Noch vor ihrer Heirat wussten Tanners, dass sie Kinder adoptieren möchten. Aus dem fernen Ausland. Die Babys gefielen ihnen. Und sie wollten etwas Gutes tun. Sie fragten sich: Weshalb eigene Kinder auf die Welt bringen, wenn es welche gibt, denen eine Perspektive fehlt? Über Freunde lernten sie ein Paar kennen, das ein Baby aus Sri Lanka adoptiert hatte. Tanners waren hingerissen von ihm. Die Bekannten erzählten: Das sri-lankische Konsulat in Genf habe den Kontakt zur Behörde vor Ort hergestellt, diese habe wiederum eine Anwältin vermittelt. Alles sei legal, das Kind würde sonst in einem Kinderheim aufwachsen. «Das gab den Ausschlag», sagt der heute 69-jährige F. Tanner. Er sitzt neben seiner Frau, C. Tanner, am Küchentisch. Kaffee dampft aus den Tassen, auf dem Tisch ist Süssgebäck angerichtet. Tanners sind aufmerksame Gastgeber – und offene Gesprächspartner. Sie wollen reden. Über die Machenschaften, in die sie verwickelt wurden. Über ihre Wut. Über ihre Ohnmacht. Damit leben sie, seit ihre heute 37-jährige Tochter nach ihrer leiblichen Familie sucht. Ohne Erfolg. Ihre Geburt ist in Sri Lanka nicht registriert; sämtliche Angaben ihrer angeblichen Mutter bestätigten sich vor Ort nicht. Es scheint, als hätte die Frau nie existiert. Das ist kein Einzelfall: Der Adoptionsskandal der 80er-Jahre (siehe Box unten) holt Sri Lanka, aber auch die Schweiz ein.

Tanners sind die ersten Adoptiveltern in der Deutschschweiz, die öffentlich ihre Geschichte erzählen. Und die darüber sprechen, was es auslöst, wenn die erwachsene Tochter feststellt: Bei der Adoption ging es nicht mit rechten Dingen zu und her. Um zu erzählen, wie das möglich war, tauchen Tanners in ihre Erinnerungen ein und kehren ins Jahr 1981 zurück. Damals flatterte ein Telegramm ins Haus. Darin informierte das sri-lankische Konsulat: Ein Kind sei für das Ehepaar gefunden worden. In Sri Lanka erwarte sie eine Anwältin namens Dawn de Silva. Tanners reisten los. Arglos, glücklich. Dass im gleichen Jahr der Schweizer Botschafter in Sri Lanka die hiesigen Behörden vor dieser Frau warnte, wussten sie nicht.

Wo haben Sie die Anwältin Dawn de Silva erstmals getroffen?

F. Tanner: Am Flughafen in Colombo. Sie nahm uns mit einem Fahrer in Empfang. Ich konnte damals noch relativ schlecht Englisch, aber sie konnte ein paar Brocken Deutsch. So verständigten wir uns. Als Erstes fragte sie uns, ob wir die 750 Dollar dabei hätten. Das Konsulat hatte uns darüber schon informiert; mit ihr hatten wir vorgängig keinen Kontakt. Nachdem ich Dawn de Silva das Geld in die Hände gedrückt hatte, wollte sie uns eine Rundreise andrehen. Diese hätte 1600 Dollar pro Person gekostet. Damals war das viel Geld. Wir lehnten ab.

Was machten Sie stattdessen?

F. T.: Ich wollte bloss ins Hotel. Doch das lehnte Dawn de Silva ab. Sie brachte uns in ihr eigenes Haus. Es gab dort Angestellte und eine Köchin. Wir waren die einzigen Gäste im Haus und wurden bedient.

Hat Dawn de Silva Sie zu Ihrer Tochter gebracht?

C. Tanner: Ja, sie fuhr mit uns in ein Kinderheim. Das war erschreckend. Mit den Holzlatten wirkte das Gebäude wie ein Kuhstall. Auf den Bastmatten am Boden lagen überall Kinder. Ganz kleine – eines neben dem anderen. Sie hatten Windeln an, sonst nichts. Es gab noch mindestens ein weiteres Zimmer. Denn die zwei Kinder, die uns Miss Dawn brachte, holte sie in einem Nebenraum.

Weshalb zwei Kinder?

C. T.: Zuerst drückte sie uns ein falsches Baby in die Arme. Es war etwa ein halbes Jahr alt. Doch für ein Kind in diesem Alter hatten wir keine Papiere. Die Behörden bewilligten uns, mit einem Baby von höchstens drei Monaten in die Schweiz einzureisen. Miss Dawn antwortete bloss: «Oh, das ist nicht das richtige Kind?», nahm es von meinem Schoss und verschwand im Nebenzimmer. Da war mir mulmig zumute. Ich dachte noch: Jesses, was macht sie denn? Da trat sie aber schon mit unserer Tochter durch die Tür.

