Reformator

Fehltritte meistern: Was Filmmogule und Politiker von Ulrich Zwingli lernen können

«Habe den festen Vorsatz gefasst, kein Weib mehr zu berühren. Doch es ist mir nicht gelungen.» Ulrich Zwingli (gespielt von Daniel Bentz) mit seiner Ehefrau Anna Reinhard (Nathalie Mittelbach) im Mysterienspiel «Akte Zwingli» im Grossmünster in Zürich.

«Habe den festen Vorsatz gefasst, kein Weib mehr zu berühren. Doch es ist mir nicht gelungen.» Ulrich Zwingli (gespielt von Daniel Bentz) mit seiner Ehefrau Anna Reinhard (Nathalie Mittelbach) im Mysterienspiel «Akte Zwingli» im Grossmünster in Zürich.

Beim Sprung auf die Kanzel der Reformation stürzte Zwingli beinahe über eine Affäre. Er stellte sich den Konsequenzen: redlich gegen sich, gerecht gegen die Frau, mutig gegen andere – Zwingli for Manager.

Im Herbst des Jahres 2017 versengte ein Facebook-Lauffeuer einen öffentlichen Sektor nach dem anderen, Feld um Feld, Branche um Branche: #MeToo, eine virtuelle Höhenfeuerkette von Sexismus-Klagen, die bei den Beschuldigten wohl anschlug als Hitzewalze. Zuerst erfasste #MeToo die üblichen Verdächtigen – Filmmogule, Berühmtheiten, Spitzenpolitiker –, dann auch Sporttrainer, Schulleiter, Wirtschaftskapitäne.

Letztere blamieren sich häufig als logistische Amateure, wenn es gilt, Boni als Rudelfreuden auszuzahlen und post coitum zu vertuschen. Erinnert sei nur – Alle für einen, einen für alle – an die Versicherung Hamburg-Mannheimer. Die Firma hätte eine Orgie in Budapest einfach nach bewährt altrömischem Rezept abwickeln können – wie das geht: bitte bei Petron nachlesen, dem Tätschmeister von Neros Megapartys. Aber nein – auch wo man «die Sau rauslässt», hebt sich grunddeutsch der Beamtenfinger. So wurden Prostituierte mit gelbem Bändeli für Normalo-Angestellte bestimmt und solche mit weissem Band für die Geilios der Teppichetage. Die Häme darüber erweist sich als entschieden sesshafter als jede Erinnerung an die Gaudi.

Keine Lust zu lesen? Den Text können Sie sich auch hier anhören – vorgelesen von Autor Max Dohner:

«Bopp&Dohner»: #MeeToo mit Zwingli – oder wie man einen Fehltritt Meistert

«Bopp&Dohner»: #MeeToo mit Zwingli – oder wie man einen Fehltritt Meistert

Beim Sprung auf die Kanzel der Reformation stürzte Zwingli beinahe über eine Affäre. Er stellte sich den Konsequenzen: redlich gegen sich, gerecht gegen die Frau, mutig gegen andere – Zwingli for Manager, geschrieben und gelesen von Max Dohner.

Nun wollen aber, nicht erst heute, auch Hinz und Kunz «mal was vom Leben haben». Unterm Strich gibt es wohl keine Epoche, die frei gewesen wäre von Gelüsten, sich bei Gelegenheit von Kopf bis Fuss im Morast zu suhlen. Durchaus in der Hoffnung, am Ende oder Rande auch lichtere Zonen zu entdecken, die Sphären etwa von Amor und Psyche. Warum dieses «mehr vom Leben» heute, ohne Ausnahme, lediglich noch assoziiert wird mit Schweinigeln bleibt ein Rätsel.

Die Phantasie der Gegenwart reicht offenbar nicht weiter als zu einem pornografisch flackernden Horizont. Die Sterne darüber sind allen schnuppe, darum bleiben Partytiere heute genau das: Schnuppen. Nero war da noch wesentlich kultivierter: Zwischen dem Fressen und Schmatzen griff er auch mal zur Klampfe … okay, mit dem Ergebnis, dass Rom brennen musste, um seiner Muse endlich das Maul zu stopfen.

