Leben

Geheimtipp im hohen Norden: die grünen Färöer-Inseln

Die Rauheit, Einsamkeit und Unberührtheit der 18 Inseln zwischen Island, Norwegen und Schottland faszinieren. Den besten Einstieg, um sie kennen zu lernen, bietet das Konzept Heimablídni an, «bei Färingern zu Gast».

«Am Strand findet man immer wieder etwas Wertvolles», sagt Farmer Joannes Patursson. Walknochen, Bojen, Plastikkanister, das übliche Strandgut. Am wertvollsten: Treibholz. Holz wächst keines auf den Färöern, abgesehen von ein paar Miniaturwäldchen gibt es keine Bäume.

Die Planken für die lange Tafel im 900-jährigen Patursson-Hauses in Kirkjubóur wurden 1895 an Land gespült, als die «Principia» auf der Fahrt von Schottland nach New York in der tosenden See Schiffbruch erlitt. Nach einer Explosion brach Feuer an Bord aus, der britische Frachter zerschellte an Felsen und sank. Von den 28 Seeleuten überlebte als einziger der Matrose Heinrich Anders aus Rostock. Ein dicker Balken rettete ihm das Leben.

Aus dem Schiffsbalken entstand die längste Tafel der Färöer. Sie steht im ältesten Blockhaus der Inseln in einer grossen, fensterlosen Rauchstube. «Früher bestanden die Häuser aus einem finsteren, zentralen, geschwärzten Raum zum Leben, Kochen und Schlafen. In der Mitte des gestampften Bodens war eine offene Feuerstelle, der Rauch zog durch ein Loch im Grasdach ab», erklärt Joannes Patursson.

Seine Rauchstube ist heute ein musealer Raum, den er Reisegruppen im Rahmen einer Führung zeigt. Im Wohnzimmer nebenan weist er auf ein Foto des Schiffbrüchigen. «40 Jahre nach seiner Rettung kehrte Anders nach Kirkjubóur zurück. Mein Grossvater erzählte, dass er weinte, als er die Tafel sah», erinnert sich der Hausherr.

Auf den Färöerinseln leben mehr Schafe als Einwohner

Die Paturssons sind seit 17 Generationen in Kirkjubóur ansässig, das im Mittelalter das kulturelle und geistliche Zentrum der Inseln bildete. 1557 haben sie den heute noch grössten Hof der Färöer in Erbpacht übernommen, als der dänische König die Herrschaft über die Inseln im Nordatlantik an sich riss. Die Färöer gehören immer noch zu Dänemark, verwalten und regieren sich aber seit 1948 autonom.

Von der Hauptstadt Tórshavn wandert man in zwei Stunden über die Küstenberge zu dem geschichtsträchtigen Ort, der heute aus ein paar Häusern, der Dorfkirche von 1111 und der Ruine der ehemaligen Bischofskathedrale der Färöer besteht. Joannes Patursson, der Chef des Clans, erzählt von Sturmfluten, Lawinen, heldenhaften Vorfahren und dem rauen Leben auf den Inseln. Im Anschluss an die Führung serviert seine Frau normalerweise Kaffee und Kuchen im Wohnhaus des Pachthofs. Heute allerdings nur Kekse, denn es ist die Zeit der Schafschur.

Aus der Wolle werden Pullover und Socken gestrickt, die früher das dänische Heer oder Napoleons Soldaten in Russland trugen. «Isländerpullis müssten eigentlich Färöer heissen», findet Patursson. Denn die Muster stammen von hier, sie wurden bloss von der Isländischen Compagnie nach Kopenhagen transportiert. Schafe stellen auf den 18 Färöerinseln die Mehrheit – gut 50000 Einwohnern stehen 80000 Schafe gegenüber – und gaben ihnen ihren Namen. Übersetzt bedeutet Färöer Schafinseln. Deshalb sei es doppelt gemoppelt, von Färöerinseln zu sprechen.

Ausser von Schafen leben die Menschen traditionell von Fisch und Meeresfrüchten, Zugvögeln, Gänsen und Walen. Für Ackerbau und Viehzucht eignen sich die kargen Böden und das von Seenebel, Regen und Sturmwind geprägte Klima nicht. Viel mehr als Rhabarber, Sauerampfer, Kartoffeln und Rüben geben sie nicht her.

