Wegwerfgesellschaft

Gefunden und nicht abgeholt: Unsere Fundbüros quellen über

Der Mensch verliert ständig. Wertloses und Wertvolles. Ein Grossteil der Gegenstände wird zwar wieder gefunden, aber nicht abgeholt. Ist das eine Folge der Wegwerfgesellschaft? Ein Besuch im Fundbüro.

Das Gefühl, etwas verloren zu haben, ist widerwärtig. Wütend auf sich selbst und genervt ob der eigenen Unachtsamkeit, grübelt man, wo der Gegenstand sein könnte. Man versucht sich krampfhaft zu erinnern, das letzte Bild zu erhaschen. Manchmal quält uns der Gedanke noch Wochen später: Wo steckt das vermisste Teil bloss? Vergilbt der hübsche Ring im Strassengraben? Klemmt das Portemonnaie zwischen den Tramsitzen? Streichen fremde Finger gerade über das Smartphone?

Letztens musste ich dieses Gefühl des Verlusts wieder einmal ertragen. Ich hatte etwas verloren. Etwas Wertvolles. Materiell, nicht wirklich ideell. Etwas, das – und das macht die Stimmung nach dem Verlust noch viel schlimmer – nicht einmal mir gehört. Der Tatort: ein Tram in der Zürcher Bahnhofsstrasse. Der Grund: Unachtsamkeit. Diese unangenehme Situation führte mich ins Fundbüro der Stadt Zürich.

Totale Überlastung

Ein junger Mann im Business-Look tritt eilig aus der Türe. Er hat soeben ein Smartphone abgegeben, dass er beim Spazieren an der Limmat gefunden hat. Drinnen am Schalter steht eine ältere Dame, sie sucht ihren schwarzen Schirm, den sie im Bus, die Nummer weiss sie jetzt auch nicht mehr genau, liegen lassen hat.

Daniela Baldauf, Leiterin des Fundbüros und seit 23 Jahren Fundengel der Stadt Zürich, nimmt täglich gefundene Gegenstände an, vermittelt sie an ihre Besitzer und sorgt – im besten Fall – für ein Happy End in Sachen Causa Verlusta.

Derzeit stockt die Vermittlung. Während es mithilfe eines Online-Tools, in dem der Suchende seinen Verlust melden kann, normalerweise etwa zwei Tage dauert, bis man von den Mitarbeitern des Fundbüros telefonisch oder schriftlich informiert wird, dauert es derzeit 1,5 Wochen. Schuld ist die Street Parade. «Wir sind total überlastet. 1000 Gegenstände haben wir von der Street Parade, 600 mehr als letztes Jahr», sagt Baldauf zwei Monate nach der Party in der Zürcher Innenstadt.

In den Schubladen reihen sich einfache Leder-Portemonnaies an Marken-Geldtäschli, alte Handys an neuste Smartphones. Führerausweise, Personalausweise und Bankkarten stauben vor sich hin. In zwei langen Kasten baumeln Schlüssel an den Haken. Auto- und Haustürschlüssel – von ihren Besitzern vergessen und längst ausgetauscht.

Das Überraschende: Bei den meisten Fundsachen wurden die Besitzer informiert, dass ihre Sachen gefunden wurden und im Büro in der Werdmühlestrasse abholbereit sind. Aber sie kommen nicht. «Es ist für mich unverständlich, dass die Leute ihre Sachen gar nicht wieder haben möchten», sagt Baldauf. «Sie sind zu faul hierher zu kommen, kaufen alles gleich neu und bestellen ihre Ausweise sofort nach.»

Derzeit lagern rund 50 000 Gegenstände in den Räumen des Fundbüros, die auf öffentlichem Grund oder in einem Fahrzeug der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) gefunden wurden. Jährlich werden etwa 32 000 abgegeben. Rund 60 Prozent können vermittelt werden. Der Rest bleibt erst mal im Fundbüro. Die Regel: Gegenstände, die in VBZ-Fahrzeugen gefunden werden, werden drei Monate aufbewahrt, die vom öffentlichen Grund ein Jahr.

