Es vergeht kaum mehr ein Tag, an dem nicht neue Enthüllungen über sexuelle Übergriffe publik werden. Ashley Judd, Taylor Swift oder die Software-Entwicklerin Susan Fowler: Sie alle erzählen erschütternde Geschichten über die männliche Elite Hollywoods und deren Machtmissbrauch. Nun gerät auch US-Schauspieler Aziz Ansari ins Kreuzfeuer. Er wird von einer 23-jährigen Fotografin aus New York des sexuellen Übergriffs beschuldigt. Doch dieser Fall unterscheidet sich markant von vergangenen Enthüllungen. Und er hat rein gar nichts mit sexueller Gewalt zu tun. 

Die Geschichte beginnt 2017 an den Grammy Awards. Eine damals 22-jährige Frau trifft an der Afterparty auf den US-amerikanischen Schauspieler und Comedian Aziz Ansari. Im feministischen Online-Magazin Babe.net, in dem sie ihre Story später erzählte, wird die junge Frau «Grace» genannt. Sie möchte anonym bleiben. Der Artikel trägt den Titel: «Ich ging auf ein Date mit Aziz Ansari. Es war die schlimmste Nacht meines Lebens.»

Aziz Ansari, der US-amerikanische Schauspieler indisch-tamilischer Abstammung, gewann an den Golden Globes einen Award für seine Rolle in der Netflix-Serie «Master of None».

Aziz Ansari, der US-amerikanische Schauspieler indisch-tamilischer Abstammung, gewann an den Golden Globes einen Award für seine Rolle in der Netflix-Serie «Master of None».

Aber von vorn: Grace und Ansari geraten also an besagtem Abend im Juli 2017 ins Gespräch, flirten miteinander, tauschen Nummern aus. Zahlreiche Textnachrichten später verabreden sich die beiden an einem lauen Septemberabend auf ein erstes Date in New York.

Grace trifft Ansari in seinem Apartment in Manhattan auf ein Glas Wein. «Er schenkte mir Weisswein ein», erzählte sie der Reporterin von Babe.net. «Ich konnte nicht selbst auswählen und ich bevorzuge eigentlich Rotwein.» Getrunken hat sie den Weisswein trotzdem.

Nach dem Apéro besuchen die beiden ein Restaurant in der Nähe von Ansaris Apartment. Laut Grace blieben sie nicht lange dort. «Nach dem Essen bestellte Anzari sofort die Rechnung.» Sie erinnere sich daran, dass noch immer Wein in ihrem Glas war. Aber Ansari wollte das Restaurant so schnell wie möglich verlassen.

Wieder zurück in Ansaris Apartment beginnen sich die beiden in der Küche zu küssen. Darauf macht Ansari mit Worten und Gesten Grace deutlich, dass er mit ihr Sex haben will. Die 23-Jährige fühlt sich bedrängt, sagt aber nichts. «Ich weiss, dass ich ihm non-verbale Signale gegeben habe, dass ich nicht an Sex interessiert bin. Aber ich glaube nicht, dass er es bemerkt hat. Oder wenn doch, hat er die Signale ignoriert», sagte die angehende Fotografin. Die beiden machen weiter, es kommt unter anderem zu Oralsex.

Nach einer halben Stunde traut sich Grace doch etwas zu sagen und weist Ansari zurück. Dieser reagiert prompt und meint: «Oh, natürlich, es macht nur Spass, wenn wir beide Spass haben. Lass uns doch ein wenig auf dem Sofa chillen.»

Grace, die sich weiterhin unwohl fühlt, verlässt bald darauf seine Wohnung. Am nächsten Tag schreibt ihr Ansari eine Nachricht. «Es hat Spass gemacht, dich zu treffen.» Grace reagiert mit einem längeren Text. Sie schreibt unter anderem, dass ihr der Abend nicht gefallen hat, sie sich nicht wohl gefühlt hat und dass ihr Ansari, trotz der von ihr ausgesandten non-verbalen Signale weiterhin Avancen gemacht hat. Ansari entschuldigt sich darauf. «Es tut mir aufrichtig leid, offensichtlich habe ich die Dinge im Moment falsch gedeutet», schreibt er ihr zurück.

