Wenn das Logo auf der Google-Website plötzlich viel farbiger ist, wenn die Buchstaben tanzen oder sich in chemische Elemente verwandeln, dann hatte Ryan Germick seine Finger im Spiel. Der Amerikaner ist seit sieben Jahren verantwortlich für die kultigen Logo-Variationen des Suchgiganten, die sogenannten Doodles. Damit ist er mittlerweile selber zur Berühmtheit geworden. Wir treffen Germick am Google-Hauptsitz in Mountain View, wo er ein zwölfköpfiges Team von Designern, Ingenieuren und Projektmanagern leitet, die sich um nichts anderes kümmern als um Google-Doodles. Damit verantwortet Germick einige der meistbeachteten Pixel im World Wide Web – und zu einem gewissen Grad auch die öffentliche Wahrnehmung des Unternehmens. Denn die Doodles sind nicht nur ein Blickfang auf der Startseite vieler Internetnutzer, sondern auch ein persönliches Statement von einem ansonsten meist gesichtslosen Software-Konzern.

Variationen des Google-Logos gab es schon lange bevor Germick ins Silicon Valley zog. Und sogar schon bevor die Firma offiziell gegründet wurde: Im Sommer 1998 – Google hatte den Hauptsitz damals noch in einer Garage – reisten Sergey Brin und Larry Page gemeinsam ans «Burning Man»-Festival. Die beiden Google-Gründer fügten während dieser Zeit ein Strichmännchen in das Firmen-Logo ein, das Maskottchen der Veranstaltung, und teilten den Nutzern damit ihre Abwesenheit mit. Mittlerweile haben Doodles einen ganz anderen Stellenwert: Sie haben sich von der Kritzelei zu durchdachten Kunstwerken entwickelt, zu witzigen Animationen und zu interaktiven Elementen, an denen Ingenieure teilweise monatelang arbeiten. «Es ist eine Möglichkeit, zu zeigen, wofür Google steht», erklärt Germick. «Wir sehen die Doodles als Leinwand – ein Platz für Kunst und Inspiration im Internet.»

Sonderstellung für die Schweiz

Pro Jahr kreieren Germick und sein Team über 400 verschiedene Google-Logos – viele von ihnen werden nur in einzelnen Ländern gezeigt. So entstanden in der Vergangenheit unter anderem Doodles für den 1. August und für Parlamentswahlen in der Schweiz. Oftmals werden solche Ideen von Mitarbeitern aus den entsprechenden Ländern vorgeschlagen; dass die zweitgrössten Google-Büros in Zürich stehen, verschafft der Schweiz also auch in dieser Beziehung einen Vorteil.

Meist würden die Logo-Variationen mehr als ein Jahr im Voraus geplant, erklärt Germick, ab und zu reagiere man aber auch auf aktuelle Ereignisse. So zum Beispiel im September 2015, als amerikanische Wissenschafter auf dem Mars Wasser entdeckt hatten und noch am selben Tag ein animierter Roter Planet auf dem Google-Logo zu sehen war. Germick dazu: «Wir sind alles ziemliche Nerds und begeistert von technologischen Entwicklungen. Häufig drehen sich unsere Doodles deshalb um neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder wir nutzen sie, um einflussreiche Forscher zu ehren.» Die Entscheidung über Thema und Design der Doodles liege dabei nur bei seinem Team, betont Germick, die hausinternen Marketing- und PR-Abteilungen hätten gar nichts zu melden.

Dass eine Firma alle paar Tage ihr Logo ändert, ist widersprüchlich, schliesslich büsst sie damit an Wiedererkennungs- und Markenwert ein. Google kann das aber mittlerweile egal sein, denn allein die Farben des Logos genügen heute für eine Assoziation mit dem Unternehmen.

4,8 Millionen Stunden Pacman

Der Tech-Konzern nutzt seine Startseite deshalb, um Nähe zu schaffen: Die individuellen Doodles tragen dazu bei, dass Google nicht als anonymer amerikanischer Konzern wahrgenommen wird, sondern als sympathische Firma, die nahe bei ihren Nutzern ist. Germick hat mittlerweile Tausende Google-Logos mitentwickelt und war auch beim vermutlich bekanntesten Doodle überhaupt beteiligt: Zum Jubiläum des Spieleklassikers wurde im Mai 2010 das Google-Logo zu einem interaktiven Pacman-Game umfunktioniert.

Nutzer verbrachten an diesem einen Tag insgesamt 4,8 Millionen Stunden mit dem Spiel, schätzt die Firma Rescue Time. Hat Germick kein schlechtes Gewissen, dass er für so viel verschwendete Zeit und für so viel Unproduktivität verantwortlich ist? «Überhaupt nicht», antwortet er überzeugt. «Wenn wir mit unseren Doodles die Leute nur eine Sekunde zum Schmunzeln bringen, ist das schon gut. Denn multipliziert man dieses Schmunzeln mit einer Milliarde Nutzern, ergibt sich dadurch etwas, auf das wir stolz sein können.»

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht den Anschein macht, sind die unscheinbaren Doodles mit viel Macht verbunden: Fast jedes neue Design führt neben extrem vielen Suchanfragen auch zu zahlreichen Medienberichten über die Hintergründe des Themas. Damit kann Google aktiv beeinflussen, welche Informationen wir konsumieren. Weil Tech-Giganten immer häufiger vorgeworfen wird, dass sie genau diese Macht missbrauchen, erstaunt es nicht, dass Germick bei der Themenwahl seiner Doodles sehr vorsichtig ist: «Wir wollen Dinge beleuchten, die möglichst alle ansprechen und interessieren – egal welche Kultur, politische Überzeugung oder Religion jemand hat. Darauf legen wir extrem viel Wert.» Deshalb gebe es auch keine Weihnacht-Doodles, sondern nur Winter-, Ferien- und Neujahr-Logos.

Leinwand als Werbeplattform?

Aufgrund der hohen Klick-Zahlen erhalten Germick und sein Team auch immer wieder Anfragen von Firmen, welche das Doodle gerne als Werbefläche nutzen würden. Diesbezüglich ist der Designer aber sehr strikt – selbst wenn das hauseigene PR-Team vorschlägt, Werbung für ein neues Google-Produkt zu machen. «Die Doodles sind für mich dieser eine Ort im Internet, wo Klick-Zahlen und wirtschaftliche Überlegungen völlig egal sind. Es ist ein Geschenk von uns an unsere Nutzer – und wir geben uns extrem viel Mühe, dass dies auch so bleibt.»

Vorerst bleibt die Google-Homepage also werbefrei. Ganz sicher kann man sich da aber nie sein, schliesslich haben sich auch Zeitungen lange geweigert, Werbung auf ihre Titelseite zu drucken. Dann machte Google ihnen die Einnahmen streitig und alles änderte sich. Sollten irgendwann also auch bei Google die wirtschaftlich rosigen Zeiten vorbei sein, ist aus der unscheinbaren Doodle-Tradition gleichzeitig auch die wohl wertvollste Werbeplattform im Internet entstanden.