Gebratener Eissturmvogel, fermentiertes Schaffleisch

Wie früher dürfen sich Einheimische an den Klippen abseilen, um Eier und Jungvögel aus den Nestern von Eissturmvögeln und anderer Seevögel zu rauben. Das Recht dazu ist an Grundbesitz gebunden. Besonders beliebt sind Papageientaucher, gebraten, gefüllt oder gekocht, die man unter anderem auf der Vogelinsel Mykinesholmur aus Nisthöhlen im Gras pflückt.

Auch der Grindwalfang (Grindadrap) ist ein Relikt aus vergangenen Tagen, als man dem chronischen Vitamin- und Eiweissmangel gegensteuern musste. In 17 genehmigten Walbuchten werden die nicht geschützten Kleinwale mit Booten zusammengetrieben und nach strengem Ritual abgestochen. Fleisch, Haut oder Fett (so genannter Blubber) wird an alle Bewohner eines Walbezirks verteilt und verwertet. Da Salz Mangelware war, wurden Wal-, Fisch- und Schaffleisch in der Salzluft langsam getrocknet. Windgetrocknetes ist nach wie vor sehr beliebt, auch Blubber und Vögel stehen noch auf dem Speiseplan.

Wie traditionelle Spezialitäten schmecken, kann man in Restaurants, allen voran im Gourmetlokal Koks, das sich mit dem Fokus auf lokale Zutaten einen Michelinstern erkocht hat, oder auf dem Hof von Ana und Oli Rubeksen in Velbastadur, nahe Kirkjubóur, kosten.

Die beiden haben «Heimablídni», zu deutsch Gastlichkeit, ins Leben gerufen. Das ist ein Tourismuskonzept, das Gästen das Leben auf den Inseln ­ zu Hause bei Färingern näherbringt. Heimablídni hat inzwischen Schule gemacht. 2017 wurde es mit dem nordischen Gastronomie-Preis Embla ausgezeichnet und von der UNO ­ als nachhaltiges Tourismuskonzept ­gewürdigt.

Bauer sucht Frau auf Färöisch – doch das ist gar nicht so einfach

Jagen, fischen, nach alter Art schlachten, Schafskopf essen, Häuser und Boote reparieren, der stürmischen See trotzen: Als «Atlantic Cowboy» beschreibt Firouz Gaini, Professor für Anthropologie an der Universität in Tórshavn, die färöischen Männer. Doch sie scheinen aus der Zeit zu fallen. Immer schwerer wird es für sie, eine Frau zu finden, die das raue Leben teilen will, wie verschiedene Medien berichten.

Stadtführerin Björk, die durch das Regierungsviertel Tindanes mit seinen ­roten Holzhäusern mit Grasdächern im Puppenstubenformat führt, bestätigt die Malaise: «Immer häufiger ziehen Frauen aus der Einöde zur Ausbildung in die Hauptstadt oder nach Kopenhagen und bleiben fort.»

Neuerdings sieht man jedoch eine Menge junger Leute auf den Inseln. ­ Es gibt viele Sommerjobs und der Tourismus boomt. Doch die Färinger ­entwickeln die nötigen Strukturen mit Bedacht. Man wolle kein zweites Island werden. Seit zehn Jahren hat sich die Zahl der Touristen knapp verdoppelt (über 400000 in 2018). Im Zuge der grossen Beliebtheit Islands entdecken immer mehr Reisende die unberührten Färöer als Geheimtipp im Norden.

Deren grandiose Natur zieht Fotografen, Wanderer, Birdwatcher oder Künstler an, welche die Launen des Wetters nicht schreckt und die Wildheit der Natur inspiriert. Dafür werden sie mit sagenhaften Lichtstimmungen belohnt und können ihre Ausrüstung auf maximale Regentauglichkeit überprüfen. Der Boom dürfte anhalten.

Das Magazin «Forbes» erklärte sie 2018 zu einem der «15 coolest places to go». Das dürfte letztlich auch die Chancen des ein oder anderen «Atlantic Cowboys» erhöhen, wenn er seine gute ­Stube Gästen öffnet, einsamen Touristinnen Blubber serviert und schöne Schafsaugen macht.

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