Irgendetwas stimmt nicht. Das dachten sich ein paar Frauen vor zwei Jahren. Sie, angesehene Slam-Poetinnen und Veranstalterinnen im deutschsprachigen Raum, haben sich darüber ausgetauscht, dass die Szene derart von Männern dominiert wird. Das Fazit des Austauschs: Es gibt Schwierigkeiten für Frauen im Poetry Slam. Sie fragten sich: Wie kann es sein, dass in einer Szene, die gegenüber vielen Themen so aufgeschlossen ist, die Geschlechterverteilung nicht stimmt?

Es herrschte Konsens: Das muss sich ändern. So wurde, initiert durch die deutsche Slammerin Franziska Holzheimer, die Idee von «Slam Alphas» geboren. Ein Netzwerk von und für Frauen. Das Ziel: Sich in dieser Kunstszene eine Stimme zu verschaffen, mehr Raum einzunehmen. Ein Verein, der jungen Talenten hilft, sich ein Gehör, konkret ein Publikum zu verschaffen.

«Wir haben alle unsere Erfahrungen gemacht. Man ist als Frau fast immer in der Minderheit an Slams. Oft ist man auch die einzige», sagt Marguerite Meyer, die seit über zehn Jahren Poetry Slam macht und Mitgründerin des neuen Vereins ist. «Manchmal wird man auch demonstrativ als einzige Frau des Abends vorgestellt», setzt ihre Kollegin Lisa Christ, zukünftige Vizevorsitzende der Slam Alphas, noch einen drauf.

Zwar seien zwei Drittel der Szene männlich, doch es gäbe genug gute Slammerinnen im deutschsprachigen Raum. Nur oft würden sie aufhören oder gar nicht erst angefragt werden. Genug damit. So vertreten die beiden die Schweiz in dem neuen Netzwerk, mit dem Slam-Künstlerinnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz mehr Raum einnehmen wollen. Derzeit sind es 50 Mitglieder. Ziel ist, eine grosse Plattform mit einer interaktiven Karte zu schaffen, über welche Veranstalter auf die weiblichen Slam-Poetinnen aufmerksam werden.

Bei Frauen harzt es oft

«Die Line-up’s sind oft fast ausschliesslich männlich», sagt die 31-Jährige Meyer. «Ich organisiere selber Slams in Bern und als mir und meinen Orga-Kollegen aufgefallen ist, dass man schnell Männer findet, aber es bei den Frauen harzt, haben wir eine Quote eingeführt.» Die Szene sei einfach Männer gewöhnt, sie seien präsenter. Und Männer zögen generell Männer nach.

Die Frauen sind überzeugt, dass die Jungtalente auch Mentorinnen brauchen könnten, die sie an der Hand nehmen und ihnen sagen: Du kannst das, meld dich an, geh auf die Bühne! Frauen seien eher im lokalen Bereich bekannt, auf Kleinbühnen. Auftritte an grossen Events? Meist Männersache.

Und was ist mit Julia Engelmann aus Deutschland oder der Schweizerin Hazel Brugger, die gerade von jedem und überall abgefeiert wird? Hazel Brugger sei ein Ausnahmetalent. «Sie ist so toll auf der Bühne, ist so einnehmend, mit 17 Jahren hat sie schon alle weggespult», sagt die 25-jährige Christ. Sie ist überzeugt, dass es Brugger hilft, eine Frau zu sein. Und dazu noch als böseste Frau der Schweiz beschrieben werde. Es gebe noch Lara Stoll (Gewinnerin der CH-Meisterschaften 2010). Aber dann hätte es sich auch. Anders bei den Männern. Das beweisen die zwei, in dem sie Männernamen runterrattern, die erfolgreich sind.

In der Schweiz sei die Szene aber übersichtlich und auch ausgeglichener als etwa in Deutschland. Bei den deutschsprachigen Meisterschaften gewinnen immer die Männer. Dieses Jahr kamen drei Frauen ins Finale. Darunter zwei Schweizerinnen, eine davon Lisa Christ. «Das ist aber eine mega Ausnahme», konstatiert sie sogleich.

Den beiden geht es um Gleichstellung. Ziel sei nicht, dass die Geschlechter komplett ausgeglichen seien. Frauen sollen einfach mehr eingeladen werden. Schliesslich bestimmt bei Wettbewerben das Publikum den Gewinner. Dieses solle sich mehr daran gewöhnen, dass Frauen auftreten. Dass sie nicht mehr einen Exotenstatus haben.

Egal, ob Mann oder Frau, wie schafft man es in der literarischen Vortragskunst? «Man muss die Ochenstour machen», sagt Marguerite Meyer. «Man muss Spass an der Sache haben», so Christ. «Ich glaube, man muss nicht mega talentiert sein, aber man sollte sein Ding finden.» «Und man muss schon ein bisschen eine Rampensau sein», lacht Meyer. Schliesslich steht man als Künstler alleine auf der Bühne vor einem Mikrofon. Ohne Band, ohne Kompagnon, dafür mit Scheinwerferlicht.

Alles für den Slam

Lisa Christ setzt alles auf den Poetry Slam. Sie studiert Kunstvermittlung in Basel und tingelt von Bühne zu Bühne, von Auftritt zu Auftritt. Sie macht satirische Museumsführungen, reist bald nach Moskau für einen Auftritt.

Angefangen hat alles mit 16 Jahren in Olten. Sie schritt auf eine Open Stage und las einen eigenen Text aus einer Art Tagebuch vor. Sie fiel auf, legte los und wurde immer bekannter in der Szene. Dieses Jahr erhielt sie den Kulturförderpreis des Kantons Solothurn für Literatur.

Marguerite Meyer hat sich vom aktiven Bühnenleben etwas zurückgezogen. Sie hat in der Szene viel aufgebaut, will nun junge Künstler fördern. Hauptberuflich ist sie Journalistin, organisiert einmal im Monat einen Slam in Bern. Slam-Masterin nennt sich das. Bei ihr fing alles mit dem Beobachten an. «Ich habe zwei Jahre nur zugeschaut. Zu meiner Zeit gab es kaum Frauen. Ich wurde von Männern gefördert», erklärt die Journalistin. Sie hat den richtigen Leuten ihre Texte gezeigt, die drängten sie, sich anzumelden.

In einer Männerdomäne zu performen hat sie damals nicht gestört, heute als Veranstalterin stört sie das. Deswegen macht sie bei «Slam Alphas» mit. Sie will es den Generationen danach leichter machen im Dichterwettstreit.