Mädchen sind weniger kompetitiv als Buben – in der Schule, in der Lehre und am Gymnasium. Das geht aus einer Untersuchung unter 1500 Berner Schülerinnen und Schülern hervor, die Einzug in den nationalen Bildungsbericht gefunden hat. Ausgerechnet Mädchen mit guten Noten messen sich nicht gerne. Das hat Folgen weit über den Schulabschluss hinaus. Denn gerade diese Talente wären später prädestiniert für eine Führungskarriere.

Die Erkenntnisse stellen die Strategie des Bundes zur Förderung von Frauen infrage. Was nützen Frauenquote und Fachkräfteinitiativen, wenn sich Mädchen von sich aus zurückhalten? Bemerkenswert ist, wie stark die Wettbewerbsvermeidung die Wahl des Studiengangs beeinflusst. Während Frauen an den Universitäten in der Mehrheit sind, sieht das an den technischen Hochschulen des Bundes ganz anders aus.

An der ETH Zürich und ETH Lausanne sind 70 Prozent der Studierenden Männer. Das liegt vor allem an den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. In einzelnen Richtungen wie beispielsweise im Maschinenbau sind gar 9 von 10 Studierenden Männer. Zwar versuchen die beiden Hochschulen seit längerem, mehr Frauen für MINT-Fächer zu begeistern, doch das ist nicht so einfach.

Wer sich gerne mit anderen misst, wählt gemäss Studie eher mathematikintensive Fachrichtungen wie Physik oder Informatik und deutlich weniger häufig Geistes- oder Sozialwissenschaften. Daraus zieht die Untersuchung zwei Erkenntnisse: Erstens erklärt die Studienwahl einen Teil der Lohndifferenzen. Es gibt einen kausalen Zusammenhang zwischen Mathematik-orientierten Fächern und dem späteren Gehalt, das höher ausfällt. «Es ist ein kleiner, aber nicht zu unterschätzender Faktor», sagt Stefan Wolter, Bildungsforscher und Mitautor der Studie.

Dass Männer kompetitiver sind als Frauen, beginnt gemäss Wolter bereits in der Erziehung. Buben würden früh in einen Wettbewerb zueinander treten. Das sei für die meisten Eltern völlig normal. Anders bei den Mädchen, von ihnen werde das nicht erwartet. «Das kann ihre Wettbewerbslust hemmen», sagt Wolter. Auch deshalb mangelt es an Frauen im MINT-Bereich. Dabei sind sich Bildungsforscher, Wirtschaftsführer wie Politiker einig, dass mit der Digitalisierung diese Fächer weiter an Bedeutung gewinnen.

Teamwork statt Wettbewerb

Ob sich die Lust am Wettbewerb lernen lässt, ist unklar. «Persönlichkeitsmerkmale sind oft sehr stabil», sagt Wolter. Wenn man das ändern wolle, müsse man früh ansetzen. Allerdings sei mehr Wettbewerb nicht immer die beste Lösung. Frauen seien in der Regel besser im Team-Work. «Das ist in gewissen Berufen wertvoller als Ellenbogen.» Ein Beispiel gibt Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds. Sie sagte nach der Finanzkrise, diese wäre anders verlaufen, wenn die verursachende Investmentbank nicht Lehman Brothers, sondern Lehman Sisters geheissen hätte.

Die Direktorin des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung, Sylvie Durrer, glaubt denn auch, dass es nicht nur um den Wettbewerb geht. Die Lohnunterschiede seien vielmehr eine Folge davon, dass typische Männerberufe besser entlöhnt werden, sagte sie im «Tages-Anzeiger». Deshalb müssten den Mädchen der Nutzen und die Freude vermeintlich «männlicher» Jobs in der Schule aufgezeigt werden. Das sei ein erfolgversprechender Ansatz.