Pro und Kontra

Greta Thunberg: 16-jährig und weltbekannt – doch gehört sie ins Scheinwerferlicht?

Greta Thunberg schüttelt Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, am WEF die Hand.

Greta Thunberg wurde innert Wochen zum Star der Klimabewegung. Die Schülerin sorgte mit Protestaktionen vor dem Schwedischen Parlament weltweit für Aufsehen. Doch gehört sie in ihrem Alter auf die ganz grosse Bühne? Das Pro und Kontra.

Pro: «Man muss sich Greta glücklich denken»

Der Kampf gegen den Klimawandel hat sein Aushängeschild gefunden. Mitleid muss man mit Greta Thunberg deshalb nicht haben.

Von Sabine Kuster, Ressortleiterin Leben & Wissen

Dass sich das Klima erwärmen würde, davon spüren wir in diesen Tagen gerade wenig. Und sowieso ist der Klimawandel ein unfassbares Problem. Man kann gut auch einfach nicht dran denken, wenn man nicht gerade vor einem Schweizer Gletscher steht. Aber jetzt gibt es diese 16-jährige Schwedin, die unermüdlich gegen das Nichtstun protestiert. Dass der CO2-Ausstoss gestoppt werden sollte, weiss man nicht erst, seit Greta Thunberg im August nicht in die Schule ging und zu streiken begann für den Klimawandel. Aber wahrscheinlich brauchte die KlimaBewegung ein überzeugendes Aushängeschild wie Greta. Ein Vorbild.

Wer nun bloss davon redet, wie das Mädchen mit dem Asperger-Syndrom von der Politik instrumentalisiert wird und medial breitgeschlagen, unterschätzt Greta Thunberg. Natürlich ist das der Fall. Aber auf ihrer Reise ans Weltwirtschaftsforum WEF nach Davos sagte sie: «Jeder Artikel über mich muss den Klimawandel thematisieren. Das ist gut.» Das tönt nicht nach Opfer. Sondern nach jemandem, der genau weiss, wie man die Aufmerksamkeit der Medien und der Politik für sich nutzen kann.

Wenn Medienanfragen aus der ganzen Welt auf einen einprasseln, dann ist das immer stressig – umso mehr für eine 16-Jährige mit dem Asperger-Syndrom. Aber ob sie Schaden davonträgt oder gar daran zerbrechen wird, ist noch lange nicht gesagt. Ja, als Mensch mit Asperger stressen sie die vielen Leute, die etwas von ihr wollen, wahrscheinlich mehr. Aber wenn Greta Thunberg morgens aufsteht, weiss sie genau weswegen. Sie hat ihre Mission gefunden. Als Jugendlicher kann einem nichts Besseres passieren (als Erwachsener wohl auch nicht). Sie ist nicht wie andere in ihrem Alter auf der Suche nach sich selber und einem Sinn. Sie muss keine Orientierungslosigkeit in Alkohol ertränken. Sie sitzt nicht mit destruktiver Miene im Klassenzimmer.

Ja, man kann auch etwas zur Rettung einer Erde mit einem lebbaren Klima beitragen, wenn man nicht am WEF auftritt. Löblich, wer still für sich aufs Fliegen verzichtet und Veganer wird. Aber was die Welt jetzt braucht, ist eine Massenbewegung. Greta Thunberg könnte sie anführen. Es gibt schlimmere Schicksale. Man muss sich Greta glücklich denken.

Kontra: «Der Umgang mit Greta ist unanständig»

Ein Teenager mit Angst vor dem Weltuntergang gehört nicht auf eine grosse Bühne, sondern in den Arm genommen.

Von Fabian Hock, Ressortleiter Ausland

Malala Yousafzai, die unter der Terrorherrschaft der Taliban litt; die Jesidin Nadia Murad, die vom IS gefoltert wurde – es gibt sie, die Fälle, wo junge Menschen in die Öffentlichkeit treten müssen, um auf furchtbare Entwicklungen aufmerksam zu machen. Und es gibt den Fall Greta Thunberg. Die 16-Jährige hat kein Martyrium erlebt. Trotzdem geht es ihr sehr schlecht. Sie ist geplagt vom Klimawandel. «Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre», sagt Greta. «Ich will, dass ihr in Panik geratet.» Bei der Klimakonferenz in Polen trat sie auf, zuletzt am WEF in Davos. Die Funktion, die Greta für die Klimalobby übernehmen soll, ist dabei einzig: Betroffenheit auslösen. Denn freilich ist es nicht so, dass eine 16-Jährige, aufgewachsen in behüteten Verhältnissen in Schweden, in Sachen Klimawandel irgendein Argument vorbringen könnte, das die Diskussion weiterbringt.

Der Klimawandel ist eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit. Doch auch beim Klimaschutz gibt es – so unverständlich das für manche auch sein mag – gegenläufige Interessen. Der Kohlearbeiter blickt von einer anderen Warte aus auf das Thema als die Umweltingenieurin. Gleichwohl muss es eine Art gesellschaftlichen Konsens geben, damit Massnahmen für den Klimaschutz auch wirklich umsetzbar sind. Wer wissen will, was passiert, wenn man darauf verzichtet, der sollte nach Frankreich blicken, wo die Gelbwesten wegen steigender Benzinpreise das halbe Land auseinandernehmen. Den Konsens erreicht man indes nur mit kluger Politik, nicht mit Moralappellen. Und schon gar nicht mit Panik. Dass eine 16-Jährige diese Zusammenhänge so nicht realisiert, kann ihr weiss Gott niemand vorwerfen. Dass Umweltaktivisten sie mit ihrem jugendlichen Tatendrang jedoch einfach vor den Karren der eigenen Ideologie spannen, ist unverantwortlich und unanständig.

Greta Thunberg ist ein Kind mit einer guten Idee, das jedoch offensichtlich in seinem Umfeld niemanden hat, der ihr Engagement kritisch begleitet und in die richtigen Bahnen lenkt. Statt ihr die Angstzustände zu nehmen, bereitet man ihr die grösstmögliche Bühne.

Dabei sollte ihrem Umfeld am ehesten klar sein, dass Greta auf keine Konferenzen oder Foren gehört. Sie gehört in den Arm genommen.

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