Nie war das Bedürfnis grösser, gemeinsam zu essen und übers Essen zur reden. Diesen Trend beschreibt die eben erschienene GDI-Food-Studie mit dem Titel «Konsumentenfrühling». «Essen ist in Zeiten des Fast Foods das neue Statussymbol», betont Mirjam Hauser, Verfasserin der Studie. Das beweist auch der Erfolg der Genusswoche, die genau den Nerv der Zeit trifft. 2001 wurde sie erstmals mit 140 Veranstaltungen in der ganzen Schweiz durchgeführt, in diesem Jahr sind es bereits 1500.

Gerade bei jungen Leuten zeigt sich das neue Bewusstsein fürs Essen. «Ich finde es wichtig, zu wissen, woher unser Essen kommt; Ereignisse wie der Pferdefleischskandal erschrecken mich», sagt die 32-jährige PR-Fachfrau Anna Hofmann. «Schliesslich ist Essen für mich nicht nur ‹Nahrungsaufnahme›, sondern ein kulturelles und soziales Ereignis.» Deshalb engagiert sie sich aktiv als Mitglied bei Slow Food Youth. Sie organisieren Workshops in Schulen, Besuche bei Kleinproduzenten oder Eat-Ins wie zum Beispiel am nächsten Sonntag beim Helmhaus in Zürich. Dort wird an grossen Tischen zusammen gegessen – und man tauscht sich über das Essen aus.

Die neuen Food-Skills

Beim Essen übers Essen sprechen gehört heute sozusagen zum Nonplusultra. Essen, so scheint es, wird zur Obsession unserer Zeit und zum Prestigeobjekt, um sich sozial zu profilieren. Essen als Luxushobby. «Essen wird zum Kult. Wir zelebrieren, planen regelrecht bewusst viel Zeit für die Vorbereitung und den Genuss von Essen ein und anschliessend für das Geniessen zusammen», sagt auch Trendforscherin Joan Billing aus Baden. Gathering nennt sich dieses Phänomen, das für Treffen, Zusammenkunft, aber auch Zusammentragen steht und in der Foodbewegung gut sichtbar ist, wo sich die Anhänger zum Einkaufen im Bioladen, auf dem Markt, noch lieber aber direkt beim Bauern in der Nähe oder im eigenen Gemüsegarten treffen.

«Dabei macht sich der Kunde selbst zum König», sagt Mirjam Hauser. Damit meint sie, dass die Konsumenten nicht mehr alles kaufen, was ihnen angeboten, und Restaurant-Gäste nicht mehr alles schlucken, was ihnen aufgetischt wird. «Sie haben sich neue Food-Skills angeeignet und sind heute kompetenter denn je.»

Weil sich die neue Gourmetkompetenz des Elitären entledigt und demokratisiert hat, sieht sich jeder als Kulinarik-Experte und hat etwas zum Thema Essen beizutragen. Man demonstriert, dass man kochen kann und über eine Art «Connaisseur-ship» verfügt. Das geht schon so weit, dass sich der Feuilletonist Hilmar Klute in der «Süddeutschen Zeitung» darüber beschwerte, dass ihm bei Einladungen zu viel über das, was auf den Tisch kommt, geredet werde. «Tu in das Essen rein, was du willst, aber erklär es mir nicht.»

Internet als Geschmacksverstärker

Dank neuer Food-Skills, dem kulinarischen Wissen und Know-how, werden Konsumenten selber zu Food-Spezialisten. Und das Internet dient ihnen als Geschmacksverstärker. Zu nahezu jedem kulinarischen Thema gibt es heute Blogs und Websites: seltene Produkte, eigenwillige Produzenten, ausgefallene Zubereitungsarten, empfehlenswerte Restaurants. Und vor allem: Dank Internet und Smartphones wird alles dokumentiert und der Gemeinschaft via Twitter Instagram, Youtube oder Facebook zur Schau gestellt. Der Begriff «Food-Porn» steht für diese Food-Foto-Begeisterung. Was bereits Restaurantbetreiber dazu bringt, in ihren Lokalen das Fotografieren zu untersagen. «Essen fotografieren verboten» heisst es schon mal an der Wand.

Diese enorme Aufwertung von Essen war noch vor wenigen Jahren kaum ein Thema; die Kluft zwischen den Angeboten der Industrie und den Sehnsüchten der Konsumenten nach gesundem, frischem, nachhaltigem und fair produziertem Essen schien beinahe unüberbrückbar. Heute sei diese Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit bedeutend kleiner, stellt Food-Forscherin Mirjam Hauser fest. «Wir befinden uns in einer markanten Umbruchphase, alte Traditionen verschwinden, neue sind daran, sich herauszukristallisieren.»

Gutes Essen gewinnt an Bedeutung

Es ist aber gerade diese Diskrepanz, die irritiert: Im Alltag nehmen wir uns oft kaum Zeit fürs Essen, verdrücken schnell ein Salätchen oder ein Sandwich im Zug oder auf der Strasse, um dann wieder hingebungsvoll bei einem gemütlichen Essen mit Freunden über das Essen, Produzenten und Kochrezepte zu schwelgen. Für Mirjam Hauser ist es eher eine logische Konsequenz: «Weil unser Alltag an Regelmässigkeit verliert, wir oft fremdbestimmt werden und uns meist nur ein kleines Zeitfenster fürs Essen bleibt, gewinnt gutes Essen wieder an Bedeutung.» Also holen wir am Wochenende nach, was wir unter der Woche vernachlässigt haben, und werten unsere unbefriedigende Essensbilanz auf, indem wir aufwendig kochen, möglichst regional einkaufen, Gäste einladen, das Zusammensein zelebrieren.