingen.

Silvia Andrea schreibt: «In 19 Jahren wurden 48 Weiber und fünf Männer angeklagt. Davon wurden vier Männer und neun Weiber hingerichtet, neun Weiber verbrannt, eines gehängt.» Das Tal zählte damals kaum 2000 Personen (1500 heute). Die Anklage lautete auf «Tanz mit Dämonen»; manchmal war es bloss Tanz mit einem anderen – also eine Bagatelle. Noch 1795 wurden zwei Männer enthauptet, die ein Pferd gestohlen hatten.

Wenn Anna Giacometti, eine Bergellerin von heute sagt, früher wäre sie als Hexe gebrandmarkt worden, dann kann man ermessen, wie dünn jeweils der Firnis ist des Zivilisatorischen oder der Kultur. Die Richter und Popanzen von damals sollten die Frauen heute sehen! Wie gut sie das Bergell ordnen, wie sehr sie es lieben.

Nicht mehr Schweiz, immer noch Bergell: das lebhafte Chiavenna.

Nicht mehr Schweiz, immer noch Bergell: das lebhafte Chiavenna.

Jedes Kind muss früh gehen

Eine gewisse Härte bestimmt auch heute noch das Leben. Eine Unausweichlichkeit, woran sich anscheinend alle gewöhnt haben, wovon aber alle erzählen, wenn die blaue Stunde anbricht zwischen den phänomenalen Bergklüften. Jedes Kind weiss von früh auf: Ich muss weg, spätestens mit fünfzehn. Eltern, Verwandte, Klassenkameraden verlassen, den angestammten Platz, den Fluss, das Dorf verlieren. Im Bergell gibt’s kaum Möglichkeiten zur Entfaltung, seit alters her. Wenn sonst in der Schweiz die Jungen mit 25 flügge sind, meist immer noch nicht ganz trocken hinter den Ohren, dann sind Bergeller zehn Jahre früher damit fertig.

So besuchen wir zwar das Tal im Gefühl, eine der abgelegensten Regionen der Schweiz zu entdecken. Im Grunde aber ist das Bergell überall. Es zeigt uns, wie schroff die Dinge werden können. Aber auch welche Kraft uns bindet im Verteilten.