Wach und klar klingt Hohlers Stimme morgens um 9 Uhr aus dem Telefonhörer, seine Sekretärin hat den Anruf durchgestellt. Mit letzten Sommergrüssen «vom Franz Hohler» hatte er sich am Vortag per Mail verabschiedet – bis zu diesem Gespräch über seinen neuen Roman. Darin geht es um ein geheimnisvolles Päckchen mit einer alten Handschrift, das einem Bibliothekar in die Hände gespielt wird. Darum herum entwirft der 74-jährige Schriftsteller eine Art Krimi zwischen den Skriptorien mittelalterlicher Klöster und der hochalpinen Gletscherwelt.

Herr Hohler, wann waren Sie das letzte Mal in der Berglihütte?

Franz Hohler: Vor einem Jahr.

Hoffentlich nicht allein!

Nein. Ich mache jedes Jahr mit meinem Bergführer eine Tour. Letzten Sommer gingen wir von der Berglihütte aus aufs Walcherhorn. Die Berglihütte ist etwas ganz Spezielles – eine Hütte aus früheren Zeiten. Das blieb bei mir hängen und kam mir entgegen für den Roman.

Was bedeutet Ihnen die Jungfrauregion, wo die Berglihütte steht?

Ich habe all die Berge bestiegen: Eiger, Mönch und Jungfrau – den Eiger über den Mittellegigrat. Auch das Fiescherhorn, das Finsteraarhorn und das Agassizhorn, als es die Petition gab für die Umbenennung. Der Konkordiaplatz, wo fünf Gletscher ineinanderfliessen, ist etwas Unglaubliches. Es ist immer ein starkes Erlebnis, diese arktische – oder antarktische – Welt in der Schweiz zu sehen, solange es sie noch gibt.

Mit dem Bergsturz von Bondo ist der Schrecken der Berge wieder stark ins Blickfeld gerückt.

Es fährt einem ein! (Pause) Ich denke auch an die Wanderer, die die Warnung nicht beachtet haben. Das ist eine sehr typische menschliche Haltung. Ich habe das ja auch beschrieben …

… in Ihrer Novelle «Die Steinflut», vor fast zwanzig Jahren.

Ich habe darin den Bergsturz von Elm von 1881 aus der Sicht eines 7-jährigen Mädchens beschrieben, das ihn überlebt hat. Die Erwachsenen gingen davon aus, es werde nicht das Schlimmste passieren. Das Mädchen hat seiner eigenen Angst getraut. Es gab ja im Bergell schon einmal den riesigen Bergsturz von Plurs. Dazu gibt es das Lesestück «Die Bienen von Plurs», über die Bienen, die vier Tage vor dem Bergsturz verschwanden.

Eine gewisse Demut also. Sie steht ja im Zentrum Ihres neuen Romans. Es geht darin um den «Abrogans», ein Buch, dessen Titel «Demut» bedeutet.

Der Abrogans gilt als ältestes Buch der deutschen Sprache. Er ist ein Glossar, in dem lateinische Wörter ins Deutsche übersetzt werden. Die älteste erhaltene Handschrift befindet sich in der Stiftsbibliothek St. Gallen. Ich habe sie als Student gesehen, auf einer Exkursion mit dem Linguistikprofessor Sonderegger, der im Roman erwähnt wird.

Das Buch hat Sie seit Ihrer Studienzeit begleitet?

Ich war immer fasziniert von den Zeiträumen und von der Expressivität der althochdeutschen Ausdrücke, also «obscurum – tunchal», oder «in caelum – in himile», im Himmel oder «cumolus – huffo», also der Haufen, oder eben «dheomodi», die Demut. Es sind die frühesten Wortmeldungen der deutschen Sprache. 1977 kam ein Faksimile davon heraus. Meine Frau es hat mir damals zu Weihnachten geschenkt. (lacht)

Die Hauptfigur in Ihrem Roman will, dass der wertvolle Abrogans an seinen ursprünglichen Bestimmungsort kommt. Warum ist das so wichtig?

Sagen wir, es geht um den Respekt vor der damaligen Zeit. Das ist ein Motiv, das mich immer wieder beschäftigt. Viele Dinge, die heute passieren, haben mit früheren Geschichten zu tun, die niemand von uns erlebt hat – eine Rakete, die Kim Jong Un über Japan abgeschossen hat, ist an dem Tag abgeschossen worden, an dem 1910 Japan Korea überfallen hat. In meinem Buch ist es eine sehr alte Rechnung, die beglichen wird.

