Zürich wird diesen Monat zum Mekka der TV-Hundeflüsterer-Fans: Mit dem Deutschen Martin Rütter (15. April) und dem US-Amerikaner Cesar Millan (28. April) gastieren zwei illustre Figuren der Hundeszene mit ihren Shows im Hallenstadion in Zürich. So verschieden ihr Hintergrund und ihr Wissen über die Biologie des Hundes, so weit liegen auch ihre Philosophien und Erziehungsmethoden auseinander.

Zwar gibt es durchaus Gemeinsamkeiten zwischen den beiden: Rütter hat beim deutschen Privatsender Vox seine Hunde-Profi-Serien, Millan bei Sixx. Beide sehen die Probleme nicht beim Hund, sondern am andern Ende der Leine, beim Menschen. Sie gehen es aber unterschiedlich an: Millan demonstriert, wie man den Hund bewusst in Schwierigkeiten bringt, um ihn dann gefügig zu machen, wobei er mit seinen Mitteln (Stachel-, Würgehalsband, Rucks, Kicks etc.) nicht zimperlich ist. Anders Rütter, der dem Halter aufzeigen will, wie er dem Hund hilft, seine Probleme zu lösen, indem er vorher die Ursache abklärt.

Auch hier benutzt Cesar Millan ein Würgehalsband, provoziert erst den Hund und traktiert ihn dann, bis er aufgibt.

Hier benutzt Cesar Millan ein Würgehalsband, provoziert erst den Hund und traktiert ihn dann, bis er aufgibt.

Rütter, der Kabarettist

Ihre Shows sind ebenfalls grundverschieden, wenn auch beide die Spezies Hundehalter gerne auf die Schippe nehmen: Millan als Rudelführer und Entertainer – Rütter als Kabarettist in der Rolle des Hundeanwalts. Während bei Millan Hunde dem Showlärm von bis zu 100 Dezibel ausgeliefert sind, nimmt Rütter keine Tiere auf die Bühne. «Nie im Leben würde ich Hunde diesem Stress aussetzen», sagt der Deutsche, «ich würde mich damit als Fachperson unglaubwürdig machen.»

Im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» sagt der 47-jährige Martin Rütter, dass er Cesar Millan nicht als Konkurrenten sehe. Mit dessen Methoden habe er nichts am Hut. «Millan vertritt Thesen, die wissenschaftlich längst überholt sind, und praktiziert Methoden, die vom Tierschutz verurteilt werden.»

Geduld statt Dominanz

Rütter spricht die Dominanztheorie an. Sein amerikanischer Gegenspieler postuliert, der Hund müsse sich dem Menschen unterwerfen. Hunde mit einer schwierigen Vorgeschichte (etwa weil sie misshandelt oder ausgesetzt wurden), die Millan laut Marketing angeblich vor dem Einschläfern rettet, benötigen laut Rütter Einfühlungsvermögen und Geduld bei der Resozialisierung. Er ortet bei den von Millan angeführten schweren Fällen normale Alltagsprobleme, wie sie bei pubertierenden oder falsch erzogenen Hunden auftreten. «Mich nervt besonders, dass ihm Laien diesen Unsinn sogar abkaufen», sagt Rütter und fügt schalkhaft an: «Er wird auch alle fünf Minuten gebissen, weil er den Hund nicht einschätzen kann.»

Als Kind hätte Martin Rütter gerne einen Hund gehabt, durfte aber nicht. Doch er führte als Student Hunde aus und verdiente sich damit sein Taschengeld. Es sprach sich in Köln herum, wie entspannt die Hunde hinterher seien. Mit 23 Jahren schmiss er sein Sportstudium hin und bildete sich bei der Akademie für Naturheilkunde (ATN) in der Schweiz zum Tierpsychologen aus. 1995 gründete er bei Erftstadt in Deutschland das Zentrum für Menschen und Hund. Er entwickelte unter dem Titel Dogs Oriented Guiding System (DOGS) seine Methode, nach der er ebenfalls Hundetrainer ausbildet.

