Für Voltaire stand fest: «Ein langer Streit bedeutet, dass beide Seiten unrecht haben.» Weswegen es eigentlich keinen Sinn hätte, an ihm festzuhalten. Doch wer hört schon auf Philosophen? Egal, ob Politik, Wirtschaft oder Ehe – immer wieder stehen sich Streithähne unversöhnlich gegenüber. Vielleicht sollten sie sich einfach mal zu einem gemeinsamen Spaziergang durchringen. Denn das könnte laut einer aktuellen US-Studie wesentlich zu ihrer Versöhnung beitragen.

Einen Anlass für ihre Untersuchung fanden die Forscher im allgemeinen Sprachgebrauch. So ist bei Streitigkeiten oft von Bewegungslosigkeit die Rede, wie etwa von Starrsinn, verhärteten Fronten, oder dass man in den Verhandlungen feststeckt. «Lösen sich hingegen Konflikte auf, wird davon gesprochen, dass die Parteien aufeinander zugehen und Bewegung in die Sache kommt», erklärt Studienleiterin Christine Webb. Deswegen beschlossen die Psychologin und ihr Team, die wissenschaftliche Datenlage darauf abzuklopfen, inwieweit körperliche Bewegung tatsächlich zum Abbau von Konflikten beiträgt.

Mehr Leistungsmotivation

Dabei offenbarte sich Bewegung generell als Friedensstifter. Aber die meisten Pluspunkte vereinigt in dieser Hinsicht der gemeinsame Spaziergang. «Er schafft sowohl die intra- als auch interpersonellen Voraussetzungen zum Abbau von Konflikten», resümiert Webb. Die individuelle Psyche der Streitenden und ihr Verhältnis zueinander würden gleichermassen darauf getrimmt, wieder zueinanderzufinden.

Im harmonischen Gleichschritt

So hat man in Studien herausgefunden, dass die ruhige und gleichförmige Vorwärtsbewegung des Spaziergangs die Zielstrebigkeit und Kreativität eines Menschen fördert. Er spürt dann, wie er langsam Schritt für Schritt vorwärtskommt – und diese Erfahrung überträgt sich offenbar auch auf andere Bereiche des Lebens. Als man Studenten zu regelmässigen Per-Pedes-Aktionen anregte, entwickelten sie deutlich mehr Leistungsmotivation, aber auch mehr Geduld und Bereitschaft für unkonventionelle Lösungs- wege. Und das könne bekanntlich, wie Webb betont, auch beim Schlichten von Streitigkeiten hilfreich sein.

Den grössten friedenstiftenden Effekt hat jedoch das Spazierengehen, wenn es die Streitbeteiligten gemeinsam unternehmen. Denn sie werden dann schon nach wenigen Minuten im harmonischen Gleichschritt gehen, weil das in ihrer Natur liegt. «Schon kleine Kinder synchronisieren ihre Bewegungen», berichtet Webb. Und auch hier überträgt sich die Erfahrung auf andere Bereiche des Lebens: Wenn wir uns synchron mit einem anderen Menschen bewegen, verspüren wir weniger Neigung, uns mit ihm zu streiten. Und dafür mehr Bereitschaft, die persönlichen Interessen zugunsten der anderen hintanzustellen. «Das synchrone Miteinander-Bewegen verbessert die Kooperation», betont Webb.

Ganz zu schweigen davon, dass gemeinsame Spaziergänge die Perspektive auf den Gegner verändern. Denn man steht oder sitzt ihm ja nicht mehr gegenüber, sondern befindet sich an seiner Seite. Auch das beeinflusst das Gesamtgefühl ihm gegenüber. In der Summe der Effekte gibt es also kaum ein besseres Instrument zur Konfliktschlichtung. Nicht umsonst lud Mahatma Gandhi immer wieder zu Spaziergängen ein. Und auch die Führer der G7-Staaten schlenderten am letzten Tag ihres diesjährigen Treffens gemeinsam durch die Strassen von Taormina. Mit einer Ausnahme: US-Präsident Donald Trump liess sich die sizilianische Stadt im Auto zeigen.