Lust oder Laster, Schein und Sein, Handeln und Moral, auf dem Teppich bleiben oder unter den Teppich kehren… immer schon waren das Gegensätze gewesen – halt, genauer: seit je sind das Dinge, die zum Gegensatz erklärt worden waren. Seit Jahr und Tag «machen sich Sünder deswegen ein Gewissen», wie man die inneren Qualen fromm so lange nannte; sie hadern mit dem Leben, verschleppen namenlose Depressionen.

Zwingli und die Dämonen

Einer, der stark mit sich ins Gericht ging, sich beherzt mit seinen Geistern und Dämonen befasste, war Ulrich Zwingli, der grosse Reformator. Nicht nur von Amtes wegen und aus Berufung – er war zunächst ja katholisch geweihter Priester gewesen. Sondern vor allem, als er vor einem grossen Schritt stand, dem wichtigsten seiner Karriere, mit fünfunddreissig Jahren. Dieser Schritt sollte ihn, was er damals allenfalls ahnte, zu seiner wirklichen Berufung führen und ihn in seine kirchenhistorische Bedeutung wachsen lassen.

Ende 1518 stand Zwingli vor der Möglichkeit, am Zürcher Grossmünster Leutpriester zu werden. Leutpriester war nicht das oberste oder prestigeträchtigste Kirchenamt, aber das einflussreichste. Leutpriester sprachen direkt zum Volk – für Prediger von Zwinglis Zungenschlag ein ungemein verlockender Posten. Natürlich gab es Gegenkandidaten, portiert von Alteingesessenen, und eine Reihe namhafter, offen oder tückisch agierender Feinde.

Während seiner Zeit als jugendlicher Pfarrer in Glarus – ab zweiundzwanzig – hatte Zwingli begonnen, beeinflusst vom Humanisten Erasmus von Rotterdam, sich einen anderen Zugang zur Bibel zu erschliessen. In äusseren Fragen unterstützte er nach wie vor den Papst; deswegen musste er sein Amt in Glarus bald verlassen; innerlich wechselte er den Pfad und beschritt ihn stets fester – hin zu einer neuen Auslegung der Bibel.

Das akzentuierte sich an Zwinglis nächster Station, in Einsiedeln. Hier trat er offen an gegen Wallfahrten, Ablasshandel und andere Missbräuche der Volksfrömmigkeit. Der Aufruhr konnte wieder geglättet werden; auch hätte Zwingli jetzt anstandslos zurückkehren können nach Glarus; schliesslich hatte der Bergler inzwischen gesinnungsmässig «aufgeholt» mit dem fortschrittlichen Bergkanton.

Aber da winkte die Chance beim Zürcher Grossmünster. Und davor stand ein kapitales Hindernis, eine äusserst heikle Prüfung: Zwingli hatte sich in Einsiedeln zu einer Affäre mit einer Friseurtochter hinreissen lassen. Und das war ruchbar geworden, bis nach Zürich.

Nun erregt Sex die Politik gar nicht mal besonders, auch nicht in früheren Zeiten. Politreptile, alles Kaltblüter mit Schlitzaugen knapp über der Sumpfkresse, betrachten Sex als Teil der glucksenden Umwälzung. Nicht weiter von Belang, es sei denn, Sex treibe eine der erregendsten Schlingpflanzen zur Blüte, die es gibt in Sümpfen – die Ranküne, schwarz wie Tinte: Ein einziger Tropfen trübt ein Glas Wasser; ein Tropfen Sex verwandelt eine Lichtgestalt in Schatten. Diesen Sprutz Tinte hatte man in Zürich längst herausgefiltert aus allen Nachrichten, die es gab über den dahergelaufenen Kandidaten.

Was lief genau in Einsiedeln?

