Backbord ist Bootsmann Raymond manövrierunfähig. Sein linker Arm ist in Gips. Darum muss heute alles steuerbord und einhändig gehen: Seine Rechte macht das bunte Boot am rostigen Steg fest, sie hilft den Passagieren beim Einsteigen, dirigiert sie auf schwankenden Planken, damit sich nicht alle auf eine Seite setzen und den schmalen Nussschalen-Kahn mitsamt Bettlaken-Verdeck schon vor dem Ablegen kentern lassen. Alle drin? Aussenborder an und los!

Mit einer typisch maltesischen Dghajsa (sprich: «Deisa») durch die schlauchförmige Bucht Grand Harbour zu tuckern, ist die vielleicht schönste Art, sich Valletta zu nähern. Die aufgehende Sonne lässt das Wasser wie Glitzerfolie und die darüber 100 Meter hoch gestapelte Festungsstadt golden schimmern – dank beigefarbenem Sandstein, aus dem sie fast komplett erbaut ist.

Grüne und blaue, gelbe und rote Fensterläden und Türen sind Fassaden-Farbtupfer im Waterfront-Komplex. «Ihr habt Glück», sagt Raymond Schembi, «es ist gerade freie Sicht.» Der Bootsmann kennt die Parkzeiten der Kreuzfahrtriesen vor dem fotogenen, restaurierten Lagerhaus-Ensemble genau, er fährt mit seinem Holzkahn namens «Ramona» seit 30 Jahren täglich durch den Grand Harbour – zur Not auch einhändig.

Feuerwerk mit Akrobatik

Valletta ist neben der holländischen Stadt Leeuwarden die europäische Kulturhauptstadt 2018. Deshalb muss sich Bootsmann Raymond am 7. Juni wohl Zwangsurlaub nehmen. An diesem Tag ist der «Grand Harbour» Schauplatz eines der grössten Spektakel im Kulturjahr: «Pageant of the Seas».

Ein tagesfüllender Mix aus Regatten einzelner Stadtteile gegeneinander, Sportwettbewerbe, bei denen Schwimmer den Hafen durchkreuzen, Rennen mit kuriosen, selbst gebauten Booten und zum Abschluss ein Feuerwerk mit Akrobatik in der Takelage von Grossseglern. «Wir Malteser sind völlig verrückt nach Feuerwerk», sagt Raymond.

«Jeder will den anderen übertreffen. Meine Familie die von gegenüber; und unser Dorf soll das prächtigere Feuerwerk haben als das Nachbardorf.» Solche typisch maltesischen «Festas» sind geprägt von überbordend goldgeschmückten, mit ausgelassenen Menschen völlig überfüllten Strassen und Plätzen, lauter Musik – und einem Feuerwerk.

Die gemeinschaftsstiftende «Festa» ist das Leitmotiv des Kulturhauptstadtjahres und prägte schon seine Eröffnung am 20. Januar – mit spanischer Musik-Akrobatik, maltesischer Tanz-Performance und Video-Projektionen auf Vallettas «Castille Square» und drei weiteren zentralen Plätzen, zwischen denen Tausende Besucher hin- und herpilgerten. Etwas kleiner ist der «Freedom Square», er bietet aber fast täglich Bühne für ein Schauspiel.

Stararchitekt Renzo Piano führt die Bastion Valletta in die Moderne.

Stararchitekt Renzo Piano führt die Bastion Valletta in die Moderne.

Zum einen das ständige, steinerne: Denn hier hat der italienische Star-Architekt Renzo Piano 2015 Vallettas Barock-Gebirge durchbrochen und ein neues City Gate plus zwei enorme Freitreppen und das neue Parlament erstaunlich organisch eingefügt: Glatt, kantig, mit waben-verzierter Fassade und auf Stelzen, sodass viel vom Platz erhalten bleibt.

Nebenan verwandelte er die Ruine des von deutschen Fliegern 1942 zerbombten «Opera Houses» zum säulenumrahmten Open-Air-Theater – oft Schauplatz von Schauspiel Nummer zwei. Dort lassen sich Band- und Gesangs-Proben auch als Zaungast lauschen. Am besten mit einer Handvoll Pastizzi (Ricotta-Teigtaschen) und Kinnie (Maltas orangenbittere Antwort auf Cola), die es gegenüber bei Vallettas Feinkost-Institution «Wembleys» gibt.