Neben den vielen Jacken, Regenschirmen, Sporttaschen und Plüschtieren fallen vor allem die etlichen Plastik- und Papiersäcke auf, die in die Regale gestopft sind. Sie werden am häufigsten abgegeben. Leute lassen etwa ihren Einkauf – meist Kleidungsstücke oder Medikamente – in Tram oder Bus liegen. Da macht sich nur selten jemand die Mühe, das Vermisste abzuholen. Der Weg in die Zürcher Innenstadt ist vielen zu aufwendig.

Daniela Baldauf bemerkt eine Entwicklung. Früher, erinnert sich die 53-Jährige aus dem Tösstal, haben die Leute ihre Sachen noch öfter abgeholt. Wegen «Nichtigkeiten» kommt heute niemand mehr vorbei. «Die Kleider werden immer günstiger. Wenn ein T-Shirt noch zehn Franken kostet, kaufen es sich die Leute lieber noch einmal, anstatt es hier abzuholen», sagt Baldauf und fügt spitz an: «Bei der Versicherung melden sie dann natürlich einen Markenartikel.»

Zürichs Miss Marple

Daniela Baldauf ist Auskunftsperson, Psychologin, Blitzableiter und Engel in einer Person. Ihre Mission: Fundstück und Besitzer wieder vereinen. Nicht selten tüftelt sie wie Sherlock Holmes oder Miss Marple an einem Fall, um ihn zu lösen.
So durchforstet sie Agendas, um über eingetragene Arzttermine an die Besitzer zu kommen, blättert Tagebücher durch oder spürt teuren Schmuckstücken nach. In den letzten Jahren haben sich neben vielen tausend Gegenständen auch Verlust-Geschichten angesammelt. Wie die von der 100 000 Franken teuren Brosche. Das Prachtexemplar mit Smaragd und Diamanten bestückt wurde bei ihr abgegeben. Baldauf konnte anhand der Signatur den Goldschmied in Deutschland und somit die Besitzerin ausfindig machen. Diese reiste mit Privat-Chauffeur in die Schweiz und liess einen Finderlohn von 6000 Franken springen. Die meisten geben einen Finderlohn. Zehn Prozent des Wertgegenstandes sind angemessen.

Betrüger haben bei Baldauf keine Chance, sie hakt nach, prüft jedes Detail. Eine Dame, die behauptete, ein Goldarmband verloren zu haben und einfach eines aussuchen wollte, entlarvte sie schnell als Betrügerin und benachrichtigte die Polizei.

Auch wenn man täglich mit verlorenen Gegenständen zu tun hat, ist man vor Verlust nicht gefeit. Baldauf hat auch schon ein Armband verloren oder ihre Uniformjacke im Zug liegen lassen. Trotzdem sei man, wenn man täglich mit Verlustgeschichten konfrontiert ist, sensibilisiert und sorgfältiger.

Wir kümmern uns zwar nicht wirklich um unsere verlorenen Gegenstände, obwohl man uns sogar nachtelefoniert, aber dafür geben wir fleissig ab, wenn wir etwas finden: «Die Schweizer sind ein ehrliches Volk. Bei uns wird sehr viel abgegeben», so Baldauf. Dies beweisen auch mehrere «Wer-gibt-ein-gefundenes-Portemonnaie-zurück»-Experimente auf Schweizer Strassen.

Und auch mein materiell wertvoller Gegenstand wurde abgegeben. Ich habe meinen Geschäfts-Laptop wieder. Sorry Chefs. Aber zum Glück ist der Schweizer ja ehrlich.

Am 19. und 26. November finden die nächsten Versteigerungen des Fundbüros statt. Dort erhalten die verlorenen Gegenstände neue Besitzer. www.stadt-zuerich.ch

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