Gesellschaft

Frauen an den Herd! Männer aber auch

In vielen Haushalten der Schweiz ist Kochen heute weder Frauen- noch Männersache.

In vielen Haushalten der Schweiz ist Kochen heute weder Frauen- noch Männersache.

Spitzenköche und Alltagsköchinnen – so sind die Rollen traditionell verteilt. Nun erobern Frauen die Spitzengastronomie, und immer mehr Männer stehen zu Hause am Herd.

Hoppla, auch Frauen können kochen. So wirkt das, wenn die Herausgeber des Gault-Millau-Führers in ihrer Pressemitteilung hervorstreichen: «Zum ersten Mal in der Geschichte des Gault Millau Schweiz steht eine Frau ganz allein ganz oben.»

Als alleiniger «Koch des Jahres 2014» ist Grandits die Jeannine Pilloud der kulinarischen Reisen, die Magdalena Martullo-Blocher der Aromenmischungen. Wie ihre wenigen Geschlechtsgenossinnen an der Spitze von Unternehmen und Unternehmensbereichen hat Grandits es auf ihrem Gebiet ganz nach oben geschafft und dabei auch männliche Mitbewerber ausgestochen. Mit Können und mit viel Einsatz. Damit kann die Köchin für andere Frauen ein Vorbild sein.

Hoffentlich. Sonst kommt noch jemand auf die Idee, eine Frauenquote in der Spitzengastronomie zu fordern. Deshalb: Frauen an den Herd. Aber richtig.
Nicht, dass der Eindruck entsteht, Frauen seien bis jetzt nicht richtig am Herd gestanden. Jahrhundertelang hat gegolten: Die Frau bäckt, macht ein, kocht vor und wärmt auf. Ohne viel Aufhebens.

Männer mit Hang zur Show

Den Hang zur Show haben in der Küche eher die Männer. Wie Motten, die ums Licht flattern, drängeln sich Männer dann in der Küche vor, wenn es Aufmerksamkeit und Lob gibt. Sie nehmen von der Pasta-Maschine bis zum Tellerwärmer jedes Küchengerät in Betrieb, und wenn das Essen aufgetragen wird, gleicht die Küche - zum Stolz des Kochs - einem Schlachtfeld. Höhepunkt des Abends in geselliger Runde: die Demonstration der blauen Flamme aus dem Crème-brûlée-Brenner.

Klischee? Gewiss. Seit die Buben gemeinsam mit den Mädchen in der Oberstufe Gemüse rüsten, Rezepte lesen und kochen lernen, ist in den Küchen vieles in Bewegung. Und seit mit Jamie Oliver ein flapsiger Jungspund Kochen cool gemacht hat, gilt die Arbeit am Herd definitiv nicht mehr als weibisch. Die Art, wie Oliver mit lockerem Schütteln des Handgelenks eine grosszügige Portion «extra virgin» in die Bratpfanne giesst und voller Enthusiasmus Gewürze, Fleisch und Gemüse beriecht und kommentiert, ist Kult.

Weder Frauen- noch Männersache

Zu den Schönwetterköchen gesellen sich immer mehr Männer, die abends selbst an den Herd stehen oder für die hungrigen Schulkinder ein Zmittag auf den Tisch stellen. Für viele Kinder ist es heute das Normalste der Welt, dass manchmal Mama kocht und manchmal Papa.

In vielen Haushalten der Schweiz ist Kochen heute weder Frauen- noch Männersache. Wer das Essen zubereitet, hängt von den Terminen und Verpflichtungen der Familienmitglieder ab. Mal ist der eine froh, in die Küche flüchten zu können und das Kindergeschrei hinter sich zu lassen. Mal will der andere kochen, damit das Gericht ganz genau so wird, wie er es sich vorstellt.

Jedenfalls ist für viele jüngere Paare heute unvorstellbar, was bei Paaren im Rentenalter noch eine Selbstverständlichkeit sein mag: dass die Frau den ganzen Samstag in der Küche verbringt und das mehrgängige Menü für die Gäste alleine zubereitet, während der Beitrag des Ehemanns sich auf das Aussuchen und rechtzeitige Entkorken des Weins beschränkt. Heute agieren Mann und Frau am Herd auf Augenhöhe; Partnerschaft und Teamplay haben auch in der Küche Einzug gehalten.

Traditionell dominieren Männer die Spitzenküche; Frauen haben dafür den Wochenmenüplan im Griff. Diese Grenzen verwischen zunehmend - Spitzenküche ist auch Frauendomäne; Alltagsküche auch Männeraufgabe.

So gesehen hat die Auszeichnung von Tanja Grandits doch etwas mit dem Alltag in den Schweizer Haushalten zu tun. Dass Köchinnen wie Grandits es an die Spitze schaffen, klappt wie bei anderen Businessfrauen auch häufig nur mit der Unterstützung eines Partners, der ihnen den Rücken frei hält. Wenn er kochen kann, umso besser.

Wer steht bei Ihnen in der Küche? Diskutieren Sie mit!

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