Wie war dieses erste Treffen?

C. T.: Ich war völlig überfordert und habe mich kaum getraut, das Mädchen anzufassen. Sie war sehr klein und hatte ganz dünne Beine. Es wirkte, als ob sie eben erst geboren worden wäre. Der Kopf war voller Schorf und die Haut von Krätze übersät. Wir wollten, dass das Kind medizinisch versorgt wird. Im Spital zeigte die Waage, dass es bloss 1,7 Kilogramm wog.

F. T.: Wenn wir nun darüber nachdenken, waren wir unglaublich naiv. Gemäss den Papieren war das Kind fast zwei Monate alt.

Ist Ihnen das vor Ort nicht aufgefallen?

F. T.: Es gab diese Momente, die uns seltsam dünkten. Etwa, als Dawn de Silva das falsche Kind brachte. Aber wir gingen davon aus: Diese Frau ist eine Anwältin, sie weiss, was sie zu tun hat. Die offizielle Behörde in Sri Lanka, die «Child Care Commission», vermittelte sie uns. Dieses Amt und die Schweizer Behörde hatten uns vorgängig auf Herz und Nieren geprüft. Also musste doch alles lupenrein sein, dachten wir.

Hatten Sie die leibliche Mutter getroffen?

C. T. Bei der Adoption vor Gericht war eine Frau, die uns das Kind übergab. Heute müssen wir uns fragen, war es die richtige Mutter? Damals wussten wir nicht, dass Frauen angeheuert wurden, um vor Gericht eine Mutter zu spielen.

F. T.: Das war sowieso ein Theater dort.

Wie meinen Sie das?

F. T.: Sowohl bei der ersten wie bei der zweiten adoptierten Tochter beleidigten mich die Richter am Laufband. Ob ich alt genug sei, um Kinder zu adoptieren. Ob ich – obwohl sie mein Gehalt kannten – die Mädchen ernähren könne. Sie gaben mir das Gefühl, ein Nichts zu sein. Ein Lappi, der selber keine Kinder bekommt und sich nun hier eines holen muss. Das ist mir eingefahren.

C. T.: Wir trafen niemanden, der es gut fand, dass die Kinder im Ausland eine Perspektive bekamen. Im Gegenteil.

F. T.: Auch diesbezüglich hatten wir uns falsche Vorstellungen gemacht. Wir gingen davon aus, dass uns in Sri Lanka Dankbarkeit entgegengebracht würde. Im Nachhinein ist mir klar: Was wir machten, war eine Beleidigung für sie. Das zeigte sich bald auch in der Schweiz.

Inwiefern?

C. T.: In den 80er-Jahren, als die Mädchen klein waren, lebten sri-lankische Menschen in der Schweiz, die vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land geflohen waren. Ich erinnere mich gut, wie sie mich anschauten, wenn ich mit dem Kinderwagen an ihnen vorbeiging. Auch sie hatten gar keine Freude.

Zu jener Zeit, etwa Mitte der 80er-Jahre, berichteten auch die hiesigen Medien über den Adoptionsskandal. Lasen Sie davon?

F. T.: Ja, im «Beobachter». Ich bin aus allen Wolken gefallen – und habe gleich das Abo gekündigt. Meine Haltung war: Das geht uns nichts an. Ich war wütend auf die Journalisten und dachte, was fällt denen ein, solche Artikel zu schreiben. In der Schweiz leben Tausende von Adoptiveltern und nun sollen wir alle die Dummen sein? Ich war total beleidigt.

Wann haben Sie gemerkt, dass bei der Adoption Ihrer ersten Tochter doch nicht alles mit rechten Dingen zu- und hergegangen war?

F. T.: Erst als unsere Tochter begann, Fragen zu stellen, und auf Widersprüche stiess. Das war vor etwas mehr als zwei Jahren. Rasch realisierten wir: Alles liegt im Argen.

In den Dokumenten Ihrer Tochter stehen zwei unterschiedliche Geburtsorte. Ist das nicht einmal bei der Aus- respektive Einreise aufgefallen?

F. T.: Nein. Ich habe zwar die englische Übersetzung der Dokumente angeschaut – doch die schien in Ordnung zu sein. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, ein amtliches Dokument zu hinterfragen. Ich war total obrigkeitsgläubig. Am Zoll stellte niemand Fragen. Auch auf der hiesigen Vormundschaftsbehörde wurde niemand stutzig, obwohl sie alle Dokumente hatten. Es ist der absolute Horror.

