Was sagt der gesunde Fussballerverstand? «Doping? Im Fussball? Gibt es nicht.»

Argumentiert wird dann so: Fussball ist nicht Ausdauer, ist nicht Kraft, ist nicht Jonglieren allein – nein, es ist immer alles. Fussball ist nicht einmal Sport, Fussball ist Kunst.

Oder prosaischer: Wer sich Muskeln «anfrisst», büsst an Schnelligkeit und Koordination ein, wer sich «munter» macht, bei dem leiden Koordination und Konzentration; und wer sich zum Dauerläufer puscht, weiss nicht mehr, was er taktisch eigentlich machen soll.

Dieses Mantra ist verbreitet, wird oft gesungen, und es gibt es, seit es – nein, nicht Fussball, aber mindestens, seit es den bezahlten Fussball gibt.

Und es ist grundfalsch.

Getestet wird schon ...

Wie bitte? hört man den Fussballkenner sagen. Natürlich wird hin und wieder einmal einer erwischt. Aber höchst selten. Das stimmt. Es werden wenig Dopingfälle bekannt im Fussball. Hin und wieder kommt es vor. Und es wird getestet, auch bei den Fussballern. Also: Wo keine Fälle, da kein Doping.

Und doch ist der Schluss falsch. Das liegt auch daran, dass man sich ein falsches Bild macht vom Dopen. Vor dem Spiel in der Kabine etwas einwerfen und dann los – das war mal. Heute wird unmittelbar vor dem Wettkampf nicht und vor dem Wettkampf kaum gedopt. Dafür vorher in den Trainings- und Aufbauphasen. Und was man nicht auf der Rechnung hat, ist die Regeneration und die Rehabilitation nach Verletzungen. Hier wird vor allem nachgeholfen. Noch schlimmer: Ohne Schmerzmittel können offenbar selbst Nachwuchsfussballer kaum mehr spielen.

... aber nicht sehr zielführend

Besonders in der Therapie von Verletzungen hat die Sportmedizin enorme Fortschritte gemacht. Allerdings auch im unerlaubten oder grauen Bereich. Hochwirksam ist das PRP-Verfahren (Platelet Rich Plasma Therapy). Dem Spieler wird Blut entnommen und zentrifugiert, um thrombozytenreiches Plasma zu gewinnen. Das Serum enthält dann auch einen hohen Gehalt an Wachstumsfaktoren, zum Beispiel insulinähnlichen. Spritzt man das Plasma ins verletzte Gewebe, beschleunigt es die Heilung und regeneriert das beschädigte Gewebe. Offiziell ist PRP nicht verboten. Aber man kann dem Serum natürlich noch etwas beimischen, was dann mit Sicherheit eine Leistungsverbesserung bewirkt.

Dass kaum einer erwischt wird, ist vorab dem überlegenen Wissen und der Praxis der Vereinsmedizinmänner zu verdanken. Aber auch der komischen Kontrollpraxis der Verbände. Flächendeckende und vor allem überraschende Kontrollen gibt es kaum und nach dem Spiel wird kaum je etwas gefunden. Dass man nicht unbedingt etwas finden will, bewies die Praxis an der letzten WM in Brasilien. Es gäbe vor Ort kein geeignetes Labor, befand die Fifa. Die Proben sollten daher nach Europa geflogen und dort getestet werden. Die Zeit (24 Stunden Transport plus mindestens 30 Stunden Test, bis man allenfalls erste Hinweise findet, dann testet man weiter) für die A-Probe zeigt, dass man nicht vorhat, sich den Spielplan durch Dopingsünder durcheinanderbringen zu lassen – die B-Probe steht ja noch aus.

Thomas Kistner hat eine immense Arbeit geleistet und die auffälligsten Fälle zusammengetragen. Darunter auch schockierende: die Häufung früher Todesfälle bei der Mannschaft der Fiorentina oder missgebildete Kinder von algerischen Fussballern. Allgemein gilt: Taucht irgendwo eine «goldene Generation» auf, die alles gewinnt, frag nach dem Doktor. Oder konkreter: Warum wurden beim Fuentes-Skandal in Spanien die Radfahrer geopfert und allfällige Fussballer geschont?

Thomas Kistner: Schuss. Die geheime Doping-Geschichte des Fussballs. Droemer München 2015. 399 S., Fr. 28.90.