Konsum

Experiment: Einfach mal ein Jahr lang nichts kaufen

Ein Jahr lang nichts kaufen – das hat sich Niko Stoifberg vorgenommen. Nun zieht er Bilanz und erklärt, warum ihm die Ski fast einen Strich durch die Rechnung gemacht haben und weshalb er trotzdem nichts gespart hat

Niko Stoifberg, Sie haben ein Jahr lang nichts gekauft. Warum?

Niko Stoifberg: Auslöser waren Ferien in Bali. Eigentlich ist diese Insel ja ein Paradies. Aber an jeder Ecke liegt Abfall rum, vieles stammt von Touristen. Man sieht überall brennende Müllhaufen. Da ist mir erstmals richtig aufgefallen, wie viel Müll wir Menschen verursachen. Bei uns sieht man ja das nicht so. Hier wird der Müll geordnet entsorgt. Aber natürlich produzieren wir genauso viel Abfall wie die Balinesen, ziemlich sicher noch viel mehr. Die Absurdität dieses Konsumwahns war auf Bali derart offensichtlich und erschreckend, dass ich beschlossen habe, ein Jahr lang einfach nichts zu kaufen.

Gab es Ausnahmen?

Ja. Lebensmittel und Hygieneprodukte waren ausgenommen.

Dann haben Sie in diesem Jahr viel Geld gespart?

Nein, nicht unbedingt. Das war eine spannende Erkenntnis des Experiments. Ich habe zwar nichts gekauft, nahm dafür aber viel mehr Dienstleistungen in Anspruch. Zum Beispiel ging mein Auto am Anfang des Jahres kaputt. Ich hätte mir ein neues Fahrzeug kaufen sollen. Das ging natürlich nicht. Also löste ich ein Mobility-Abo. Ähnlich ging es mir mit fehlenden oder kaputten Küchengeräten. Die waren ein willkommener Grund, ins Restaurant zu gehen. Überhaupt, auswärts essen: Das war der einzige Luxus, den ich mir gönnen konnte und auch wollte.

Gab es Momente, in denen das Experiment zu scheitern drohte?

Es gab zwei heikle Momente. Gleich zu Beginn ging beim Skifahren ein Ski kaputt. Ich fuhr über einen Felsen. Die Ski-Kante war gebrochen. Zum Glück konnte sie noch zurechtgebogen werden. Aber eigentlich hätte ich neue Ski kaufen müssen. Mitte des Jahres wurden ausserdem die Socken knapp. Zum Glück konnte ich dieses Problem durch einen Hilferuf auf Facebook lösen. Ich bekam dann viele Socken geschenkt.

Mussten Sie viele Dinge flicken, die Sie ohne das Experiment hätten neu kaufen müssen?

Zum Glück nicht. Mir fehlt dafür auch das handwerkliche Talent. Ich bewundere Menschen, die das können. Und ich würde mir wünschen, dass diesen Menschen mehr Wertschätzung entgegengebracht wird. Der Schneiderin oder dem Schuhmacher, zum Beispiel. Ich bringe meine Schuhe gerne beim Schuhmacher vorbei.

Waren Sie zwischendurch genervt, dass Sie nichts kaufen konnten?

Eigentlich nicht. Klar gab es Momente, in denen ich die eine oder andere Sache gerne gekauft hätte. Beispielsweise einen Beamer. Oder ein neues Armband für die Uhr – es kann sich nur noch um Tage handeln, bis mein altes reisst. Aber viele dieser Käufe sind ja meistens Impulsreaktionen. Das Glücksgefühl hält nach dem Kauf nur kurz an. Es ist nicht so, dass ich dann wochenlang dem Beamer nachgetrauert habe. Ich werde ihn wohl im Jahr 2016 nachkaufen. Man fängt natürlich auch ein bisschen an, den Kauf gewisser Dinge einfach aufzuschieben.

War es in einer gewissen Weise auch ein Entzug?

Irgendwie schon. Mit dem Unterschied, dass dir bei anderen Drogen beim Entzug nicht ständig der Stoff vor der Nase präsentiert wird.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie in diesem Jahr durch dieses Experiment glücklicher waren?

Ja, nichts kaufen, ist befreiend. Man empfindet mit der Zeit auch jedes Kaufangebot quasi als Angriff auf die eigene Intelligenz. Da werden Dinge angeboten, die man eigentlich gar nicht braucht. Jedes Mal, wenn ich zu einem solchen Angebot Nein sagen konnte, war das ein kleiner Triumph. Mit der Zeit habe ich auch gar nicht mehr in die Schaufenster der Läden geschaut.

Ist es in der reichen Schweiz besonders schwierig, nichts zu kaufen?

Nicht nur in der Schweiz. In der Wohlstandsgesellschaft grundsätzlich. Es ist schon bemerkenswert, wie sehr wir uns über den Konsum definieren. Unsere ganze Identität beruht darauf. Ich habe Freunde, die als Lehrer unterrichten. Die sagen, dass die Kindern sich heutzutage extremer durch materielle Dinge wie Kleider abgrenzen als früher.

Haben sich andere Personen Ihrem Experiment angeschlossen?

Ja, es gab einige, die mitgemacht haben. Auch sie hatten kein Problem, einfach mal nichts zu kaufen. Was mich am meisten gefreut hat: Ich habe Freunde, die sehr wirtschaftsfreundlich sind. Auch die fanden das Experiment gut, obwohl ja gerade von den Ökonomen immer propagiert wird, dass durch den Konsum die Wirtschaft angekurbelt werden soll. Nicht von allen Ökonomen, aber von vielen. Dabei sieht natürlich jeder, der halbwegs bei Trost ist, dass unser Konsumverhalten nicht sinnvoll ist. Aber wir sind Künstler darin, diese offensichtliche Tatsache zu verdrängen.

Was läuft falsch?

Die meisten Produkte sind viel zu günstig. Ihr Preis, beispielsweise der von Kleidern, bildet nicht ab, was mit Umwelt im Produktionsland geschieht. Oder mit den dortigen Arbeitern.

Haben Sie andere aktiv animiert, auch gar nichts oder weniger zu konsumieren?

Eigentlich nicht, ich war froh, wenn sie von sich aus mitmachten. Als besserwisserischer Eigenbrötler rüberkommen, das will niemand. Und das war überhaupt der schwierigste Part, dieses Abweichen von einem gesellschaftlichen Standard-Verhalten – viel schwieriger als der Kaufverzicht selbst. Man muss sich richtiggehend rechtfertigen, dass man nichts kaufen möchte.

Wie geht es nun im Jahr 2016 weiter?

Ich werde versuchen, einen Mittelweg zu finden. Ich habe mir gesagt, dass ich Dinge erst kaufe, wenn etwas anderes, das ich besitze, kaputt gegangen ist. Das gilt zum Beispiel für Kleider, Schuhe und so weiter.

Dann gab es bei Ihnen also noch keine Weihnachtsgeschenke?

Die waren explizit vom Experiment ausgenommen. Sonst hätte ich mich wohl sehr unbeliebt gemacht.

Niko Stoifberg (39) ist Autor («Das Blaue Büchlein») und Cartoonist in Luzern. Seinen Vorsatz, ein Jahr lang nichts zu kaufen, hatte er Anfang 2015 in der «Schweiz am Sonntag» angekündigt.

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