«Es beginnt mit einzelnen Eisstücken, die an uns vorüberziehen. Dann werden die Eisschollen häufiger. Und schliesslich liegt vor dem Bug unseres Forschungsschiffs deutlich mehr Eis als Wasser: Wir sind im Packeis angekommen. Es knirscht und kracht. Spätestens jetzt kämen wir nicht weiter voran, wenn unser Schiff kein Eisbrecher wäre. In unseren Kabinen unter Deck sehen und hören wir das Eis direkt vor den kleinen Fenstern vorbeischaben.

Nach einigen Stunden im Packeisgürtel gelangen wir in einen Meeresabschnitt, der frei von Eis ist. Und dann erreichen wir die Bucht des Mertz-Gletschers, benannt nach dem Schweizer Polarforscher Xavier Mertz. Dort, wo der Gletscher ins Meer fliesst, türmt sich das Eis zwanzig Meter und höher. Selbst auf unserem grossen Eisbrecher kommen wir uns nun sehr klein vor. Über uns tost der Wind und treibt uns Schnee entgegen.

Drei intensive Tage stehen uns am Mertz-Gletscher bevor. Jedes der 22 Forschungsprojekte an Bord hat hier etwas Eigenes geplant. Auch wir vom Paul-Scherrer-Institut versprechen uns viel von der Station: In dieser Gegend gedeihen viele Mikroorganismen und Algen namens Phytoplankton. Als wir das Eis durchbrachen, sahen wir es auf der Unterseite der Eisschollen in Form von grünen und braunen Flächen. Besonders interessiert uns, ob das Phytoplankton neue, natürliche Feinstaubpartikel entstehen lässt. Schon während wir auf den Mertz-Gletscher zufahren, schauen wir in unserem Laborcontainer gespannt auf die Bildschirme. Und tatsächlich: Plötzlich zeigen unsere Instrumente neue, winzige Partikel an. Sie sind
nur rund 2 Nanometer gross, also 50 000-mal kleiner als der Durchmesser eines menschlichen Haares. Und wir sind live dabei, wie diese neuen Partikel zwischen Eis und offenem Wasser geboren werden.

Wir sind nun so nahe am Pol, dass es nachts nicht mehr dunkel wird. Vermutlich trägt dies dazu bei, dass wir die Zeit vergessen, rund um die Uhr arbeiten und uns kaum einmal schlafen legen – man könnte ja etwas Entscheidendes verpassen. Beim Essen tauschen wir uns mit den anderen Forschenden aus. Auch sie haben leuchtende Augen, weil ihre Messungen bestens vorangehen. Ein Team hat auf dem Gletscher Eisbohrkerne genommen, ausserdem wurden Schneeproben, Wasserproben und vieles mehr gesammelt.

Nun wird auch das Remotely Operated Vehicle, kurz ROV, ein ferngesteuertes Forschungs-U-Boot mit Licht und Kameras, ins Wasser gelassen. Das Live-Video wird direkt in unsere Kantine übertragen, gebannt sitzen Schiffscrew und Forschende gemeinsam vor der Leinwand und verfolgen mit, wie das Gerät sich über den Grund des Ozeans bewegt und mit seinen Greifarmen Proben von Korallen, Schwämmen und Seesternen nimmt. Vier Wissenschafter steuern das ROV mit Joysticks, neben ihnen stehen Projektleitende und entscheiden in Echtzeit, was das ROV tun und wohin sie es steuern sollen.

Ziel dieses Projektes ist es zu verstehen, wie sich das Ökosystem in dieser Gegend in den letzten sieben Jahren verändert hat, denn 2010 zerbrach hier ein Eisschelf und sorgte damit im wahrsten Sinne für viel Wirbel auf dem Meeresboden. Durch den Klimawandel sind solche Einbrüche von Schelfeis zukünftig häufiger zu erwarten. Welche Auswirkungen solch ein Ereignis auf das Ökosystem hat, können wir hier untersuchen.

Die Antarktis-Route vom Forschungsteam mit Julia Schmale.

Die Antarktis-Route vom Forschungsteam mit Julia Schmale.