Knusprig gebraten und in Schälchen serviert: Die frisch zubereiteten kleinen Fische haben die Fischer an diesem Tag aus dem Wasser gezogen. Doch die fünf Männer, die um den Tisch sitzen, haben diesen Teil des Abendessens nicht allein gefangen. Flussbewohner mit einem knolligen Kopf und grau schimmernder Haut sind ihnen unter der Wasseroberfläche zu Hilfe geeilt: die Irawadi-Delfine.

Der 53-jährige Maung Lay rollt von Hand kleine Reisbällchen auf seinem Teller. Die öligen und krossen Fischchen knacken, wenn er sie abbeisst. Draussen verschluckt die Dunkelheit ärmliche Häuser auf Bambusstelzen, golden bemalte Pagoden und den Irawadi – jenen Fluss, der Myanmars Lebensader ist. Strom gibt es in dieser gering besiedelten Region lediglich in jenem Dörfchen, in dem sich die Fischer zum Abendessen einfinden.

Noch vor zwei Stunden ist Fischer Maung Lay am Bug seines Holzboots gestanden: Er kneift seine Augen zusammen, während sein Blick die Wasseroberfläche absucht. Bewegt sich da etwas? Maung Lay antwortet nicht. Aus seiner Kehle dringen gurrende Laute, einer Taube ähnlich. Nichts passiert. Der Fischer kauert sich nieder. Mit einem Metallstift beginnt er rhythmisch auf den Schiffsrumpf zu trommeln. Obwohl er erst am späteren Nachmittag aufgebrochen ist, klebt die Hitze noch immer über dem Fluss. Da! Als die Sonne schon fast den Horizont berührt, durchbricht eine Rückenflosse die Wasseroberfläche. Vier Delfine und ein Jungtier nähern sich dem Boot. Es ist Essenszeit im Irawadi-Fluss, etwa zwanzig Kilometer stromaufwärts von Mandalay.

Der Fischer Maung Lay greift zu seinem Netz, beugt ein Knie, und spannt seine Muskeln an wie ein Tier, das sich gleich auf seine Beute stürzt. Nur zwei Meter vor ihm ragt plötzlich eine Schwanzflosse senkrecht aus dem Wasser. Für den Bruchteil einer Sekunde scheint sie wie eine Boje auf dem Wasser zu tanzen. Maung Lay versteht. Er wirft sein Netz hoch in die Luft, lässt es kreisförmig ins Wasser patschen. Dahin, wo eben die Delfinflosse als Signal aufgetaucht ist.

Behutsam zupft der Fischer an den Stricken, zieht sein Netz langsam zurück an Bord. Darin zappeln einige kleinere Fische. Sie sind eine einzigartige Falle geraten, gespannt von Fischern und wild lebenden Flussdelfinen. «Cooperative fishing» – gemeinsames Fischen – nennt Maung Lay diese Zusammenarbeit, die nur ein paar Duzend Menschen und Tiere beherrschen. Was kaum erforscht ist, erklärt er in wenigen Sätzen:

Durch das Gurren und Klopfen auf das Schiffsholz könnten die Flussdelfine ihre zweibeinigen Partner lokalisieren. Haben die Tiere Hunger, beginnen sie, durch den Fluss zu jagen und die Fischschwärme in Richtung der Fischerboote zu treiben. Mit der Schwanzflosse markieren sie den Fischern, wo sich die potenzielle Beute tummelt. Klatscht das Netz ins Wasser, bricht im Fluss das Chaos aus. Die Ordnung des Schwarms ist zerstört, die einzelnen Fische stieben fluchtartig auseinander, verlieren die Orientierung. Anders die Delfine: Sie müssen nur noch zuschnappen. Damit sie genügend Zeit zum Fressen haben, zieht Maung Lay sein Netz bewusst gemächlich zurück. «Es müssen schliesslich beide profitieren», sagt er.

Tourismus soll Delfine retten

Normalerweise kooperieren Wildtiere und Menschen nicht. Die Zusammenarbeit am Irawady-Fluss ist eine der wenigen Ausnahmen. Doch sie ist äusserst fragil, wie Brian Wood, Professor an der Universität Yale, gegenüber der «New York Times» sagt: «Bricht die Beziehung zwischen Fischern und Flussdelfinen ab, ist es fast unmöglich, sie wieder aufzubauen.» Wood hat eine ähnliche Zusammenarbeit zwischen Menschen und Spechtvögeln in Tansania untersucht. Sie stöbern gemeinsam Honig von Wildbienen auf.

Seit wann die Partnerschaft zwischen den Flussdelfinen und den burmesischen Fischern existiert, ist unklar. Maung Lay hat die Tradition im Boot seiner Eltern mitbekommen und als Jugendlicher damit begonnen, selber mit den Delfinen im Fluss zu kommunizieren. Damit dies gelinge, brauche es viel Geduld, sagt er. «Eine Beziehung zu den Tieren aufzubauen, dauert zwischen 10 und 15 Jahre.»

