Der Fleischkonzern Bell gab am Montag den Kauf der traditionsreichen Firma Hügli für 444 Millionen Franken bekannt. Damit will Bell die Stellung im europäischen Convenience-Markt ausbauen. Convenience Food steht für «bequemes Essen» und wird hierzulande oft mit «Fertigprodukt» bezeichnet. Das konservierte Essen hat einen schlechten Ruf. Ernährungsexpertin Janine Rüegg erklärt im Interview die Gefahren von Fertiggerichten und räumt mit Mythen auf.

Stimmt es, dass der Geschmacksinn durch den Verzehr von Fertigprodukten beschädigt wird?

Janine Rüegg: Nein, das ist eine Übertreibung. Der Geschmacksinn geht nicht kaputt und ein einziges Fertigessen hat sowieso noch keine Auswirkungen. Wenn man aber regelmässig Fertiggerichte verzehrt, gewöhnt sich die Zunge an den speziellen Geschmack. Das hat zur Folge, dass selbst gekochte Mahlzeiten plötzlich nicht mehr so gut schmecken. Die Zunge kann aber auch wieder umgewöhnt werden, indem man mehrere Wochen lang nur selber gekochte Mahlzeiten zu sich nimmt.

Sind Fertiggerichte überhaupt gefährlich?

Ich bezeichne sie als ungünstig, weil sie oft einen höheren Fett-, Kohlenhydrat- und Salzanteil haben. Das kann aber mit einer bewussten Wahl der Fertiggerichte ausgeglichen werden. Die Geschmacksverstärker sind aus wissenschaftlicher Sicht auch nicht per se schlecht. Das Hauptproblem beim regelmässigen Verzehr von Convenience Food liegt vielmehr darin, dass wichtige Lebensmittel wie Gemüse und Salate vergessen werden. So entsteht eine einseitige Ernährung, die eher unvorteilhaft ist und beispielsweise zu Übergewicht führen kann.

Also nehmen wir zu, wenn wir ständig fertiges Essen in der Mikrowelle aufwärmen.

Nicht unbedingt. Es kommt auf die Auswahl der Fertiggerichte an. Jene mit einem tieferen Fett- und Kohlehydratanteil sind sicher besser. Wenn das Essen mit einem Salat oder Gemüse angereichert wird, bleibt die Zahl auf der Waage in der Regel stabil. Bei der Gewichtszunahme spielen sowieso auch noch andere Faktoren eine Rolle – beispielsweise eine hohe Stressbelastung oder mangelnde Bewegung.

Seit 2010 wächst der Convenience-Markt in Europa im Durchschnitt um drei Prozent pro Jahr. Warum sind Fertigprodukte so gefragt?

Die Menschen haben heutzutage keine Lust mehr, eine Stunde oder länger in der Küche zu stehen. Sie pflegen nach der Arbeit lieber ihren Freundeskreis oder gehen einem Hobby nach. Gesunde Ernährung ist auf der Prioritätenliste weiter hinten zu finden. Der Convenience-Boom hängt auch mit der Veränderung des Rollenbilds der Frau zusammen, die ich übrigens begrüsse. Früher blieben die Frauen ja öfter zu Hause und kochten für die Familien. Heute arbeiten sie und ihre Partner vermehrt im Teilzeitverhältnis. Unter dem Strich bleibt so weniger Zeit für das Kochen. Es muss heute schnell gehen und die Zubereitung sollte ohne grossen Aufwand zu bewerkstelligen sein.

Was empfehlen Sie, wenn man nicht viel Zeit hat?

Die Leute vergessen manchmal, dass die Zubereitung von Teigwaren oder Couscous nicht lange dauert. Wenn man darüber noch etwas Reibkäse streut sowie einen Fertigsalat isst, ist das eine ausgewogene Mahlzeit. Auch Tiefkühlgemüse lässt sich in kurzer Zeit aufkochen und ist mindestens ebenbürtig zu frischem Gemüse.

Wieso?

Nach der Ernte wird das Gemüse sofort eingefroren und behält die Vitamine, bis es aufgekocht wird. Bei frischem Gemüse weiss man nicht, wie lange es schon am Tageslicht lag. Und gerade Vitamin C reagiert empfindlich gegen Hitze, Licht und Luft. Bis das als «frisch» gekennzeichnete Gemüse letztlich im Kochtopf landet, hat es unter Umständen schon einiges an Vitamin C verloren.

Und wie stehen Sie zu Lebensmitteln aus Konservendosen?

Es gibt durchaus sinnvolle Lebensmittel aus der Büchse. Ich denke da an Hülsenfrüchte wie Linsen, Bohnen oder Erbsen, bei welchen man sich so das Einlegen über die Nacht ersparen kann. Oder auch Pilze, Artischocken oder Spargeln sind durchaus gesunde Lebensmittel, auch wenn sie aus dem Glas oder aus der Konservendose stammen. Ich rate jedem: Besser Büchsengemüse als gar kein Gemüse.