Die folgende Nachrichten soll Grace von Aziz Ansari erhalten haben: 

Grace, die sich darauf mit ihrer Geschichte an Babe.net wendet, fühlt sich als Opfer. «Ich brauchte eine lange Zeit um das Ganze als sexuellen Übergriff anzusehen», zitiert sie das feministische Portal.  

Mit ihrer Geschichte stellt sie nicht nur Ansari öffentlich an den Pranger und setzt seine berufliche Existenz aufs Spiel. Sie hebt sich auch auf die gleiche Stufe wie die zahlreichen Frauen, die die #MeToo-Bewegung angestossen haben. Frauen, wie die Kunstturnerin Simon Biles, die über längere Zeit von ihrem Teamarzt sexuell missbraucht wurde. 

Bei #MeToo geht es um jene Männer, die ein «Nein» nicht akzeptieren. Männer, die ihre Machtposition ausnutzen und sich einfach nehmen was sie wollen. Ansari gehört nicht dazu. In dem Moment, in dem Grace aussprach, dass ihr nicht wohl bei der Sache sei, liess Ansari von ihr ab.

Grace hatte von Anfang die Möglichkeit sich zu wehren. Zu sagen, «Weisswein passt mir nicht, ich hätte lieber ein Glas Rotwein». Sie hätte im Restaurant darauf bestehen können, länger zu bleiben, ein weiteres Glas Wein zu geniessen. Sie hätte Ansari nicht küssen müssen. Und ihm nach der allerersten Avance direkt eine Abfuhr erteilen können – verbal, offensichtlich, eindeutig.

Stattdessen hat sie sich entschieden, sich im Nachhinein darüber zu echauffieren, dass sie in Sachen Wein nicht nach ihrer Meinung gefragt wurde. Oder empört darüber zu sein, dass Ansari offensichtlich Sex mit ihr haben wollte. Dabei hat Grace einen wichtigen Punkt vergessen: Mit jemanden Sex haben zu wollen, ist kein Verbrechen.

Wenn Grace nicht angefasst werden will, muss sie das klipp und klar sagen. Wenn ihr die Art, wie Ansari sie küsst, nicht gefällt, dann soll sie aufstehen, sich anziehen und gehen. Doch Grace hat hier ein misslungenes Date mit einem sexuellen Übergriff verwechselt und verhöhnt damit gleichsam all jene, die tatsächlich eine solche schmerzhafte Erfahrung gemacht haben.

Ansaris Fehler war, dass er die von Grace ausgesandten non-verbalen Signale nicht lesen konnte. Möglicherweise hätte ein sensiblerer Zeitgenosse gemerkt, dass sich die junge Frau unwohl fühlt. Dennoch ist es falsch, den Schauspieler öffentlich an den Pranger zu stellen. Die «New York Times» hat recht, wenn sie schreibt, Ansari habe sich primär in einem Punkt schuldig gemacht: Keine Gedanken lesen zu können. 

Die Geschichte von Grace stiftet zudem ein weiteres Problem: Sie sorgt für noch mehr Verunsicherung auf der männlichen Seite. Man kann als Frau nicht verlangen, dass jegliche ausgesandten non-verbalen Signale vom Gegenüber auf Anhieb richtig gedeutet werden. Das ist absurd. 

Die Geschichte von Grace verdient den Hashtag #MeToo nicht. Denn an jenem lauen Septemberabend kam es weder zu einem sexuellen Übergriff noch zu sexueller Belästigung. Grace ging schlicht und einfach zu einem Date mit einem Mann, den sie offensichtlich sexuell nicht anziehend fand. Und von dem sie von Anfang an erwartete, dass er ihre Gedanken lesen könne. Und das ist alles andere als einen Aufschrei wert.