C. T.: In Sri Lanka sagte ich noch zu meinem Mann: Ist dieses Kind auf dem Passfoto auch wirklich unser Kind? Uns wurde daraufhin erklärt, das Foto sei gemacht worden, bevor unsere Tochter geölt worden war und ihr die Haare abgeschnitten wurden. Vergleiche ich heute unsere Baby-Fotos mit dem Passbild, bin ich nicht überzeugt, dass Letzteres unsere Tochter zeigt.

F. T.: Es ist eine Riesenschweinerei, dass wir nun dieses Gespräch führen müssen (knallt die flache Hand auf den Tisch). Wir durchliefen einen Behörden-Klüngel und mussten vor ihnen die Hosen runterlassen. Wir zeigten alles von uns: Wie es uns gesundheitlich geht, was wir verdienen, wie wir wohnen. Meine Frau musste gar zum Psychiater, weil sie sagte, sie wolle keine eigenen Kinder zur Welt bringen. Ich hatte den Behörden vertraut, für mich waren sie sakrosankt. Alles lief höchstoffiziell ab. Ich war überzeugt davon, dass wir etwas Gutes tun. Doch nun, siebenunddreissig Jahre später, müssen wir feststellen, es war alles ein verdammter Fake (knallt nochmals die Hand auf den Tisch). Und ich bin der Trottel, der auf die Saubande reingefallen ist. So blöd, so naiv – dass uns das passiert ist, da muss ich mir schon an den Kopf fassen.

C. T.: Wir sind nicht die Einzigen.

F. T.: Das ist gar kein Trost. Es ist passiert und ich muss mir den Vorwurf ein Leben lang machen. Nichts haben wir hinterfragt. Erst später habe ich gemerkt, dass auch hier nicht alles sauber läuft.

Was lief in der Schweiz schief?

F. T.: Wir mussten nach der Einreise, sämtliche Dokumente aus Sri Lanka an die Vormundschaftsbehörde unserer Gemeinde abgeben. Als ich die Unterlagen später anforderte, fehlten der Geburtsschein und die Verzichtserklärung der leiblichen Mutter. Die Papiere tauchten nie mehr auf. Auf irgendeinem Amt gingen sie verloren. Ich komme jedes Mal in Rage, wenn ich daran denke. Ich bin doch hier in der Schweiz!

Wie gehen Sie mit all dem um?

F. T.: Damit muss ich leben, ich kann es nicht wegschieben oder aufhören, daran zu denken. Aber wir müssen das Beste aus der Situation machen. Wir haben zwei Kinder, beide als wären sie meine eigenen. Ich würde für sie mein Leben geben. Und trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen.

Wie hat die Geschichte Ihre Familie verändert?

F. T.: Dass wir offen über das Geschehene sprechen können, hat uns noch näher zusammengebracht. Soweit es irgendwie möglich ist, helfen wir unserer Tochter, ihre leibliche Mutter zu finden. Wir sind froh, dass sie diesen Stein ins Rollen gebracht hat.

Haben Sie nie Angst?

C. T.: Wovor Angst?

Dass Sie an zweiter Stelle kommen und nicht mehr die gleiche Wichtigkeit haben, wenn Ihre Tochter die leibliche Mutter finden würde.

C. T.: Nein, das ist auch nicht der Fall. Unsere jüngere Tochter kennt ihre leibliche Mutter. Aber die Kindheit und all die gemeinsamen Jahre, das lässt sich niemals streichen. Hier ist ihr Zuhause, in Sri Lanka sind ihre Wurzeln. Es ist wichtig, dass man diese kennt. Ich hoffe, dass unsere ältere Tochter auch noch ihre leibliche Mutter findet.

Es gibt Adoptiveltern, die erwarten von ihren Kindern Dankbarkeit. Andere fühlen sich persönlich angegriffen, wenn sie sich Widersprüchen in den Unterlagen stellen müssen.

F. T.: Ich denke, sie haben Angst. Es ist eine persönliche Katastrophe, wenn man feststellt, dass die Dokumente falsch sind. Aber: Wir alle wurden betrogen. Darüber müssen wir sprechen. Innerhalb der Familien und in der Gesellschaft. Diese muss sich auch damit auseinandersetzen. Nicht, dass so etwas nochmals passiert – und Eltern sich für den Rest des Lebens ein Gewissen machen.

Ihre Tochter hat ihre DNA in eine entsprechende Datenbank eingespeist und hofft nun, dass ihre leibliche Mutter dasselbe tut. Falls die beiden sich darüber fänden, was würden Sie der Frau sagen?

F. T.: Als Erstes würde ich mich bei ihr entschuldigen – für alles, was ich ihr angetan habe. Ich weiss nicht, ob ich das jemals gutmachen kann.

C. T.: Ich würde ihr aber auch sagen, dass sie uns eine grosse Freude gemacht hat – und dass wir das Kind gerne grossgezogen haben.