Frau Stenger, ich bin fürchterlich im Schlamassel. In weniger als zwei Wochen sind Weihnachten und ich habe weder die Weihnachtsgeschenke gekauft noch Karten verschickt. Was habe ich falsch gemacht?

Christiane Stenger: Nichts. Es ist ja noch genug Zeit. Es ist wichtig, dass man sich nicht unnötig unter Druck setzt. Das findet unser Gehirn gar nicht gut. Am besten schreiben Sie auf eine To-do-Liste, dass Sie Weihnachtskarten kaufen und sie am Sonntag schreiben wollen. Dann ist alles viel entspannter. Sie haben jetzt diese offene Schublade «Ach-ich-muss-noch-Weihnachtskarten-schreiben» schon halb zugemacht. Nun schmücken Sie sich in Gedanken den Sonntagnachmittag aus, mit Kerzenlicht, Tee und etwas Gebäck, sodass Sie sich darauf freuen können. 

Dann habe ich aber die Geschenke immer noch nicht.

Man soll sich nicht zu viel auf einmal vornehmen. Sie können sich sagen, dass Sie bis Sonntag brainstormen, was Sie schenken könnten. Überlegen Sie sich, was den anderen grosse Freude machen würde.

Haben Sie eine Technik, wie man auf gute Ideen kommt?

Es ist ganz gut, wenn man die Angel auswirft, sodass man nicht nur im gewöhnlichen Teich fischt. Suchen Sie aus einem Zeitungsartikel oder einem Buch spontan das nächste Substantiv heraus. Zum Beispiel das Wort Briefkasten. Dann versuchen Sie, das Wort mit der Person in Verbindung zu bringen – und plötzlich kommen Sie auf ganz kreative Ideen.

«Gedanken sind für mich wie Fische», schreiben Sie in Ihrem Buch. Wie schaffen Sie es, damit sie Ihnen nicht vor der Nase wegschwimmen?

Ich habe das Aquariumbild in meinem Buch für das Gehirn gewählt, weil man es sich so einfacher merken kann. Es ist immer gut, wenn man Neues mit etwas verknüpft, das man schon kennt.

Geben Sie uns ein Beispiel.

Das kann man mit Bildergeschichten erreichen, zum Beispiel wenn man sich seine Einkaufsliste merken will und auch noch zum Frisör und Weihnachtskarten einwerfen muss. Man stellt sich vor, dass man beim Frisör sitzt und er ein tolles neues Shampoo aus einem Briefumschlag hervorzaubert. Der Briefumschlag steht für die Weihnachtskarten, die man einwerfen will und das Shampoo entpuppt sich dann als Milch und Eier. All das schüttet nun der Frisör plötzlich über den Kopf. Je verrückter, komischer und merkwürdiger die Bilder sind, desto leichter kann man sie sich einprägen. So können Sie dafür sorgen, dass die Gedanken oder Aufgaben nicht wegschwimmen.

Und dann werde ich so genial wie Sie?

Man wird auf jeden Fall genialer, wenn man neue Dinge ausprobiert. Es ist das beste Gedächtnistraining, wenn man nicht immer alles gleich macht. Auf der einen Seite sind Routinen ganz toll für das Gehirn, weil sie einem vieles erleichtern und Energie sparen. Andererseits ist es wichtig, immer wieder Neues auszuprobieren, damit eben auch neue Verknüpfungen im Gehirn entstehen.

Wie wichtig ist dabei das effiziente Arbeiten? Ist das der Schlüssel zur Genialität?

Die Fähigkeit, effizient zu arbeiten, ist natürlich ein ganz wichtiger Faktor. Gleichzeitig ist es auch entscheidend, sich Zeit einzuräumen, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und sich nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Wie immer macht es die Mischung!

Sie schreiben in Ihrem Buch, der Informationsüberfluss werfe uns gedanklich zurück. Wäre die Lösung, dass wir wieder offline gehen?

Nein, auf keinen Fall. Wir müssen nur richtig damit umgehen und uns nicht den ganzen Tag zufluten lassen. Es ist ja toll, was man im Internet alles finden kann. Doch wenn wir gerade an einem Thema arbeiten und etwas nachschlagen, aber zwei Stunden später den 270. Artikel lesen, der absolut nichts mit dem zu tun hat, was wir ursprünglich suchten, dann ist das negativ. Und das passiert doch ab und zu. Es hilft, sich bestimmte Zeiten festzulegen, in denen man im Internet surfen darf. Wenn man an einer bestimmten Arbeit sitzt und ein Erfolgserlebnis haben will, hilft die wunderschöne Pomodoro-Technik. Eine Zeitmanagement-Technik, die so simpel ist, dass man sofort damit starten kann. Man nimmt einen Timer oder eine Küchenuhr, stellt sie auf 25 Minuten und lässt sich in dieser Zeit von nichts ablenken. Man ist ganz erstaunt, was man in 25 Minuten alles machen kann.

