«Meine Philosophie ist Freundlichkeit.» Wenn der Dalai Lama diesen Satz ausspricht, merkt man, wie überzeugt er davon ist. Doch in der Schweiz können das nur wenige von sich sagen. Hier rangiert Unfreundlichkeit hinter der Lärmbelästigung an zweiter Stelle aller Dinge, die am Nachbarn als störend empfunden werden. Trotzdem ändert niemand etwas daran. Dabei bietet Freundlichkeit nicht nur finanziell fette Renditen.

Bekommt man in der Döner-Bude mit Freundlichkeit grössere Portionen? Die österreichischen Wirtschaftswissenschafter Michael Kirchler und Stefan Palan sind dieser Frage nachgegangen und haben ihre Studenten zu Kebab-Imbissbuden in Graz, Innsbruck und München geschickt, wo sie sich insgesamt 800 Döner kauften. Sie sollten ihre Order entweder sachlich-korrekt mit einem kurzen «Bitte» und «Danke» oder aber besonders freundlich aufgeben, indem sie dem Budenbesitzer mit «Ihr Döner ist der beste in der Stadt» und «Bei ihnen schmeckt es mir am besten» ein besonderes Lob aussprachen.

Es zeigte sich: Den freundlichen Käufern wurde rund zehn Prozent mehr Fleisch in ihr Fladenbrot gepackt. Als man den Versuch erneut durchführte, diesmal mit dem Kauf von Cornets an der Gelateria, das gleiche Ergebnis: Der Kunde konnte sich über zehn Prozent mehr Eis freuen, wenn er dem Verkäufer vorher ein freundliches Kompliment unterbreitet hatte.

Für Kirchler steht fest, dass das Prinzip «Der Freundliche bekommt mehr» auch bei Gehaltsverhandlungen und sogar den Millionengeschäften im Big Business gilt, weil es tief im menschlichen Wesen verankert ist. «Lob und Anerkennung waren schon unseren frühesten Vorfahren wichtig», betont der Wissenschafter. «Sie zeugten von einem hohen Status und brachten so Vorteile bei der Ernährung und Fortpflanzung.» Denn wer es sich leisten kann, seinen Mitmenschen gegenüber grossherzig, anerkennend und unterstützend aufzutreten, bekundet damit seine höher gestellte soziale Position – und das bringt ihm Respekt und Entgegenkommen ein.

Entspannend wie Yoga

Freundliche Menschen bekommen also in der Regel grössere Stücke vom Kuchen des Alltags. Doch damit nicht genug: Sie dürfen auch mit mehr Glück und Gesundheit rechnen. So liess sich in Studien nachweisen, dass bereits spontane Akte der Freundlichkeit den Vagus-Nerv aktivieren, also jenen Teil des vegetativen Nervensystems, der den Körper und die Ausschüttung von Stresshormonen herunterschaltet. Freundlich sein wirkt somit auf ähnliche Weise entspannend wie Yoga oder Autogenes Training.

Die Effekte auf die Lebenszufriedenheit sind ebenfalls beträchtlich. Die Psychologieprofessorin Sonja Lyubomirsky von der University of California stellte ihren Studenten die Aufgabe, wöchentlich fünf willkürliche, aber nicht alltägliche Aktionen der Freundlichkeit durchzuführen. Dabei wurde beispielsweise anerkannt, wenn jemand einem Grundschüler bei den Hausaufgaben half, einem Obdachlosen einen Hamburger spendierte oder einer alten Dame über die Strasse half. Das blosse Bedanken an der Supermarktkasse oder im Restaurant gehörte hingegen nicht dazu.

Nach sechs Wochen zeigte sich: Die freundlichen Aktionen liessen die Testpersonen zu deutlich mehr Wohlbefinden und Zufriedenheit mit ihrem Leben finden. Interessant: Am stärksten war dieser Effekt bei denen, die ihre Freundlichkeitsdosis an einem Tag absolvierten. Was vermutlich an dem hohen «Infektionsgrad» dieser Strategie liegt. «Sehr viel Freundlichkeit an einem Tag führt dazu, dass sich die positiven Rückmeldung unserer Mitmenschen besser in unserem Gedächtnis einprägen», erläutert Lyubomirsky, «und das führt wiederum dazu, dass wir auch an den anderen Tagen etwas mehr Freundlichkeit entwickeln.»

Womit auch schon der Hauptgrund für den Wohlfühleffekt der Freundlichkeit genannt ist: Sie stimmt auch unsere Mitmenschen freundlich, sodass wir uns aufgehoben, verstanden und akzeptiert fühlen. Und für den Menschen mit seinen feinen sozialen Antennen ist das extrem wichtig. Nicht umsonst sagte Mark Twain: «Freundlichkeit gegenüber anderen ist eine Sache, die Taube hören und Blinde sehen können.»

Es muss nicht ehrlich sein

Der amerikanische Schriftsteller betonte allerdings auch, dass man schon eine echte, also keine falsche und verlogene Freundlichkeit entwickeln sollte. Diese Einstellung würden wohl die meisten von uns teilen, insofern ja nicht nur Auto- und Versicherungsverkäufer gezielt auf den Nettigkeits-Faktor setzen, um ihre Kunden einzuwickeln. Wissenschaftlich belegen lässt sich diese Authentizitätsforderung jedoch nicht. Im Gegenteil. So kamen sowohl die Komplimente der österreichischen Döner-Testkäufer als auch die fünf guten Wochentaten der US-Studenten nicht von Herzen, sondern man hatte sie ihnen aufgetragen. Doch das Ergebnis war in beiden Fällen positiv. Freundlichkeit muss also nicht ehrlich und authentisch sein; es reicht, wenn die Mitmenschen das glauben.

Zudem bedeutet die Tatsache, dass sie auch unauthentisch wirkt, dass man Freundlichkeit problemlos erlernen kann. Denn hätte sie Ehrlichkeit zu ihrer Voraussetzung, müsste man auch daran noch arbeiten, was den Weg zum freundlichen Menschen deutlich erschweren würde. So aber kann man einfach loslegen, von einem Tag auf den nächsten, ohne Vorbereitung. «Der beste Weg zum freundlichen Menschen besteht darin, einfach nur freundlich zu sein», weiss Psychologin Sonja Lyubomirsky. Also das Trottoir des Nachbarn fegen, den Kollegen nach seinem Baby fragen und einen lange vernachlässigten Freund anrufen, unabhängig davon, ob einem danach zumute ist und ob es der andere Mensch verdient hat. Denn so wie beim Lächeln, dass uns nach einer Weile fröhlicher werden lässt, obwohl wir anfangs noch traurig oder gestresst waren, verhält es sich auch bei der Freundlichkeit: Ist sie erst einmal da, ergreift sie auch irgendwann einmal unser Herz.

Schweiz hat schlechten Ruf

Hierzulande könnte das schwierig werden. Denn laut einer Umfrage der Meinungsforscher von «InterNations» rangiert die Schweiz an vierter Stelle der unfreundlichsten Nationen. Weit vor Deutschland und Österreich. Lediglich in Kuwait, Saudi-Arabien und Dänemark ist die Bevölkerung nach Ansicht von Nicht-Einheimischen noch weniger freundlich als in der Schweiz.