Durch die erfolgreichen Projekte auf den Balleny-Inseln beflügelt, setzen wir mit unserem Forschungsschiff Kurs auf die Scott-Insel. Diese ist nur wenige Fussballfelder gross und ragt schüchterne 55 Meter aus dem Ozean. Meeresforscher fischen Korallen vom Grund des Ozeans, an Land sammeln andere Wissenschafter Proben von Algen, Moosen und Weichtieren sowie Schnee- und Bodenproben. Unplanmässig machen wir einen weiteren Fund: einen Koffer, den wohl Abenteurer für die Nachwelt hinterlassen haben. Darin liegen alte CDs, Fotos und Gedichte.

In weniger als fünf Stunden haben wir bei der Scott-Insel alles erledigt und fahren weiter in Richtung der Peter-I.-Insel. Darauf freuen wir uns schon seit Wochen, denn man weiss noch so gut wie nichts über diese Insel, der Gipfel wurde noch nie bestiegen. Doch ein dicker Packeisgürtel macht uns einen Strich durch die Rechnung: Diesen zu durchbrechen, würde deutlich mehr Zeit kosten, als wir eingeplant haben. Wir entscheiden uns schweren Herzens, die Peter-I.-Insel doch nicht anzusteuern, den Gipfel auch weiterhin unbestiegen zu lassen und stattdessen zur Siple-Insel zu fahren. Immerhin hat auch diese etwas zu bieten – zum Beispiel einen über 3000 Meter hohen Vulkangipfel.

Die erste Etappe der ACE-Expedition in die Antarktis ist geschafft

 

Auf unserem Weg zur Siple-Insel türmen sich Eisberge, die von den unzähligen Gletschern des antarktischen Kontinents ins Meer getrieben werden. Unser Eisbrecher weicht ihnen in einem eleganten Slalomkurs aus. Im Abendrot kommt der Vulkan der Siple-Insel in Sicht, der Gipfel ist in Wolken gehüllt. Aus den Wolken fallen in schrägen Linien Eiskristalle, die jedoch schmelzen und verdunsten, bevor sie die Meeresoberfläche erreichen. Virga nennt man dieses Wetterphänomen. Dank der tief stehenden Sonne bekommen wir den Niederschlag zusätzlich in atemberaubender Farbenpracht zu sehen.

Julia Schmale ist Atmosphärenwissenschafterin am Paul-Scherrer-Institut in Villigen, Aargau – wenn sie nicht gerade auf Forschungsreise ist. An dieser Stelle berichtet sie wöchentlich von der Antarktischen Umrundungsexpedition, bei der sie als eine von mehr als fünfzig Forschenden mitreist.

Die Autorin

Julia Schmale ist Atmosphärenwissenschafterin am Paul-Scherrer-Institut in Villigen, Aargau – wenn sie nicht gerade auf Forschungsreise ist. An dieser Stelle berichtet sie wöchentlich von der Antarktischen Umrundungsexpedition, bei der sie als eine von mehr als fünfzig Forschenden mitreist.

Trotz der späten Stunde fährt eine Forschungsgruppe mit den Gummibooten aufs spiegelglatte Wasser hinaus. Der Ozean ist beinahe türkisgrün, so viele Kleinstalgen gibt es hier. Und wo diese vorhanden sind, gibt es auch Lebewesen: Fische, Robben, Wale, Pinguine und andere Seevögel. Wir entdecken zwei Pinguinkolonien. Während ein Team die Tiere fotografiert um ihre Anzahl zu bestimmen, dürfen alle anderen Expeditionsmitglieder mit den Gummibooten zu der Kolonie fahren. Staunend beobachten wir, wie die kleinen Adelie-Pinguine Steilwände von mehreren hundert Metern erklimmen und dann vergnügt ins Wasser rutschen.

Früh am nächsten Tag geht es für mich los im altbewährten «Eisbohr-Team», wie wir inzwischen auf dem Schiff genannt werden: Zwei Bergführer, die zwei Glaziologen, die Radarexpertin und ich. Wir fliegen auf 800 Meter Höhe über die erste Wolkenschicht und landen auf einer spaltenfreien Zone auf einer Flanke des Siple-Vulkans. Routiniert beginnen wir mit den Luft- und Radarmessungen, sammeln Schnee und entnehmen einen Eisbohrkern. Die verschiedenen Schichten solcher Eisbohrkerne enthalten für Forschende Informationen über das Klima bis weit in die Vergangenheit hinein.

Wir haben Glück: Die Sonne zeigt sich, der Vulkangipfel wird frei und wir arbeiten kurzärmlig im T-Shirt weiter. In kurzer Zeit haben wir alle Messungen absolviert und unsere Kisten mit 24 Meter Eisbohrkernen gefüllt. Für mehr ist kein Platz im Helikopter.

Die Antarktis-Route

Die Antarktis-Route