Anita legt das Bild zurück auf den Salontisch und greift nach einer Zigarette. Im Moment rauche sie etwas viel, sagt die Seniorin mit entschuldigendem Blick. Vor kurzem ist für sie eine Welt zerbrochen. Schon zum zweiten Mal. Nochmals greift Anita zum Bild auf dem Tisch – eine Ultraschall-Aufnahme vom Bauch ihrer Tochter Jessica, auf der ein winziges Etwas zu sehen ist. «Wir haben uns alle so gefreut.» Im Herbst sollte das Baby geboren werden. 16 Monate ist es her, seit die Familie schon vom kleinen Jeremy Abschied nehmen musste, Jessicas erstem Sohn. Er kam zu früh zur Welt mit nur 450 Gramm Gewicht. Jeremy starb nach 10 Tagen. Die Ärzte glaubten daran, dass es bei einer neuen Schwangerschaft gut werden könnte. Vor zwei Wochen kam dann der Anruf: «Mama, ich habe das Kind verloren.»

Anita wäre gerne Grossmutter geworden. Sie hat schon das eine oder andere Kleidchen gekauft, sich Gedanken darüber gemacht, wie sie das Baby hin und wieder betreuen kann, um dem jungen Elternpaar eine Auszeit zu gönnen. Jetzt sagt sie: «Ich getraue mich gar nicht mehr, mich auf ein Baby zu freuen.» Und sie gesteht:

Sie findet es manchmal ungerecht, dass mache Familien sich sehnlichst ein Baby wünschen und alles bieten könnten, was es für eine glückliche Kindheit braucht, aber es klappt nicht. «Andere bekommen Kinder und behandeln sie so schlecht, dass sie sterben.»

Jene ohne und jene mit

Grosseltern sein sei wie Rosinenpicken, heisst es manchmal: nur das Schönste vom Elternsein. Die Kinder geniessen ohne Stress, ohne Schlafmangel, ohne nochmals gebären zu müssen.

Doch viele Senioren – und speziell die Frauen – finden sich plötzlich in einer Situation wieder, die jener sehr ähnlich ist, als damals aus Freundinnen Mütter wurden. Wieder entstehen zwei Lager: jene Frauen, die Enkelkinder haben, und jene, die keine haben. Jene, die stolz Fotos von süssen Kindern herumzeigen und bei jedem Treffen das neuste Detail aus der Kinderentwicklung mitteilen. Und jene, die dem nichts zu entgegnen haben. Die gefragt werden: «Hast du noch keine?»

Auch Herta hat sich immer darauf gefreut, Grossmutter zu werden. Die 61-Jährige ist traurig darüber, dass ihr Sohn und seine Frau abwinken, wenn es ums Thema Nachwuchs geht. «Sie sind beide Akademiker und wollen erst mal an ihrer Laufbahn feilen», sagt Herta. Lange sah es so aus, als würde ihre Tochter ihr den Wunsch nach einem Enkelkind erfüllen. Karolina heiratete und bezog mit ihrem Mann ein Häuschen, das gut Platz für mindestens zwei Kinder bietet. «Sie wollte so schnell wie möglich Kinder», sagt Herta. Als sich keine Schwangerschaft ergab, ging Karolina zum Arzt. Herta lässt den Kopf hängen: «Sie wird keine Kinder bekommen können.»

Die Liebe, die sie keinem Enkelkind zukommen lassen kann, schenkt sie ihrem Hund und der Katze. «Was soll ich denn machen? Ich konnte es mir nicht aussuchen», sagt sie. Wie für viele – vielleicht gerade noch für diese Generation – gehört das Grossmuttersein auch für Herta zum idealen Lebenslauf. Ohne Enkel fehlt etwas, finden sie.

Wenn sie schon keine bekommen, dann suchen sich manche den Kontakt selber. Die 59-jährige Silvia beispielsweise betreut seit gut zwei Jahren den Enkel ihrer Schwester als Tagesmutter. «Meine Nichte muss arbeiten und hat nach einer Lösung für den Kleinen gesucht», erklärt sie und nimmt Samuel in den Arm, der sich an seine «Nanni» klammert. Weil das Grosi des Kleinen arbeitet, hat sich Silvia bereit erklärt, Samuel als Tagespflegekind bei sich aufzunehmen. Von Silvias eigenen drei Kindern wollen zwei keine eigenen Kinder. Nur der jüngste Sohn und seine Frau denken daran, später einmal Nachwuchs zu haben. Vorläufig wollen sie das Leben noch ohne eigene Kinder meistern.

Kinderlos – enkellos

Andere haben sich einst selbst gegen Kinder entschieden und werden nun, im Alter, deswegen nachdenklich. Thomas weiss, dass er niemals ein eigenes Enkelkind in den Händen halten wird. Der 59-Jährige hat sich bewusst gegen Kinder entschieden. «Sie passten nicht in unser Leben.» Zusammen mit seiner Frau hatte er damals ein eigenes Geschäft und war fast rund um die Uhr eingespannt. «Vermisst habe ich das Vatersein nicht.»

Wann immer die Zeit blieb, war das Paar auf Motorrad-Tour. «Das war unsere Leidenschaft, und wir hätten sie in diesem Stil nicht leben können, wenn wir Nachwuchs gehabt hätten.» Heute lebt Thomas alleine. Die Ehe ist vor längerem in die Brüche gegangen. «Manchmal wünschte ich mir schon, es wäre ein Enkelkind da, mit dem ich etwas unternehmen könnte», bekennt er. «Ich hätte so viel zu geben.» Er geniesse jeden Moment, den er mit den Enkelkindern von Freunden verbringen könne.

Grosseltern sein, oder nicht Grosseltern sein? Die Antwort auf diese Frage liegt nicht in den Händen der Senioren. Die eigenen Kinder entscheiden, das Schicksal, oder es ist die Folge des eigenen Entscheids, den man in jüngeren Jahren getroffen hat.

Wird mans dann, ist nicht selten jede Gelassenheit, welche man sich doch über die Jahrzehnte erworben hat für alle Lebenslagen, wieder weg. Auch das ist wie damals in jungen Jahren als neue Mutter: Grossmütter schüttelt es noch einmal durch. «Neun Stunden dauerte es», Petra ereifert sich. Vor ihr auf dem Tisch liegen ein Geburtskärtchen und einige Fotos. «Ist er nicht süss?» Sie zeigt auf eines der Fotos. «Das war am ersten Tag nach der Geburt», sagt sie.

Jorim ist ihr erstes Enkelkind. Entsprechend stolz ist die 57-jährige frischgebackene Grossmutter. Und noch immer steht sie unter dem Eindruck der schmerzhaften Stunden, die ihre Tochter vor ein paar Wochen durchmachen musste. «Es ist für mich schlimmer gewesen als meine beiden eigenen Geburten», sagt sie. «Man fühlt sich als Mutter so hilflos. Ich sass wie auf glühenden Kohlen, bis mein Schwiegersohn angerufen hat, dass alles gut gegangen sei.» Petra freut sich schon auf den Moment, in dem sie ihren Enkel mit dem Kinderwagen ausfahren kann. Und sie zum ersten Mal richtig Grossmutter sein wird.