Beim Durchstreifen der engen Stadt ist ein Verlaufen unmöglich: 9 Strassen längs, 13 quer. Jean de la Vallette, Vallettas Namensgeber, legte das Strassengitter in der Festung strikter als Manhattans Stadtplaner an. Dies als Verteidigungslinien nach abgewehrter Osmanen-Belagerung. Die feiern Malteser bis heute – gern mit «1565», dem Bier mit dem Widerstandsjahr als Namen.

Das gibt es zum Beispiel in «The Pub», besser bekannt als «Ollies last Pub», benannt nach Schauspieler Oliver Reed. Er nahm hier während der Dreharbeiten zum Film «The Gladiator» im Jahr 1999 die letzten Drinks seines Lebens. Nun stossen in der Sitzecke, aus der Ollie nicht mehr aufstand, die Gäste an auf den «wilden Mann des britischen Films». Die Geschichte seines tragischen Endes hinter dem Pubtisch hängt neben der Tür als Zeitungsschlagzeile: «Acht Bier mit seiner Frau, zwölf doppelte Rum mit ein paar Seeleuten und eine halbe Flasche Whisky …».

Für derart hochprozentige Trinkgelage war früher die «Strait Street» berüchtigt. Vallettas langjähriger Rotlicht-Strip ist heute Szene-Meile mit coolen Bars wie «Tico Tico» oder «Yard 32» und wird im Kulturhauptstadtjahr 2018 zur mancherorts drei Meter breiten Bühne mit Tango-Sessions, Dario-Fo-Theater und Poetry Slams.

Papstpantoffeln und Strapse

Erobert werden konnte Valletta noch nie. Weder von den Osmanen im Mittelalter noch von den Deutschen während des Zweiten Weltkriegs. Seit Jahren gibt es aber täglich eine Invasion in die Stadt – von Kreuzfahrt-Landgang-Bataillonen. Sie fallen ein aus einem eigens gebauten, gut 50 Meter hohen, gläsernen Fahrstuhl. Ihnen auszuweichen ist möglich, denn es gibt weniger überlaufene Spots.

Wer nicht unbedingt die von wohl jeder Touristengruppe durchschrittene, mit Blattgold überladene und für Caravaggios Enthauptungs-Gemälde berühmte St. Johns Co-Cathedral sehen muss: Malta hat angeblich 365 Kirchen. Für jeden Tag eine, sagen Malteser augenzwinkernd. Viele davon stehen in Valletta. Die Karmeliterkirche etwa, mit ihrer die Stadt-Silhouette überwölbenden, von zwölf roten Marmor-Säulen getragenen Kuppel, Marke Petersdom, überrascht innen als schlichtes XXL-Backstein-Oval.

Deckenbemalte Traditions-Cafés wie das «Cordina» oder Mini-Parks mit Marmorstatuen wie die «Lower Baracca Gardens»: In diesem sehr italienisch durchwirkten Stadtbild sind rote Telefonzellen und Linksverkehr kuriose Hingucker. Es sind Relikte der 1964 beendeten britischen Hoheit über Malta.

Ebenso wie der vielfach verbreitete, trockene britische Humor. Ein besonders liebenswerter und zugleich interessanter Vertreter wohnt in der Republic Street 74. Sollte er nicht sofort Zeit haben, sorgt Kiku III., der Papagei im Innenhof, für Zeitvertreib. Für Selfies posiert er gerne mit schiefem Kopf.

Erscheint dann ein Hausmeister-Typ in Jeans und zeigt prunkvolle Mittelalter-Gemächer mit ausklappbarem Schrank-Altar und raumhohen Ölschinken seiner Vorfahren ist das Marquis Nicholas de Piro. Der 75-jährige, schrullige Adlige führt durch Vallettas einzigen noch familiär bewohnten Palazzo. Dazu erzählt er einen Anekdoten-Cocktail aus vier Jahrhunderten maltesischer Geschichte: von dagelassenen Papst-Pantoffeln bis zu Strapsen, die Piros Vater bei der Krönung Elisabeths II. getragen haben soll.