Eine Schönheit in goldenem Brokat, violettem Samt und einem Hut aus einer anderen Zeit. Aber aus welcher? Beim Anblick dieser jungen Schönheit vor goldbraunem, leicht wolkigem Hintergrund assoziiert unser Bildgedächtnis: Renaissance. All die italienischen Maler, die im Auftrag von Fürsten und reichen Bürgern, deren Frauen und Mätressen gemalt haben. Tatsächlich trägt das Bild den Titel «la moglie dell’orefice» («Die Frau des Goldschmieds»). Und doch, da stimmt etwas nicht. Es ist augenfällig: Dieses Bild ist kein Gemälde, sondern eine Fotografie. Auch die steif gefaltete Kopfbedeckung, die palettenförmigen, mit Zacken besetzten Ohrmuscheln. Neuerfindungen ordnen wir eher einem Sciencefiction-Film zu als einem Renaissance-Gemälde.

Was wir hier sehen, ist eine Fotografie von Christian Tagliavini. Der 48-jährige Fotograf mit schweizerisch-italienischen Wurzeln ist Fan der Renaissance, die Serie dieser Frauenbildnisse heisst «1406» – als Referenz an das Geburtsjahr des italienischen Malers Filippo Lippi. Doch Tagliavini ist kein Kopist, sondern ein Neuerfinder. Er kreiert für seine Schönheiten Kostüme, Accessoires, ja ganze Szenerien. Er sucht Stoffe, lässt nähen und experimentiert für die Kopfbedeckungen mit 3-D-Druckern, oft in monatelanger Arbeit.

Kein Einzelfall

Ist alles fertig, holt er sich – laut eigenen Aussagen wie die Renaissancemaler – Modelle von der Strasse und «friert» seine Bilder mithilfe der Fotografie ein. Seine Bildnisse – ob Renaissance-, 50er-Jahre- oder Jules-Verne-Adaptionen – sind nun in einem aufwendigen Buch versammelt. Sie kratzen manchmal nahe am Kitsch, bezaubern aber durch ihre Schönheit und ringen einem ob all des eigensinnigen Aufwands auch Achtung ab.

So eigenwillig Tagliavinis Fotografien auch wirken, als begnadeter Bastler und Inszenator ist er in der Welt der Fotografie kein Einzelfall. Als berühmtester Vertreter von fotografischen Wirklichkeiten gilt Jeff Wall. Der Kanadier (1946*) zählt mit seinen hinterleuchteten Grossformaten seit Jahren zu den festen Grössen der Weltkunst. Seine Bilder zeigen – im Gegensatz zu Tagliavinis Feier der Schönheit – aber oft skurrile, gefährliche oder alltägliche Szenen: verwundete Soldaten, picknickende Gruppen unter einer Autobahnbrücke oder einen einsamen Messi in seiner Bude voller Kram.

Fantasiewelten, Horrorvisionen oder Porträts im Stil alter Meister. Eigentlich könnte man diese Bilder am einfachsten mit Spezial-Effekten am Computer generieren. Ob im Film oder in der Fotografie. Digitale Hilfsmittel dafür gibt es genügend. Aber Künstlerinnen und Künstler, die weiter auf Handarbeit, Schauspieler und Kulissen setzen, wollen so ihren Produkten ihren Stempel aufdrücken. Wie sie ihre Geschichten erzählen und die Fotografie als Produkt eines langen Prozesses sehen, hat mit der Lust an Handarbeit, mit der Freude an der eigenen Erfindung und dem Reiz der wirklichen, der analogen Dingwelt zu tun. Aber auch mit dem Glauben, dass Abbildungen von materiell Vorhandenem wirklicher wirken als digital Generiertes. Ich fasse an, also bin ich.

«Christian Tagliavini», Verlag teNeues, 160 S., ca. 73 Franken.