Drei Tage, nachdem ein 17-jähriger Lette in Flums mehrere Personen mit einem Beil angegriffen hat, lagen drei der Opfer bei Redaktionsschluss gestern Abend noch immer im Spital. Der mutmassliche Täter wurde am Montagnachmittag verhört. Die Polizei hat sein Wohnhaus durchsucht und sein Mobiltelefon und andere elektronische Geräte beschlagnahmt.

Zu reden gibt der Auftritt des Teenagers auf der russischen Social-Media-Plattform vk.com. Dort präsentiert sich der mutmassliche Täter als «Kindertöter», Sex-Sadist und Hitler-Anhänger. Das Profil war den Psychologen, die den Teenager im September untersucht hatten, nicht bekannt. Sie führten mehrere Gespräche mit dem Letten, nachdem aus seinem schulischen Umfeld Hinweise auf gewaltverherrlichende Äusserungen eingegangen waren. Ob seine Äusserungen auf vk.com etwas an der Einschätzung der Psychologen geändert hätten, lässt sich nicht sagen.

Dass der junge Lette auf vk.com aber unbemerkt seine Gewaltfantasien ausformulieren konnte, sorgt für Kopfschütteln. Der Schweizer Social-Media-Experte Jürg Kobel sagt: «Wenn die Inhaber von vk.com tatenlos zuschauen, wie sich Hasskommentare, Morddrohungen, Fake-News und Propaganda weiterverbreiten, dann ist dies eine Gefahr für die Gesellschaft.»

Fedpol darf nicht überwachen

vk.com wurde 2006 von den Brüdern Pawel und Nikolai Durow gegründet und gehört inzwischen der Putin-freundlichen russischen Investmentfirma Mail.Ru Group. Laut dem Online-Dienst Alexa ist die Plattform, die bis 2012 als «VKontakte» bekannt war, die beliebteste Homepage in Russland. Das russische Pendant zu Facebook steht Nutzern auf der ganzen Welt offen. Laut eigenen Angaben hat die Plattform rund 150 000 Nutzerinnen und Nutzer aus der Schweiz.

Fakten zur Beil-Attacke in Flums

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Am Sonntagabend verletzte ein Jugendlicher in Flums SG mit einem Beil 8 Menschen. Der 17-jährige konnte erst geschnappt werden, nachdem er angeschossen wurde.

Anders als Facebook, das gegen radikale politische Äusserungen vorgeht und Profile löscht, lässt vk.com gewaltverherrlichende und rechtsradikale Statements stehen. Die deutsche «Tagesschau» sieht im russischen Netzwerk einen «Zufluchtsort für Rechtsextremisten» und der Radiosender Deutschlandfunk sagt über vk.com: «Die Seite fühlt sich an wie eine dreckige Stadt im Wilden Westen – ohne Sheriff.»

Das hat sich auch der Flumser Axt-Angreifer zunutze gemacht und seinen Fantasien freien Lauf gelassen. In Deutschland steht die Seite unter Beobachtung des sächsischen Verfassungsschutzes. In der Schweiz hingegen findet kein dauerhaftes Monitoring statt. Anne-Florence Débois, Sprecherin der Bundespolizei Fedpol, sagt auf Anfrage: «Die Polizei darf das Internet nicht überwachen. Wenn uns strafbare Inhalte gemeldet werden, werden wir aktiv, zuvor nicht.» Man kenne die Plattform vk.com aber und habe auch schon Meldungen zu auffälligen Inhalten erhalten. Die Äusserungen des Axt-Angreifers waren nicht darunter. «Der Flumser Fall ist eine kantonale Angelegenheit, in die Fedpol nicht involviert ist», erklärt Anne-Florence Débois.

Beil-Angriff in Flums: Das sagt die Staatsanwaltschaft

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In Flums SG attackierte am Sonntagabend ein 17-Jähriger Passanten mit einem Beil. Mehrere Personen wurden dabei angegriffen und verletzt.