Alles ist Wirtschaft. Wenigstens auf den ersten Blick. Schuldenkrise – geht um Geld, das fehlt, also Wirtschaft. Flüchtlingskrise – Menschen fliehen vor Lebensgefahr, das auch, aber die meisten, die kommen, wollen ein besseres Leben, also Wirtschaft. Bleibt noch Nordkorea. Aber auch dort hungern die Leute, möchten, dass es ihnen besser geht. Ach ja: das Klimaproblem. Die Lösung scheitert immer wieder am Egoismus der Nationen, keiner will verzichten, also auch Wirtschaft.

Wer hier den Vorwurf erhebt «Der macht es sich aber gar einfach!», dem ist teilweise zuzustimmen. Teilweise aber nur, weil es sich andere noch einfacher machen. Schränken wir einmal die Problemlage ein auf: Viele Probleme sind wirtschaftlicher Natur, insbesondere die Krise – nicht nur in Europa – ist eine veritable Sache derjenigen Wissenschaft, die sich darauf verstehen will: der Ökonomie.

Doch halt! Ist die Ökonomie als Wissenschaft die richtige Adresse für den Vorwurf des Versagens? Viele würden wohl sagen: Nein. Wer zu viel Schulden macht, hat über seine Verhältnisse gelebt. Dass das nicht gut kommen kann auf die Dauer, weiss jeder. Handeln danach tut aber offenbar nur die viel zitierte (sparsame) schwäbische Hausfrau. Nun könnte man aber immerhin von der wissenschaftlichen Ökonomie verlangen, dass sie uns sagt, wie wir das Ganze reparieren können, um aus dem Schlamassel wieder herauszukommen. Die Rezepte der Experten sind nicht immer nachvollziehbar, bis jetzt hat auch nichts wirklich funktioniert. In letzter Zeit geben auch immer mehr (ökonomische) Institutionen – wie der IMF zum Beispiel – zu, dass die bisher verfolgte Politik der Forderung nach Austerizität (Staaten sollen sparen, um aus den Schulden herauszukommen) überhaupt nicht gewirkt hat, nicht funktionieren kann.

Die Experten und wir

Die Vorwürfe an die akademische Ökonomie, sie wisse nicht recht, wovon sie rede, sind nicht neu. Sie gleichen sich auch. Die Modelle der Ökonomie entsprächen der Realität nicht. Das stimmt, das ist bei Modellen aber meistens so. Modelle müssen abstrahieren von gewissen Dingen und vereinfachen. Meist macht man sich wenig Gedanken, wovon man abstrahiert und wie man vereinfacht. Thomas S. Kuhn, der Wissenschaftshistoriker, spricht von «Paradigmen». Jeder spricht von Paradigmen, aber Kuhn meinte eine Welt der Theorien oder Modelle, die systematisch gewisse Dinge ausblendet. Weshalb die Wissenschaft sich in «Revolutionen» weiterentwickelt und nicht kontinuierlich, indem eine Modellwelt durch eine andere abgelöst wird.

Das Paradigma der Ökonomie ähnelte immer schon stark dem der klassischen Physik. Das hat 1998 der Ökonom Karl-Heinz Brodbeck nachgewiesen (Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie). Da ist viel von «Gleichgewicht» die Rede, von «Knappheit» (das wäre die «Energie» der Physik), die Wirtschaft wird vorgestellt als eine Maschine, es gibt Input und Output und Kosten und Effizienz und noch viel mehr dergleichen. In der politischen Ökonomie hat man das noch mehr verallgemeinert und gefordert, man solle die Finger möglichst draussen lassen, die Maschine laufe am besten von allein.

«Entmachtet die Ökonomen!», fordert nun der junge Ökonom Frank Niessen. Er will die akademischen Ökonomen aus der Politikberatung heraushalten. Das ist nachvollziehbar, wenn man kopfschüttelnd sich anhören und lesen muss, was all die Wirtschaftsweisen zum Besten geben. Politiker hören aber nicht nur auf ihre Ratschläge. Schlimmer noch: Sie versuchen zu denken wie wir, das sogenannte «einfache Volk». Auch wir haben ökonomische Modelle. Sie sind bei weitem nicht so raffiniert wie die der Professoren. Auch weniger mathematisch. Aber das Problem ist, dass sie auch auf falschen Voraussetzungen beruhen und deshalb gefährlich sind.

Sparen tut not

Alltags-Ökonomie sind Maximen wie «Gib nicht mehr aus, als du einnimmst» oder «Spare in der Zeit, dann hast du in der Not». Völlig vernünftig und klar. Aber grundfalsch, wenn im grossen Massstab praktiziert. Eine (kapitalistische, wettbewerbsorientierte) Wirtschaft ohne Schulden gibt es nicht. In einer Welt, in der alle Schulden zurückgezahlt sind, läuft schlicht nichts mehr. Oder: Wenn alle sparen, dann herrscht Not. Die Wirtschaft läuft dann, wenn gekauft, nicht wenn geknausert wird.

Das Marktmodell ist universell beliebt, man muss aber aufpassen, wo und wie man es anwendet. Bei Arbeitslosigkeit funktioniert es nicht. Wie «Sparen» und «Keine Schulden machen» ist es funktionell beschränkt. Blind sind wir auch beim Geld. Geld hat man oder man hat keins. Stimmt genau, den Zusammenhang zwischen Geldvermögen und Schulden will aber niemand sehen. Dann studiert man darüber nach, ob sich Ökologie und Wirtschaftswachstum wohl vertragen könnten. Natürlich geht das nicht. Bei beschränkten Ressourcen kann auch noch so effizientes Verbrauchen nicht verhindern, dass irgendwann «fertig» ist. Und dass die Preise alles anzeigen, nur nicht, dass eine Ressource beschränkt ist, sehen wir im Moment am Ölpreis.

Frank Niessen gibt sich Mühe, verständlich zu schreiben. Das gelingt ihm. Er macht auch dauernd klar, dass seine Vorschläge (die macht er auch, trotz aller Kritik) «politisch nicht umsetzbar» oder «utopisch» sind. Aber man kann sich nicht herausreden, dass er wohl falsch liege und man durchaus weitermachen könne wie bisher. Denn die Analyse ist nicht falsch. Widersprechen sollte man ihm wahrscheinlich in seiner Forderung. Die Ökonomen braucht man nicht zu entmachten. Aber wir sollten uns die Dinge so weit klarmachen, dass wir unseren Politikern beibringen, dass es nichts bringt, auf sie zu hören.