Masslosigkeit

Es ist doch nur Fussball – oder die Gesellschaft?

Sepp Blatter wird am 20. Juli an einer Pressekonferenz von Komiker Simon Brodkin mit Geld beworfen.

Sepp Blatter wird am 20. Juli an einer Pressekonferenz von Komiker Simon Brodkin mit Geld beworfen.

Man liebt es, das Spiel. Aber es ist eben nicht nur der Fussball, wo alles drunter und drüber geht.

«It’s only Rock ’n’ Roll, but I like it», so sangen die Rolling Stones. Die Entschuldigung war natürlich ironisch gemeint. Sepp Blatter sagt auch immer wieder, es gehe nur um Fussball. «The Game» halt. Diese Aussage ist gleich doppelt ironisch oder vierfach zweideutig. Warum?

Krumme Touren bis zu handfesten Korruptionsaffären gab es nicht nur im Fussball-Weltverband. Seit das viele TV-Geld den Sport überschwemmt, sind ganz offensichtlich viele Funktionäre moralisch überfordert. Oder die Strukturen der Verbände den Stürmen nicht gewachsen.

Es ist nicht nur der Fussball. Der Radsport ist notorisch, die Leichtathletik auch, aber auch in an sich biederen Verbänden knirscht und rumort es. Zum Beispiel auch im Handball.

Diese Geschichten haben einen Grund. Die Sportverbände hatten Ambitionen, wollten wachsen. Mehr Mitglieder, mehr Märkte, mehr Geld.

Eigentlich sind internationale Sportverbände demokratisch organisiert. Aber das Prinzip «Ein Land – eine Stimme» verlagerte das Gewicht weg von den «alten» Verbänden (meist den europäischen). Seither sind Abstimmungsprozedere nicht mehr dieselben.

Der Club der Gentlemen

Die zweite Volte der Ironie liegt in der Geschichte. Bereits 1964 war es, als Sir Stanley Rous, der honorige Fifa-Präsident, fand, es sei besser die Vergabe der Weltturniere einem ausgewählten Klub von ebenso honorigen Persönlichkeiten anzuvertrauen, wie er eine war.

So schuf er das Fifa-Exekutivkomitee. Die Verbandsvertreter könnten bei der Wahl des Turnier-Ausrichters in vielerlei Hinsicht überfordert sein. Besser man vergibt die Endrunden im trauten Kreis erprobter Gentlemen. Und so gingen die Turniere von 1974 an Deutschland, 1978 an Argentinien und 1982 an Spanien.

Belastend für Freundschaft

Die Formulierungen, mit denen argumentiert wurde, verraten viel. Die Auswahl dem Kongress zu überlassen, würde «Freundschaften belasten» (putting a strain on friendships), die Mitglieder könnten ihre Entscheidung auch auf «nicht ganz relevante Punkte» gründen (basing their choice on not wholly relevant issues). Das ist echt britisches Understatement, Sir Stanley Rous war auch ein britischer Gentleman.

Mittlerweile hat die Fifa die Vergabe wieder an den Kongress zurück delegiert. Das mächtige ExKo erwies sich als Gremium der offenen Hände als zu grosse (Image-)Belastung.

Und Blatter beklagte es ja selbst, wenn er sagt, er sei doch nicht verantwortlich für das Gewissen von Mitgliedern, die er nicht selbst ausgewählt habe. Nein, verantwortlich ist er nicht. Aber er kannte die Gewissenslage der meisten Komiteemitglieder recht gut. Und wusste sie auch recht gut einzuschätzen. Richtig kriminell muss man dafür gar nicht sein. Das war Punkt 3.

Zum Schluss: Nicht nur in den Sportverbänden verlor das Führungspersonal in den letzten Jahren Bodenhaftung und Anstand. Auch in den Teppichetagen der Wirtschaft siegten Instinkte über das moralische Bewusstsein. Weil sie glaubten, sie – und nur sie – könnten den Aktienkurs ihrer Unternehmen nach oben treiben, überboten sich Manager in Gehalts- und Bonusforderungen.

Der «Fall Blatter» mag als Burleske ein Einzelfall sein. Aber er ist auch ein Exempel. Börse und Fernsehen haben – weit vor der Nullzinspolitik der Notenbanker – Institutionen und Strukturen der Zivilgesellschaft mit Geld überschwemmt und damit unterhöhlt. Sie schützten die Individuen, die sich in ihnen bewegten, nicht mehr vor Hochmut und Fall.

Ob «Ethikkommissionen» diese Defizite der moralischen Basis wirklich kompensieren können?

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