Wussten Sie, dass Achselhaare nach etwa sechs Monaten ausfallen? Na ja, wie auch – so weit lassen es ja die wenigsten (Frauen) kommen. Nein, die Haare in der Höhle werden fleissig in regelmässigem Abstand wegrasiert. Eigentlich oder besser gesagt bis jetzt.

Denn in den USA geht gerade ein verrückter Modetrend um. Nach dem Motto «Let it grow, let it glow» (Lass es wachsen, lass es leuchten») lassen junge Frauen nun ihre Achselhaare wachsen und färben den Busch knallbunt. Und natürlich strecken sie dann die Arme in die Höhe und teilen ihre blauen, grünen oder lila kolorierten Höhlen auf diversen sozialen Plattformen.

Der Trend verbreitet sich vor allem über Youtube und das Foto-Netzwerk Instagram. Auf Letzterem gibt es immer mehr Frauen, die ihre Höhlenmalerei mit dem Hashtag #Dyepits oder #freeyourpits posten. Klar, darunter sind auch die altbekannten Promi-Gören wie Miley Cyrus – sie prahlte unlängst mit ihrer pinken Pracht und erntete dafür fast 400000 Likes und über 30000 Kommentare im Netz. Die Sängerin war zwar nicht die Erste, die Farbe bekannte, sorgte aber dafür, dass sich das Phänomen verbreitet.

Get it girl. @mileycyrus #freeyourpits

Ein von Free Your Pits (@freeyourpits) gepostetes Foto am

Miley Cyrus

Statement gegen Schönheitsideale

Verfechter sind vorwiegend «normale» Mädchen. So wie die 17-jährige Destiny Moreno, die in ihrem Video ihre türkis-blaue Haarpracht vorführt (fast 300 000 Aufrufe):

Warum und wie? Destiny Moreno über ihre Achselhaare.

Warum und wie? Destiny Moreno über ihre Achselhaare.

Verantwortlich für die bunte Bewegung ist Roxie Hunt. Die Friseurin aus Seattle wollte – so sagt sie – schon immer jemandes Achselhaar färben. Ihre Arbeitskollegin hielt schliesslich für ein knalliges Blau hin. In einem Blog postete sie eine Anleitung zur Färberei (natürlich müssen die Achselhaare erst blondiert werden, damit sie die Farben annehmen!) Schritt für Schritt. In ihrem Salon bietet sie den Service für 65 Dollar an.

Aber spannender als das Wie ist wohl das Warum. Ist die neue oder, besser gesagt, wieder entfachte Liebe zum Haar ein modischer Jux oder sind buschige Achseln ein Symbol weiblicher Selbstbestimmung? Man könnte es schnell als Spinnerei abtun. Bei vielen Nachahmerinnen steht sicherlich der Spass im Vordergrund. Aber den jungen Frauen mit den bunten Achseln geht es nicht selten um die Propagierung eines modernen Frauenbildes, jenseits gesellschaftlicher Normen. Sie wollen ein Statement setzen. Ein Statement gegen die vielen herrschenden Schönheitsstandards in unserer Gesellschaft.

Ein zu starker Haarwuchs gilt bei Frauen als unästhetisch, unhygienisch und unsexy. Bei Beinen und Achseln werden kaum Ausnahmen geduldet. Bei der Intimrasur gibt es wenigstens noch eine grössere Auswahl an «Schnitten», obwohl auch dort die Vorliebe der jüngeren Frauen vermehrt dem Brazilian Hollywood Cut gilt (alles weg). Werbungen, Filme und die Erotik-Industrie befeuern die glatte, haarlose Haut zum unantastbaren Standard. Frau hat kaum Wahl. Und obwohl die gesellschaftliche Akzeptanz von Körperhaaren bei Männern deutlich höher ist, gibt es auch da den Trend zur Rasur.

Eine Umfrage unter jungen Erwachsenen bestätigt, dass sich 97 Prozent der Frauen und 79 Prozent der Männer mindestens einen Teil der Körperbehaarung entfernen. In einer aktuellen Studie zur Frauen-Körperbehaarung der Gender-Forscherin Breanne Fahs geben Frauen an, dass sie ihre Haare entfernen, «um sich sexy und reinlich zu fühlen und der Norm zu entsprechen». Sie fänden Körperhaare «eklig, muffig und unrein». Der Grossteil gibt an, es sei ihre «Wahl» die Haare zu entfernen und keineswegs «Pflicht». Sie empfänden Frauen, die sich nicht rasieren, «weniger sexy, intelligent, sozial und glücklich».