Der Begriff Hundetrainer sei nach seiner Meinung zwar nicht korrekt, so Rütter, da er ja Menschen erziehe. Verhaltensprobleme würden meist auftreten, weil die Kommunikation nicht klappe, «weil der Mensch den Hund schlicht nicht versteht». So sei er in den 25 Berufsjahren zu einer Art Anwalt der Hunde geworden, meint Rütter. In seiner neusten Show plädiert er für den Freispruch des Hundes. «Er sitzt immer auf der Anklagebank, weil er zieht, bellt, hochspringt und so weiter. Ich gehe nun von der Symptomatik zurück zur Ursache, und die liegt beim Zweibeiner», erklärt Rütter.

Dass er als Hundefachmann wegen seiner kabarettistischen Auftritte nicht ernst genommen würde, glaubt Rütter nicht. «Ich halte neben meiner Arbeit Vorträge an Universitäten, habe 15 Fachbücher geschrieben. Ich denke, dass ich kompetent bin.» Und zum Thema Humor: «Wissen lässt sich damit viel besser transportieren.»

Martin Rütter betrachtet den Hund in der heutigen Gesellschaft als vollwertiges Familienmitglied, zumal er als einziges Tier ein anderes Wesen (den Menschen) als Sozialpartner akzeptiere. Es brauche bei der Erziehung nur ein Regelpaket, innerhalb dessen der Hund seinen Freiraum haben und nicht ständig unter Kommandos gestellt werden solle. «Den Hund zu fragen, wie er es gerne hätte, funktioniert nicht», sagt Rütter. Denn Hundeerziehung dürfe nicht demokratisch sein, aber auch nicht diktatorisch oder autoritär.
Mit Kritik könne er durchaus leben, erklärt Rütter. Den Vorwurf jedoch, auch er würde (wie Millan) Hunde bewusst in Problemsituationen führen, damit es spektakuläre TV-Bilder gäbe, weist er «in aller Schärfe» zurück. Er müsse das Problem eines Hundes zuerst mit eigenen Augen sehen. «Dann stoppe und analysiere ich und baue ein Alternativverhalten auf», sagt er.

Gelegentlich fliegt eine Dose

Ganz gewaltfrei geht es jedoch auch bei Rütter nicht immer zu und her, und das kreiden ihm kompetente Kolleginnen und Kollegen etwa an. Auf die Frage, warum denn bei seinen TV-Folgen hin und wieder die Dose Richtung Hund fliegt oder die Wasserpistole ein Bellen abstellen soll, fühlt sich Rütter leicht in die Enge getrieben: «Wenn man meint, bei mir wird der Hund immer in schwierige Situationen gebracht, um ihn dann zu erschrecken, damit er das Verhalten einstellt, ist das Quatsch.» Das komme vielleicht in zwei von dreissig Sendungen vor, und er trainiere den Hund zuerst stets ausserhalb von Stresssituationen. Dann folgt fast entschuldigend: «Der Halter soll auch mal sehen, wenn der Hund nach einem negativen Erlebnis kapiert, was er nicht darf.» Ob das Tier es wirklich kapiert, das bezweifeln andere Fachleute.

Bei all seinem Charme und Ulk – ganz von aversiven Mitteln und Methoden distanziert sich Martin Rütter dann doch nicht. Auf die Frage, ob aversives Training in der Hundeerziehung beim heutigen Wissensstand noch eine Berechtigung habe, antwortet er: «Korrekturen sind auch unter Hunden oft aversiv, die tauschen keine Belohnungen aus.» Dass sich Rütter zu einem solch schiefen Vergleich verleiten lässt, erstaunt. Oder will er sich damit entschuldigen, wenn es in seiner TV-Folge wieder Mal eine gewaltsame Korrektur absetzt? Hunde sind primär Konfliktvermeider. Gibt es unter ihnen Streit, dann aus einer Bedrohung heraus oder wegen einer Ressource. Aversives Verhalten, im Sinne von dem andern Schmerzen zufügen wollen, kennen Hunde untereinander nicht. Das ist vielmehr die Eigenart des Menschen, Probleme mit dem Hund lösen zu wollen, wenn sein Wissen nicht mehr weiterreicht.