Familienmodell

Gesucht: Pflegeeltern – warum Plätze für Pflegekinder immer rarer werden

Für Tausende von Kindern herrscht nur auf dem Papier eine heile Welt. Sie können nicht bei ihren Eltern aufwachsen.Westend61/IMAGO

Für Tausende von Kindern herrscht nur auf dem Papier eine heile Welt. Sie können nicht bei ihren Eltern aufwachsen.Westend61/IMAGO

Plätze für Pflegekinder sind rar. Das hat viel mit dem Wandel der Familienmodelle zu tun.

Das «Herzlich Willkommen»-Schild hat schon viele Kinder begrüsst. Mit prall gefüllten Koffern und Taschen sind einige von ihnen vorbeigegangen. Darin schleppten sie Kleider, Schulbücher, Lieblingsspielzeuge – Dinge ihres Alltags. Einen Alltag, den sie an einem neuen Ort einrichten müssen, bei ihnen fremden Menschen. Denn zu Hause geht nichts mehr. Würden sie dort weiter aufwachsen, blieben ihre Seelen nicht gesund.

Deshalb stand jedes dieser Kinder eines Tages vor dem Haus mit dem «Herzlich Willkommen»-Schild. Wer durch dessen Türe tritt, merkt rasch: In diesen Räumen soll man sich wohlfühlen. Hell und luftig sind sie möbliert. Neben dem Spiegel hängt ein Schild: «Du bist schön. Punkt.» Irgendwo in der Nordwestschweiz liegt dieses Zuhause der Müllers*. Seit 17 Jahren sitzen am grossen Holztisch in der Stube auch Pflegekinder. Das waren so viele, dass Müllers die genaue Zahl spontan nicht nennen können. «Gegen dreissig», sagt Daniel Müller*, während seine Frau Manuela* noch lautlos zählt. Einige der Kinder brauchten nur eine kurzzeitige Bleibe. Andere haben hier ihre Wurzeln geschlagen. Zwei Buben leben seit 12 Jahren bei Müllers, einer seit zwei Jahren. «Sie sind ein Teil von uns geworden», sagt Manuela. Auch Ferien verbringen sie inzwischen zu fünft.

Umdenken gefordert

Einer von ihnen ist Leo*. Bei Müllers sei er, weil er «viel mit Mami stritt». Trotzdem sei die Trennung von der Mutter schwierig gewesen, erzählt der 12-Jährige. Heimweh plagte ihn. «Mega traurig war ich damals», sagt Leo. Geholfen habe, dass er bei Müllers mit anderen Kindern zusammenlebte, mit denen er spielen konnte. «Und dass hier ein Junge wohnt, der vom selben Fussball- und Eishockeyclub Fan ist wie ich.» Heute gefalle es ihm bei Müllers. Was findet er besonders gut an ihnen? Leo überlegt. «Eigentlich alles. Aber vor allem, dass Manuela so gut kochen kann.»

Paare wie Müllers sind gesucht. Zum Teil händeringend. Der Aufwand, um Pflegeeltern zu finden, nimmt zu. Das bestätigen drei der grössten Vermittlungsorganisationen von Pflegekindern in der Nordwestschweiz: Familea (BS/BL), Kompass (SO) und die Fachstelle Pflegekind Aargau. Hat in der Vergangenheit die Mundpropaganda funktioniert, braucht es heute stete Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung für die Thematik. Oder wie es Gabriela Willimann von Kompass ausdrückt: «Wir müssen aktiv werben und intensiv suchen. Wir schalten Inserate, organisieren Info-Abende und verteilen Flyer. Dennoch ist es nicht einfach, passende Pflegefamilien zu finden.»

Das hat viel mit den veränderten Familienmodellen zu tun. Heute bleiben die meisten Frauen berufstätig, wenn sie Kinder bekommen. Trotz Teilzeitpensen müssen viele der Eltern die Betreuung der eigenen Kinder zumindest zeitweise organisieren. Sei dies durch Kindertagesstätten, Grosseltern oder Nachbarn. «Das ist aufwendig. Da stellt sich die Frage nach einem Pflegekind oft nicht mehr», sagt Balz Staub von Familea. Die Organisation vermittelt Pflegefamilien für Kinder aus den beiden Basel.

Im urbanen Gebiet sei dies weitaus schwieriger, sagt Staub. Dies, weil der Wohnraum teuer und dadurch eher knapp sei; aber eben auch, weil in den Städten flexible Familienmodelle verbreitet seien. «Wir brauchen deshalb ein Umdenken», sagt er. Nicht nur bei berufstätigen Eltern. Auch in der Fachwelt und in den Kantonen. Es müssten Fragen geklärt werden, wie: Darf ein Pflegekind eine Kindertagesstätte besuchen? Und wer kommt dann für die Kosten auf?