An dem Punkt kann ich die Geschichte getrost beenden… nein? Mehr noch: Sie murren? Ihr Ausgang ist doch bekannt aus dem Religions- oder Schulunterricht! Zwingli reformierte von Zürich aus die Welt, woraus folgt: Hätte ihm die Affäre mit der Friseurtochter geschadet, wäre er gar nie nach Zürich gekommen. Wäre womöglich ein Mitschwemmsel geblieben damals, in jenen Wirren und Strudeln – ich sehe, auch das stellt Sie nicht zufrieden …

Oh, natürlich! Ach, ich Esel, entschuldigen Sie: Glaubenskampf, Bekenntnis, die Frage der «leiblichen Gegenwart Christi» – alles schön und gut. Aber wo zum Teufel steckt in diesem Teig die Hefe? Ja, natürlich: Was lief da oben genau ab, in Einsiedeln, zwischen dem Kleriker und der Kleinen? Sehen Sie es nach, wenn ich hier allzu sehr ins Detail … nicht eingehe; die Quellenlage ist zu spärlich. Vieles von dem, was wir wissen, verdanken wir Zwingli selber, seinen Briefen. Ihr Ton schwankt zwischen «Schutz- und Schwatzrede».

Etwa am 5. Dezember 1518: «Ein Freund hat mir geschrieben, in Zürich werde über mich das Gerücht ausgestreut, dass die Tochter eines mächtigen hiesigen Bürgers von mir geschändet worden sei.» Dabei habe er doch «vor ungefähr drei Jahren den festen Vorsatz gefasst, kein Weib mehr zu berühren. Aber es ist nicht gut gelungen». So lapidar, wie er das feststellt, so absolut uneitel wirkt es auch. Wobei er nicht der einzige geblieben sei, merkt Zwingli an, ein genüsslicher Stich ins Nest betsüchtiger Madonna-Verehrer: «Da ich eben in Einsiedeln niemanden fand, der diese Lebensweise mit mir teilte» (die Enthaltsamkeit), «wohl aber nicht wenige, die mich verführten – ach! Da bin ich gefallen und dem Hunde gleich geworden.»

Über das Mädchen sagt der Briefschreiber – an den Freund gerichtet – das, was ihm nötig scheint. Er wagt einen Scherz, nicht auf ihre Kosten: «Dass die Tochter einem mächtigen Manne gehört, will ich nicht leugnen; denn allerdings ist die Sorte Menschen mächtig, die ungestraft sogar dem Kaiser an den Bart greifen dürfen: die Barbiere nämlich.»

Und er zählt seine Grundsätze auf: «Keine Ehe zu verletzen (weil die Bettdecke zu kurz ist, um zwei Männer zu decken), keine Jungfrau zu schänden, keine Nonne zu entweihen.» Dann schraubt Zwingli mit einer rhetorischen Frage seinen Bohrkern nach Erkenntnis und Bekenntnis tiefer, spürbar im Willen, vor sich und dem Freund keine Beschönigung oder Rechtfertigung zu dulden und den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen: «Glaubst Du, mein lieber Heinrich, dass ich wie ein Esel mit zunehmendem Alter geiler geworden bin?»

Zwingli antwortet, via Heinrich, sich selbst: «Lass mich, wie man sagt, den Anker lichten und auf die Sache selbst zu sprechen kommen, ohne jede Angst vor der gewöhnlichen Meinung.» Er deutet die Lebenslust an der jungen Frau, angeblich ortsbekannt. Und fährt fort, mit Blick nach Zürich: «Nun flicken diese Sittenrichter aus ihr wieder eine Jungfrau zurecht, nur um mir die Schuld einer Schändung in die Schuhe zu schieben.» Was Zwingli an dieser Stelle als Beobachtung niederschreibt, gehört ins Stammbuch aller «Sittenrichter»: «Es geht ihnen vielleicht wie Leuten, die von einem grellen Anblick her noch lange einen eingebrannten Fleck im Auge sitzen haben, sodass sie von allem, was sie sehen, meinen, es sei gelb – so legen sie nun natürlich alles bös, nein, aufs böseste aus, diese bitterbösen Jungfrauenprüfer.»