Diese Anti-Haltung – herbeigeführt durch Gewohnheit, Gruppendruck und soziale Erwartungen – hat fatale Folgen für die Frauen. Behaarte Frauen fühlen sich unerwünscht und unattraktiv in ihrer Natürlichkeit.

Frauen, die die Rasur verweigern, wird oft nachgesagt, sie fänden keinen Mann, scherten sich nicht um ihre Körper. Eh alles Alt-Hippies, Lesben und Feministinnen.

Körperhaare und Feminismus

Aber ist es wirklich feministisch, gefärbtes Achselhaar zu haben? Und wenn Frauen zu ihren Haaren stehen, warum muss der natürliche Busch dann noch mit Farbe aufgepimpt werden, so à la: ins Lächerliche ziehen, damit es salonfähig wird?

Egal, ob man es gutheisst oder nicht, Körperbehaarung ist untrennbar verbunden mit Feminismus. Wenn frau ihr Schamhaar rasiert, gilt sie quasi als Sklavin des Patriarchats. Also ist das Stehenlassen der Haare eine mächtige Waffe im Kampf gegen die Männergesellschaft und die (von ihr geforderten) gängigen Schönheitsideale.

Obwohl sich Feminismus immer noch mit der Ungleichbereichtigung des weiblichen Geschlechts beschäftigt, ist er deutlich persönlicher geworden. Ob «granny pants» oder «bunte Achselhaare», die Bewegung ist heute mehr auf das Individuum fokussiert, es geht um das «ich» und das «du» anstatt um ein «wir». Im Zentrum sind Körperbilder und der #hashtag Aktivismus. Viele junge Frauen können sich wohl mehr für eine Miley Cyrus begeistern, die bei dieser Bewegung als eine Art Testimonial fungiert, als für gleichen Lohn oder Gewalt gegen Frauen.

Seit einigen Jahrzehnten gehört die Enthaarung des Körpers insbesondere in den westlichen Industrienationen zur Norm. Aber nicht nur da. Im Orient etwa hat die Haarentfernung vorwiegend religiöse Gründe, die mit Hygiene zu tun haben. Die Reinlichkeitsvorschriften der Fitra im Islam sind betreffend Sauberkeit und Körperpflege streng. Sie verlangen die Entfernung der Achselhaare und die Rasur der Schamhaare nach spätestens 40 Nächten. Im Buddhismus hingegen verbieten die Ordensregeln der Mönche das Entfernen der Achselhaare.

Die Entfernung der Körperhaare ist keineswegs ein neues Phänomen. Glatte Schönheit kennen wir bereits von ägyptischen Grabmalereien. Auch im Römischen Reich zur Zeit der ersten Kaiser wurden Achsel- und Schamhaare als kosmetischer Übelstand, als unreinlich und übelriechend empfunden. Im Mittelalter waren es hygienische und religiöse Gründe, im 18. Jahrhundert ästhetische Aspekte. Der glatte Körper entwickelte sich zunehmend zum Schönheitsideal.

Comeback in Sicht

In den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts erfuhren Körperhaare eine Renaissance. Sie standen für eine Ideologie: Frauen zeigten ihre Achselhaare als politisches Statement der sexuell befreiten Weiblichkeit. Hippies brachten mit ihrer natürlichen Haarpracht die Nicht-Manipulation des Körpers zum Ausdruck.

Doch etwa seit den 80er-Jahren gilt die natürliche Achselbehaarung in der westlichen Kultur bei Frauen zunehmend als Normverletzung. Die deutsche Sängerin Nena etwa sorgte Mitte der 80er-Jahre mit ihren unrasierten Achseln in der englischen Boulevardpresse für Gesprächsstoff.

Dennoch ist man geneigt zu fragen, wie lange Erwachsene ein vorpubertäres Aussehen insbesondere im Intimbereich als sexy erachten. Wissenschafter sagen der Körperbehaarung bereits ein Comeback voraus. Tatsächlich scheinen es Frauen lockerer zu nehmen und mehr zu ihrem natürlichen Haarwuchs zu stehen.

Aber man könnte auch einfach sagen: Wenn die Haare da wachsen, wo sie nun mal wachsen, dann muss es jeder Frau (und auch jedem Mann) freistehen, ob sie das Gestrüpp dezent entfernen oder selbstbewusst veredeln.

Frauen sollten sich bewusst sein, stellen sie sich gegen die gesellschaftliche Norm und lassen ihre Körperbehaarung spriessen, müssen sie ein dickes Fell haben.