Die grosse Beute bleibt heute sowohl bei den Fischern als auch bei ihren Partnern unter Wasser aus. Die Lebensgrundlage beider bröckelt; das Gewässer gibt nur noch wenig Nahrung her. Was die Menschen weiter in die Armut reisst und sie in die Städte abwandern
lässt, bedroht die Flussdelfine in ihrer Existenz.

Weltweit findet sich ihre Art lediglich an drei Orten: im Mahakam-Fluss in Indonesien, im Mekong in Kambodscha und im Irawadi in Myanmar. Wie lange die Tiere sich in den sich verändernden Lebensräumen noch behaupten können, ist unklar. In allen drei Gewässern drohen sie auszusterben. In Myanmar kämpft die amerikanische Tierschutzorganisation Wildlife Conservation Society (WCS) dagegen an. Gemäss ihren Angaben umfasst die Population im Irawadi 68 ausgewachsene Flussdelfine und ein Jungtier.

Die Überfischung und die damit verbundene Nahrungsnot stellen nicht die einzigen Gefahren für die Tiere dar. Pestizide, Industrieabfälle und ein hoher Quecksilbergehalt durch den Goldabbau greifen ihre Gesundheit zusätzlich an. Auch der Schiffsverkehr hat durch die Modernisierung des Landes zugenommen und ist heute lärmiger Bestandteil der Lebensräume der Tiere. Doch die grösste Gefahr für die Delfine gehe von den illegalen Fischfangmethoden aus, sagt Naing Lin von der WCS. «Die meisten Tiere sterben durch die Dynamit- und Elektrofischerei oder verenden in den verbotenen meterlangen Stellnetzen.»

Um die Delfine immerhin auf einem Flussabschnitt davor zu bewahren, hat das Departement für Fischerei 2005 eine Schutzzone erlassen. Auf diesen 74 Kilometern wird seither zwei Mal pro Monat patrouilliert. Heute besteht Einigkeit, dass diese Massnahme nicht ausreicht, um die Population zu retten. Die Hoffnungen ruhen auf einem Ökotourismusprojekt, das die WCS gemeinsam mit dem Departement für Fischerei lanciert hat. Dabei soll die spezielle Partnerschaft zwischen Mensch und Delfin Touristen anlocken und den Dorfbewohnern zu höheren Einkommen verhelfen. Durch die Touren sollen die Gäste in die kleinen Kommunen gelangen, wo sie bei Einheimischen essen oder die ansässigen Töpfereien besuchen. Das Ziel ist, möglichst viele Anwohner im Projekt einzubinden. Dafür finden nun Koch-, Sprach- oder Computer-Workshops statt.

Vertrauen verspielt

Han Win vom Departement für Fischerei sagt: «Wir können die Delfine nur retten, wenn es uns gelingt, der Bevölkerung ihren Wert zu vermitteln. Sonst lassen sich die illegalen Fangmethoden kaum stoppen.» Ob die Idee funktioniert, muss sich noch weisen. Der Grat ist schmal: Nicht nur sehen sich die Tierschützer ganz plötzlich
mit Aufgaben von Entwicklungshelfern konfrontiert. Ein Erfolg kann auch rasch ins Gegenteil kippen, wenn Grossanbieter mitmischen und die Delfine mehrfach pro Tag «vorführen» wollen. Obwohl das Projekt erst am Anfang steht, spricht Naing Lin von der WCS bereits heute über eine Limitierung der Besucherzahlen.

So weit mag Fischer Maung Lay nicht denken. Er hat soeben das Abendessen beendet, wischt sich das Öl von den Fingern. Unter den Anwohnern, die entlang der Schutzzone leben, ist der 53-Jährige seit Jahren die treibende Kraft im Kampf für die Delfine. Er fährt täglich auf den Fluss, beobachtet sie. Vor zwei Jahren ist ihm erstmals aufgefallen, dass Tiere wieder zutraulicher wurden, näher ans Boot schwammen.

Ihr Verhalten habe ihn an das frühere erinnert, sagt Maung Lay. «Damals kam es vor, dass die Delfine uns Fischer mit Wasser anspuckten, wenn sie Hunger hatten», erzählt er. Die Zäsur fand 2005 statt. In jenem Jahr seien die ersten Tiere durch die Elektrofischerei getötet worden. In der Folge verschwanden die Delfingruppen, wenn ein Schiffsmotor zu rattern begann. Es dauerte Jahre, bis sie wieder auf die Signale ihrer Partner reagierten. Inzwischen arbeitet Maung Lay täglich mit ihnen, auch wenn keine Touristen zuschauen. Er will den Tieren beweisen, dass sie zumindest ihm vertrauen können.