Sie schreiben, dass sich unsere Denkstruktur verändert durch das Internet.

Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass man schon nach einer Woche Internetnutzung Veränderungen im Gehirn erkennen kann. Dies hat also Einfluss auf unsere Arbeitsweise. Man merkt es auch selbst, dass es ein anderes Arbeiten ist, wenn man jederzeit Zugriff auf so viele Informationen hat. Wenn wir immer Neues lesen, hat unser Gehirn gar keine Zeit mehr, das zu verarbeiten, was wir gerade erfahren haben.

Ist es überhaupt nötig, sich so viel zu merken, wenn Wikipedia nur einen Mausklick entfernt ist?

Ich finde schon, dass es wichtig ist, sich etwas zu merken. Auch alleine, um bestimmte Dinge zu durchdenken. Gerade unser Wissensnetzwerk ermöglicht uns auch, grössere Zusammenhänge zu erkennen. Auf Wikipedia stösst man zwar auf Zusammenhänge, wenn ein Wort blau markiert ist, aber die eigenen Gedanken und das eigene Wissen schaffen viel mehr Möglichkeiten, um auch komplexere Zusammenhänge zu durchdenken.

Was halten Sie von digitalem Lesen?

Ich finde es angenehm, wenn ich im Urlaub keine Bücher mitnehmen muss. Persönlich kann ich aber besser mit Büchern lernen, weil Papier haptischer ist und ich etwas markieren kann. Ausserdem werden alle Sinne mit einbezogen, und das ist sehr wichtig, wenn wir etwas Neues lernen möchten.

Von Multitasking halten Sie nicht viel. Wieso?

Ich berufe mich da auf Studien, die herausgefunden haben, dass man nicht unbedingt Zeit spart, wenn man mehrere Dinge gleichzeitig tut. Ich glaube auch, dass man mehr Ruhe und Klarheit hat, wenn man sich bei seiner Arbeit immer nur eins nach dem anderen vornimmt.

Wie ist das mit Pufferzeiten, Sie schreiben, man sollte bis zu 50 Prozent einplanen. Da kommt man ja nirgends hin?

Man wird jeden Tag mit Unvorhergesehenem konfrontiert. Es kommen E-Mails herein, der Text soll doch früher fertig sein, dann ruft ein Kunde an, der etwas ganz Wichtiges will. Deshalb lieber etwas mehr Zeit einplanen. Sonst ist man immer frustriert, weil man seinen Tagesplan nicht schafft. Und wenn nichts dazwischenkommt, ist man zufrieden, dass man seine To-do-Liste abarbeiten konnte oder sogar noch mehr geschafft hat. Es geht in meinem Buch auch darum, nicht immer schneller, höher, besser zu werden, sondern auch entspannter.

Eigentlich wissen wir meistens, was zu tun wäre. Wieso machen wir es trotzdem nicht?

Weil unser Gehirn leider – oder zum Glück – auch ein bisschen faul ist. Es möchte eigentlich immer Energie sparen. Deshalb versuchen wir oft, den unangenehmen Aufgaben erst mal aus dem Weg zu gehen oder uns ablenken zu lassen. Wir probieren immer, den leichtesten Weg zu gehen.

Und trotzdem machen wir uns aufs neue Jahr immer wieder neue Vorsätze.

Ja, aber das sollten wir lieber lassen. Das Problem ist, dass wir bei Neujahrsvorsätzen alles auf einmal ändern wollen – das Rauchen aufgeben, mehr Sport machen, sich gesund ernähren. Das sind so viele Veränderungen, dass man meistens damit scheitert. Es ist viel wichtiger, kleine Erfolgserlebnisse zu schaffen, indem man zum Beispiel versucht, jeden Tag 5 Minuten früher aufzustehen oder ein Mal pro Woche zum Sport zu gehen. Das tut nur ein bisschen weh. Am besten zieht man das drei bis vier Wochen durch, damit es zur Gewohnheit wird. Das vermittelt schon ein erstes Erfolgserlebnis. Dann kann man sich weitere Ziele vornehmen. Für schnelle, grosse Veränderungen sind wir nicht gemacht.