Im warmen Schein der Herbstsonne stehen die Frauen und Kinder in einem Hof mitten in Zürich und zielen mit Knebeln in die Baumkrone. Ein grosser Nussbaum steht da, dessen Früchte die Quartierbewohner herunterholen. Die Nüsse würden auch so früher oder später runterfallen – aber dann liest sie eben ein anderer auf.

Es ist Erntezeit. Auch in Städten. Wer sich auskennt, weiss, wo es etwas zu holen gibt. Manchmal muss man sich nur bücken oder recken. Aber wo andere schneller waren, wird auch zu Hilfsmitteln wie Wurfgeschossen gegriffen. In einem Park in Zürich liegt in einem Busch versteckt eine lange Stange, mit der die Eingeweihten im Herbst Birnen von einem Baum holen.

Ist das erlaubt? Kommt drauf an. Steht ein Obstbaum auf privatem Grund, darf man lediglich aufheben, was auf die öffentliche Seite, also zum Beispiel aufs Trottoir gefallen ist. Steht ein Baum auf öffentlichem Grund, ist das auch noch kein Freipass zum Zugreifen: Städtische Obstgärten werden gepflegt und auch geerntet. Andere Bäume werden von den Quartierorganisationen geerntet. Marc Wehrlen von Grün Stadt Zürich sagt, man dürfe im Vorbeigehen einzelne Früchte mitnehmen. «Wenn man mehr ernten möchte, sind wir froh, wenn wir zuerst angefragt werden.»

Manchmal werden Bäume aber auch offensichtlich sich selbst überlassen: Die Früchte sind klein, wurmstichig und liegen schon am Boden. Mit einem Rüstmesser lässt sich dennoch eine feine Wähe zaubern. Stadtbewohner werden oft ganz euphorisch, wenn sie Lebensmittel sehen, die sie selber pflücken können und erst noch gratis sind. Da spielt es weniger eine Rolle, dass sie diese Früchte so niemals im Laden kaufen würden.

Grün Stadt Zürich bekommt regelmässig Anfragen, ob man mehr Obstbäume auf Stadtgebiet anpflanzen könne. Doch Wehrlen sagt: «Entlang von Strassen sind diese zu wenig hitze- und salzresistent.» Bei Schulen oder in Familiengärten hingegen würden sie bewusst gepflanzt: auf Stadtgebiet pro Jahr mindestens 100 neue Obstbäume. Und neue Überbauungen werden heute statt mit langweilig grünem Buchsbaum manchmal mit Sträuchern gestaltet, deren Beeren essbar sind.

Auch in Deutschland werden Stadtbewohner regelmässig zu Sammlern – nicht nur im Herbst: Auf der Website mundraub.ch sind alleine in Berlin rund 2000 Bäume und Sträucher markiert, an denen man sich bedienen kann. Dazu gehören auch Holundersträuche, Brombeerstauden oder Bärlauch. Ein Umweltingenieur hat die Plattform erfunden, weil er es schade fand, dass Früchte oft am Boden verfaulen. Auch in der Schweiz sind einige öffentliche Bäume auf der Karte vermerkt.

Was viele nicht wissen: Wenn ein Obstbaum nicht gepflegt wird, hat er bald kaum noch Früchte. «Obstbäume sind Kulturpflanzen, die gedeihen nicht einfach so», sagt Andreas Buser vom Landwirtschaftlichen Zentrum in Sissach BL. «Man muss einen Obstbaum regelmässig schneiden, düngen und allenfalls spritzen.»

Anders ist es bei Nussbäumen, diese hängen auch ohne Pflege oft voller Früchte. Wer davon aber satt werden will, hat einigen Aufwand: Die grünen Hüllen mit dem klebrigen Saft müssen trocknen, bevor man die Nüsse schälen kann, und dann wollen sie noch geknackt werden. Mühsame Fingerarbeit gibt es genauso bei den Buchennüsschen, die momentan den Waldboden bedecken. Aber die Vorarbeit lässt die Gabe von Mutter Natur nur noch köstlicher schmecken.