«Ich lasse meinen vierjährigen Sohn nur von Frauen betreuen. Nur schon, weil ich dann ein besseres Gefühl habe», lässt sich eine Mutter zitieren, nachdem sie vom Vorfall in St. Gallen gehört hat. Ein Mitarbeiter einer Kindertagesstätte wird verdächtigt, privat kinderpornografisches Material verbreitet zu haben. Der Mann befindet sich in Untersuchungshaft – und einmal mehr macht sich Verunsicherung breit. Eltern fragen nach, wer ihre Kinder in der Kita wickelt. Plötzlich stehen Männer, welche lieber Kleinkinder betreuen, als Autos zu flicken, unter erhöhter Beobachtung.

Unter diesem Generalverdacht leiden männliche Auszubildende in Kitas massiv. Diese Erfahrung hat auch Joel Grob gemacht, der in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt. Bereits in der ersten Woche als Lernender zum Kinderbetreuer in einer ländlichen Gemeinde gingen die Eltern auf die Barrikaden. «Als mich die Eltern sahen, waren sie verunsichert», erzählt er. Vor allem die Väter. Einige drohten, ihre Kinder aus der Kita zu nehmen, wenn er bleibe. «Obwohl absolut nichts vorgefallen ist, wurde ich behandelt wie ein Monster.» Er blieb. Die Kinder auch. Und von der Regel, dass sich kein Kind auf seinen Schoss setzen dürfe, hat sich die Kita schnell wieder verabschiedet. Knuddeln würde er die Kinder aber weniger als die weiblichen Betreuerinnen: «Ich bin zurückhaltender geworden gegenüber den Kindern.» Bei Männern werde genauer hingeschaut als bei Frauen. In einer österreichischen Befragung gaben denn auch rund zehn Prozent der männlichen Fachkräfte aus Kindertagesstätten an, schon einmal des sexuellen Missbrauchs verdächtigt worden zu sein.

Auch Männer dürfen wickeln

Nadine Hoch klingt am Telefon sehr bestimmt, wenn sie sagt: «Solche Geschichten wie jetzt in St. Gallen sind schlimm. Schlimm ist aber auch, dass jetzt wieder alle männlichen Kinderbetreuer unter Generalverdacht gestellt werden.» Hoch ist Geschäftsleiterin von Kibesuisse, dem Schweizer Verband für Kinderbetreuung. Eltern, aber vor allem auch junge Lernende würden durch solche Vorfälle verunsichert. Kibesuisse hat schon lange einen Verhaltenskodex herausgegeben: Dort steht etwa, dass die Türen zum Wickelzimmer immer offen stehen müssen, Fieber nicht rektal, sondern im Ohr gemessen wird und das Küssen von Kindern verboten ist. Bei einer Anstellung soll ein Auszug aus dem Strafregister verlangt werden. Alle Regeln gelten für Frauen und Männer gleichermassen. «Was sollen Kinder denken, wenn der einzige Mann in der Kita sie nicht wickeln darf?», fragt Nadine Hoch. Das sei diskriminierend und würde ein falsches Rollenbild vermitteln.

Hoch ist nicht bekannt, dass es in der Schweiz Kitas gebe, die grundsätzlich keine Männer anstellen würden. «Zumindest kommunizieren sie das nicht offen.» Es gebe hingegen sehr viele Kindertagesstätten, die männliche Mitarbeiter suchen. Denn von denen hat es viel zu wenig. Immerhin sei dank jahrelanger Bemühungen der Prozentsatz der männlichen Lernenden in Kitas auf 14 Prozent gestiegen.

Das freut nicht alle: Eine Studie des deutschen Familienministeriums aus dem Jahr 2014 zeigte, dass nur gerade 56 Prozent der Eltern wünschen, dass die Zahl der männlichen Fachkräfte in Kinderkrippen steigt. Die Elternschaft ist in zwei Lager gespalten: Die einen, die sich freuen, wenn ihr Kind einen Betreuer hat, der gern Fussball spielt oder Einschlafliedchen singt, und die anderen, die in jedem kinderliebenden Mann einen Pädophilen vermuten.

«Es entspricht nicht dem althergebrachten Männlichkeitsbild, dass sich ein Mann gerne und professionell um kleine Kin- der kümmert», sagt HSG-Professorin Julia Nentwich. Sie hat sich für ein Studienprojekt mit dem Thema «Männer in Kitas» auseinandergesetzt. «Anstatt die eigenen Denkmuster zu hinterfragen, werden den Männern unlautere Motive unterstellt.»

Doktorspiele sind nicht alarmierend

Nentwich begrüsst es, dass das Thema sexueller Missbrauch in Institutionen breit diskutiert wird: «Über zu viele Fälle wurde zu lange geschwiegen.» Problematisch sei jedoch, wenn wie gerade im aktuellen Fall fast schon hysterisch reagiert werde. Die Gender-Forscherin ortet bei vielen Kitas Handlungsbedarf in Sachen Missbrauchsprävention. «Wenn zum Beispiel Doktorspiele von Kleinkindern eine Kita-Leitung in den Ausnahmezustand versetzen, liegt einiges im Argen.» Gerne gehe auch vergessen, dass auch Frauen Gewalt gegenüber Kinder ausüben, sagt Nentwich. Kinderschutz Schweiz geht davon aus, dass 10 Prozent der Gewalthandlungen gegen Mädchen von Frauen begangen werden, bei Buben liegt der Anteil weiblicher Täter bei 25 Prozent.

Michael Hunziker, Leiter einer Kita im Limmattal, will den Namen seines Betriebs nicht im Zusammenhang mit Pädophilie in der Zeitung lesen: «In unserer, wie in jeder anderen Branche gibt es schwarze Schafe, davon lasse ich mir meinen Traumjob nicht vermiesen.» Für seine Kita-Mitarbeiter beiden Geschlechts hat er klare Richtlinien aufgestellt, «um die Kinder, aber auch die Mitarbeiter zu schützen», wie er sagt. Stünden Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs erst einmal im Raum, werde das schnell sehr heikel.

Für Hunziker ist selbstverständlich, dass Kinder nicht dauernd herumgetragen werden, dass sich kein Betreuer zum Einschlafen ins Bett eines Kindes lege. Auch Küsse und Streicheleinheiten seien tabu. Sie würden sich aber vonseiten der Kinder nicht ganz verhindern lassen. «Wir sind kein Elternersatz», stellt der 29-Jährige klar. In Hunzikers Team arbeitet neben ihm ein anderer Mann. «Ich würde gern mehr Männer einstellen, aber ich erhalte fast keine Bewerbungen.»