Dass der Engpass an Pflegeeltern in den kommenden Jahren noch akuter wird, davon geht Gabriela Willimann vom Verein Kompass aus: «Viele der erfahrenen und langjährigen Pflegeeltern werden in den nächsten Jahren pensioniert.»

Das trifft auch auf Müllers zu. In ein paar Jahren übergeben sie ihren Bauernhof an die nächste Generation. Sechs eigene Kinder haben sie grossgezogen. Als eines nach dem anderen den Hof verliess, entschieden sie sich, die leeren Räume zu beleben. Das war auch ein finanzieller Entscheid, denn die Betreuung von Pflegekindern wird entlöhnt. Durch dieses Zusatzeinkommen musste keiner von Müllers auswärts einen Job suchen. Doch rasch merkten sie: Für diese Kinder zu sorgen, ihnen Stabilität im durchgerüttelten Leben zu geben, das ist nicht einfach eine zusätzliche Aufgabe. «Es ist unsere Berufung», sagt Manuela Müller.

Nicht alle Familien eignen sich

Pflegekinder bringen einen beträchtlichen Rucksack mit. Dieser Rucksack heisst: Gewalt, Missbrauch, drogenabhängige oder psychisch schwerkranke Eltern. Karin Gerber von der Fachstelle Pflegekind Aargau sagt: «Viele der Pflegekinder sind traumatisiert.» Zu deren Schutz müsse die Fachstelle immer wieder auch interessierte Pflegeeltern abweisen: «Wir müssen unbedingt verhindern, dass wir Paare oder Familien mit dieser Aufgabe überfordern», sagt Gerber. Es brauche sehr viel Verständnis für das jeweilige Kind und die Bereitschaft, sich mit traumapädagogischen Fragen auseinanderzusetzen. «Normale Erziehungsmethoden reichen nicht», betont Gerber.

Das haben auch Müllers erfahren. Ihre eigenen Kinder hätten sie strenger erzogen, sagen sie. «Bei den Pflegekindern müssen wir ihre jeweiligen Hintergründe miteinbeziehen», sagt Daniel Müller. Dadurch habe er gelernt, gelassener zu werden. Auch nach 17 Jahren als Pflegevater sei die Aufgabe noch immer eine Charakterschule. Wie etwa vergangene Woche, als er seine schlechte Laune nicht verbergen mochte. «So etwas wird weitererzählt. Wir stehen ein Stück weit in einem Schaufenster», sagt er. Denn die Kinder bekämen fast alles mit. Zum Beispiel als seine Frau Manuela ihm kürzlich vor dem Mittagessen spontan die Hand über den Tisch streckte und sich bei ihm für eine Aussage entschuldigte. Da sei ein Pflegekind zusammengezuckt und habe gerufen: «Was – ihr zwei habt auch ein Gstürm?»

Pflegesohn Leo verbringt inzwischen wieder die Wochenenden bei seiner Mutter. «Sie versteht sich gut mit Müllers», sagt er. Einen seiner Geburtstage haben sie gemeinsam auf dem Hof gefeiert. Das sei der Idealfall, sagt Manuela Müller. Sie weiss, wie schwierig es ist, wenn sich leibliche Eltern gegen eine Fremdplatzierung ihrer Kinder wehren. Rasch geraten diese in Loyalitätskonflikte. Dann ist die Vermittlungsorganisation gefragt, sagt Manuela Müller. Es sei zentral, dass beide Familien eng begleitet würden.

Im Fall ihrer Organisation klappe das gut. Bringe etwa ein Vater oder eine Mutter das Kind am Sonntagabend viel später als vereinbart zurück, dann regle dies der Koordinator. Er stand ihnen auch zur Seite, als Müllers mit zwei Jugendlichen an ihre Grenzen stiessen. Etwa, weil sie Bahnhöfe versprayten, sich nicht mehr an Regeln hielten. «Wenn jemand auszieht, ist das auch schmerzlich», sagt Manuela Müller. Leichter falle es ihr, wenn sie wisse, dass die jeweiligen Pflegekinder auf einem guten Weg seien.

Bei den beiden Jugendlichen hat sich die Trennung als richtige Entscheidung herausgestellt. Vier Jahre später, als junge Erwachsene, passierten sie erneut das «Herzlich Willkommen»-Schild. Im Gepäck brachten sie diesmal keine Kleider und Schulsachen mit. Sondern eine Entschuldigung und eine Flasche Wein.

* Name geändert

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