Nach drei Tagen am Mertz-Gletscher verlassen wir wieder den Antarktischen Kontinent. Wir müssen erneut durch den Packeisgürtel fahren, unser Forschungsschiff stellt also wieder seine Tauglichkeit als Eisbrecher unter Beweis. Dem Packeisgürtel folgt ein Meeresgebiet mit tausenden von kleinen Eisschollen. Inzwischen ist es Nacht, aber dank des Antarktischen Sommers noch immer hell genug. Wir gehen zum Bug des Schiffes, um aus nächster Nähe die tanzenden Eisschollen zu beobachten. Das Schiff bewegt sich im Seegang bis zu sieben Meter auf und ab, Eisschollen werden durch die Luft gewirbelt und das Wasser unter uns ist so kalt, dass es zähflüssig wirkt. Es surrealer Anblick.

Die nächste vor uns liegende Station sind die Balleny-Inseln. Dort werden wir nur 48 Stunden verbringen und haben doch viele Forschungsvorhaben geplant; daher nutzen wir die Fahrt bis zur Inselgruppe bestmöglich: Wir gehen schlafen.

Die erste Etappe der ACE-Expedition in die Antarktis ist geschafft

 

Die Balleny-Inseln liegen nur knapp nördlich des Polarkreises in einem Gebiet, wo sich die starken Westwinde der sechzigsten Breitengrade und die Ostwinde entlang der Antarktischen Küste kreuzen. Was für Laien zu Recht danach klingt, als wäre es hier ähnlich gemütlich wie in einem Windkanal, hat bisher auch viele Forschende abgehalten: Die Inseln sind kaum erforscht, über Klima und Ökologie der Inselgruppe ist sehr wenig bekannt. Wir wollen das ändern.

Nach zwei Tagen Seefahrt kommen die Balleny-Inseln zwischen Nebelschwaden in Sicht. Die Küsten sind steil und mit Eiswänden behangen. Gletscher fliessen aus bis zu 1000 Meter Höhe hinab ins Meer. Wir sehen Lawinen ins Wasser donnern. Wie nicht anders erwartet ist das Wetter stürmisch, der Himmel bedeckt.

Bevor wir mit jeglicher Arbeit auf den Inseln beginnen können, müssen Erkundungsflüge mit den Helikoptern stattfinden, denn die aktuellsten Informationen zur Geographie der Balleny Inseln sind schon mehrere Jahrzehnte alt, Seegang, vulkanische Aktivitäten und der Klimawandel könnten seither die Küsten verändert haben.

Früh am nächsten Morgen scheint zwar die Sonne, aber es ist weiterhin stürmisch. Die Helikopterpiloten entscheiden, dass wir trotzdem fliegen können. Zuerst fliegt der Bergführer und sucht auf der Insel Young einen sicheren Platz für unsere Arbeit aus. Eine Gruppe von Forschenden, zu denen auch ich gehöre, wird hier wie schon am Mertz-Gletscher Luft-, Schnee- und Eisproben nehmen. Wir fliegen also hinterher. Ein Schneesturm empfängt uns und lehrt uns schon beim Ausladen unserer Ausrüstung die erste Lektion für die kommenden Stunden: Höllisch aufzupassen, dass uns nichts davonfliegt.

In den nächsten fünf Stunden sammeln wir in fürchterlicher Kälte unsere Proben. Der Schneesturm lässt die gesamte Zeit über nicht nach, die Sicht reicht keine 20 Meter weit und unsere Finger sind so kalt, dass wir die Probensäckchen kaum beschriften können. Dennoch bleiben wir standhaft und erfolgreich dabei: Die Motivation, an einem Ort, an dem vor uns vermutlich noch nie ein Mensch war, wissenschaftliche Proben zu nehmen, treibt uns zu Höchstleistungen an.

In der Zwischenzeit fangen die Meeresprojekte mit ihren Netzen Algen und Tiere um die Inseln herum ein. Mehrere Fotografen erkunden per Helikopter die Inselgruppe, sie filmen und fotografieren, sodass wir ein dreidimensionales Modell der Gegend erstellen können, mit dem es kommende Expeditionen leichter haben werden als wir. Alles läuft so effizient, dass wir schon am Abend des ersten Tages mit unserem Forschungsschiff wieder aufbrechen: zu einer zweiten Insel der Balleny-Gruppe.

Die Antarktis-Route

Die Antarktis-Route