Man sieht: Zwingli leugnet nicht, Zwingli klärt und kämpft. Er hat kein bisschen Pudding in den Knien oder gar die Hosen voll, auch nicht als Kleriker, nur weil Rappenspalter ihm Moral vorrechnen. Er liefert keine Schwüre ab, geschweige denn zerknirschte Selbstbezichtigungen wie amerikanische Pastoren in jüngerer Vergangenheit, Pfötchen haltend mit der Gattin.

Zwingli sagt: «Ich schwöre nicht, da ich wohl weiss, dass ich von der Schwachheit umgeben bin.» Und als Pragmatiker weiss er Bescheid, worum es im Notfall geht, wird der Boden unter den Füssen wirklich mal heiss, wie dieses Bonmot zeigt: «Nie hat mich Venus mit ihren goldenen Ketten so gefesselt, dass mich der wenig behende Hephäst hätte erhaschen können.» Und wie war das eben noch vorhin, Meister Leutpriester, beim Punkt Ehefrau?

Temperamentvoll, aber gewitzt, weil er schon ein paar Dinge riskiert hatte im Leben, nicht zuletzt reich an Leseerfahrung, war sich Zwingli über sein Grunddilemma im Klaren: Als Laferi-Protz mit dem volkstümlichen, aber naiven Mumm zur Offenlegung seiner Taten vergaloppierte er sich vollends bei den Reptilen von Zürich.

Sein sogenannter Fehltritt wurde erst mit deren Verachtung tödlich, sollte er ihn treuselig an die grosse Glocke hängen. Die Affäre zu leugnen, war ebenfalls töricht; sofort wäre er der Lüge überführt worden. So oder so – Zwingli schlug hier nicht eine Bahn für den neuen Glauben, gegen anderthalb Jahrtausende altkatholische Befestigung, um jetzt vor ein paar lokalen Kaltblütern zu verzagen. «Ich gehorche Gott mehr als den Menschen», sagt er. Ein Satz, den auch Wahnsinn und Fanatismus äussern, bei Zwingli aber ein Satz von der Festigkeit einer Wettertanne.

Danach klingt zunehmend sein Brief: «Dass ich musiziere, haben Etliche gegen mich vorgebracht – wenn das nicht unverschämte und ganz und gar unverständige Esel sind!» Geschickt vermengt hier Zwingli den Vorwurf gegen seine lockere Moral mit dem Vorwurf gegen seine Musik. So hat er keine Polemik mehr um Brünste, sondern um die Künste.
Ausserdem achtet er darauf, wem er Bericht erstattet von der Affäre – und wie. Zum einen sind es Leute, die falschen Einflüsterungen erliegen könnten; es genügt, dass sie mit der Wahrheit gestärkt werden, ohne damit gleich hausieren zu gehen. Zum anderen sind es gerade Personen der zweiten Sorte, die gerne rinnen, sobald sie etwas «im Vertrauen» eingeträufelt bekommen.

Ihnen schickt Zwingli mit dem Tropfenzähler abgemischte Informationen – nicht ohne Mahnung, die er gleich wieder einen Spalt weit freigibt, Dinge eher nicht … also doch weiterzutragen. Zuletzt kann er das Schreiben, wo nötig, auch ganz unterlassen: «An den ehrwürdigen Herrn Propst hätte ich mich schon längst wenden sollen, doch unterblieb es absichtlich.»

So – und jetzt darf ich diesen Bericht, dieses Lehrstück wohl wirklich abschliessen. Gestatten Sie mir noch drei kurze Striche:

Zuerst stehe ein Wort des heutigen Pfarrers im Grossmünster, Christoph Sigrist: «Zwingli war ein musischer, lustvoller, mit dem Leben verbundener Mann.» Zweitens der Hinweis auf eine Herzensbefreiung, dank Zwinglis Impuls – Sittenfanatiker würgen Herzensfreiheiten nur ab: Ehescheidung wurde möglich; die Jugend wurde nicht mehr einfach von den Eltern verheiratet; sie durfte fortan selber sagen, ob sie das wollte. Und drittens noch ein Satz aus Zwinglis Brief an Heinrich: «Besprich Dich nach Belieben, mit wem Dir immer eine Besprechung gut scheint: Ich bleibe fest bei meinem Vorsatz.»

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