Der Roman spielt auch in Bern. Mussten Sie da recherchieren?

Ich habe mit dem Pfarrer der Nydeggkirche geschaut, wie man aus der Kirche flüchten könnte. Ich bin nicht selbst auf die Nydeggbrücke geklettert, habe aber gesehen, dass man das tun könnte.

Ihr Bibliothekar verliert den Tritt, als er den Abrogans in die Hände gespielt bekommt. Ähnliches passiert in den neuen Romanen von Peter Stamm, Lukas Bärfuss und Jonas Lüscher. Was ist mit den Schweizer Männern los?

Wahrscheinlich sitzen wir alle etwas zu fest in unserem gut organisierten, computerisierten, fahrplanmässigen Lebensablauf. Das wäre eine mögliche Kurzdiagnose von mir. (lacht) Ich habe übrigens die Bücher nicht gelesen, bevor ich mein Buch geschrieben habe. Ich lese nichts von zeitgenössischen Autoren, wenn ich selbst an etwas dran bin.

Um das Buch zu retten, bewegt sich der Bibliothekar im Grenzbereich der Legalität. Heiligt der Zweck die Mittel?

Für ihn ist es so. Ihm nimmt das Päckchen mit dem Abrogans den Ärmel rein. Aber es bringt ihn in die Bredouille. Er verstrickt sich in Lügen, bis er beinahe stirbt.

Der Alleingang ist schwierig.

Man kennt das von Holocaustopfern oder von ehemaligen Verdingkindern. Es ist bezeichnend, dass sich viel weniger ehemalige Verdingkinder als erwartet melden, jetzt wo sie eine Wiedergutmachung beantragen können. Wenn jemand mit seinen Erlebnissen allein bleiben will, geht das praktisch nie ohne Kollateralschäden, sei es an den anderen oder an sich selber.

Ihr Buch endet versöhnlich. Ist das ein Zeichen von Altersmilde?

Nein, es ist die Geschichte, die das verlangt hat. Ich hatte eine Anfangsszene im Kopf. Zu Beginn wusste ich aber nicht einmal, was in dem Päckchen ist.

Was war die Anfangsszene?

Dass jemand ein öffentliches Telefon abnimmt, das neben ihm klingelt. Ich habe das selber erlebt, habe aber nicht abgenommen und das im Nachhinein bedauert. Es ist mir nicht noch mal passiert. (lacht) Also musste ich die Geschichte selbst schreiben.

Das Buch vermittelt Werte. Kann man das mit Geschichten?

(zögert) Meine Hauptabsicht ist es, eine spannende Geschichte zu erzählen, bei der man mit den Figuren mitgeht. Natürlich, man kann man die Geschichte als Hommage an das Buch an sich sehen. Mein Protagonist sagt ja einmal, Bibliotheken seien das Gedächtnis der Menschheit.

Sie haben einmal gesagt, das Buch sei Ihr letzter Roman. Ist es das?

Man soll keinem glauben, der so etwas sagt. Wenn man dran ist, hat man immer das Gefühl, so, jetzt ist es dann fertig.

Sie haben ja mit dem «Totemügerli» Ihre Altersversicherung, müssen also nicht mehr schreiben. Das «Totemügerli» feiert dieses Jahr sein 50-Jahr-Jubiläum. Geht es Ihnen nicht manchmal auf den Geist?

Eigentlich nicht. Solange ich es nicht jeden Tag aufsagen muss.

Ein halbes Jahrhundert mit Schöppelemunggi und Houdererbäseler — wie ist das für Sie?

Es ist eine Überraschung, dass sie ein so spätes Verfalldatum bekommen haben.

Wie verändert sich Ihre Beziehung zu dem Stück?

Ich habe es ein paar Mal in SAC-Hütten vorgetragen. Bei Kerzenlicht bringt es eine Stimmung hinein, die man in einem Bibliotheksraum erst kreieren muss. Plötzlich ist man umgeben von der Sagenwelt. Es ist ein sehr musikalischer Text, und ein Musikstück kann man immer wieder anders spielen. Aber die Noten bleiben dieselben, der Text ist unveränderlich, seit 50 Jahren.