Reflex

Es gibt viele Mythen – doch Frauen gähnen gerne mit anderen mit

Frauen gähnen anders. Und es ist eine Form von Kommunikation.

Frauen gähnen anders. Und es ist eine Form von Kommunikation.

Um das Gähnen gibt es allerhand Mythen. Doch es soll das Gehirn kühlen – und es ist ein Akt der Empathie. Und: Wienerinnen und Wiener sollen vor allem im Sommer gähnen, Amerikaner in Arizona tun dies aber im Winter.

Bevor Sie diesen Text lesen, holen Sie bitte einen Stift. Sie wissen ja bereits, es geht ums Gähnen. Um dieses reflexartige Verhalten, das wir selber täglich tun, beim Gegenüber aber nicht selten denken, wir langweilen diese Person. Wie oft wurden wir beim Gähnen zurechtgewiesen: «Hand vor den Mund!» Zurück zum Stift. Machen Sie für jeden Gähn während des Lesens dieses Textes einen Strich. Ihre Gähnattacken haben natürlich nichts mit dem Text an sich zu tun.

Durchschnittlich zehn Mal am Tag gähnt der Mensch. Ein echtes Alltagsphänomen also, von dem Hippokrates vermutete, dass es unsere Luftzufuhr verbessert. Doch das gilt mittlerweile als widerlegt. «Denn dann müsste körperliche Aktivität zum Gähnen führen», erklärt Adrian Guggisberg von der Universität Genf. «Aber wenn wir durch den Park joggen, atmen wir zwar schneller, doch wir gähnen nicht öfter.» Der Schweizer Neurologe hat die herkömmlichen Erklärungsansätze fürs Gähnen untersucht und dabei vieles als unbewiesen zu den Akten legen müssen. Wie etwa auch die These, wonach uns das von muskulären Oberkörperstreckungen begleitete Öffnen des Mundes aufmuntern würde.

Gähnen ist auch klimabedingt

Guggisberg untersuchte per EEG die Hirnströme von Menschen vor und nach dem Gähnen. Dabei zeigten sich vorher tatsächlich mehr langsame Deltawellen, also eine Schläfrigkeit, so wie es uns ja auch die alltägliche Erfahrung lehrt. Nur dass diese Hirnströme danach keineswegs verebbten. Guggisberg resümiert: «Gähnen wird zwar durch Schläfrigkeit ausgelöst, doch es macht uns nicht wacher.»

Interessanterweise zeigt sich Gähnen jedoch auch, wenn wir etwas Wichtiges erwarten oder unter Stress stehen. Hängt es also weniger mit unseren psychischen Befindlichkeiten als mit den Umweltbedingungen zusammen, wie etwa mit den Aussentemperaturen? Forscher der Universität Wien gingen dieser Frage nach, indem sie in den Strassen der Stadt die Gähnfrequenz der Fussgänger aufzeichneten, und zwar sommers wie winters. Und dann verglichen sie ihre Ergebnisse mit denen einer anderen Gähn-Studie aus dem amerikanischen Arizona.

Es zeigte sich: Die Wiener gähnen im Sommer mehr als im Winter, während man in Arizona mehr im Winter als im Sommer gähnte. Doch das hat nichts mit der Nationalität der Probanden zu tun, sondern mit den unterschiedlichen Klimaverhältnissen. In Arizona wird es im Sommer durchschnittlich 37 Grad heiss, also deutlich wärmer als in Wien. «Bei solch hohen Temperaturen kann das Gähnen als Thermoregulation für das Gehirn nicht mehr funktionieren», erklärt Studienautor Jorg Massen. Die klappt nämlich am besten bei rund 20 Grad Aussentemperatur, wie sie durchschnittlich im mitteleuropäischen Sommer erreicht werden.

Bei starker Kälte hingegen wird der Kühleffekt durchs Gähnen zu stark, sodass wir zu dieser Zeit den Mund eher geschlossen halten, um das Gehirn nicht zu irritieren. Jedenfalls dann, wenn wir uns im Freien aufhalten. Sofern wir in geschlossene Räume gehen, nimmt der Gähnreflex wieder deutlich zu.

Guggisberg betont jedoch, dass die Kühlung allenfalls ein Nebeneffekt des Gähnens sei. «Normales Atmen durch die Nase dürfte effizienter sein, um kühles Blut zum Hirn zu befördern», so der Neurologe. Der alles überstrahlende Faktor beim Gähnen, und das sieht auch Massen so, sei vielmehr das Nachahmen. «Gähnen ist sehr oft Nachahmungsgähnen», so der österreichische Psychologe. Aber da gibt es offenbar, wie man jetzt an der Università di Pisa herausgefunden hat, grosse Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Die italienischen Forscher legten sich fünf Jahre lang auf die Lauer, um in Restaurants, Büros oder Strassenbahnen insgesamt 1400 Gähnsituationen zu erfassen. Bei deren späteren Analyse legte man einen Schwerpunkt auf das Geschlecht der beobachteten Personen – und darauf, ob sie spontan gähnten oder es als Antwort darauf taten, dass jemand in ihrer Umgebung gegähnt hatte. «Ein Antwortgähnen lag für uns dann vor, wenn es innerhalb von drei Minuten geschah, nachdem jemand anders gegähnt hatte», erklärt Studienleiter Ivan Norscia.

Frauen kopieren gerne

Es zeigte sich, dass vor allem dann gegähnt wurde, wenn die Personen sich gut kannten. Schliesslich lässt man sich in einem eher unbekannten Terrain weniger gehen. Andererseits auch darin, dass man einen fremden oder nur bekannten Menschen weniger nachahmt, als wenn man ihn gut kennt. Zudem zeigte sich, dass Frauen in 55 Prozent aller Fälle gähnten, wenn es gerade jemand anders getan hatte. Bei Männern lag die Quote nur bei rund 40 Prozent. Sie fungieren also eher als impulsive Vorgähner, während Frauen eher Nachahmungsgähner sind.

Ursache dieses Unterschieds könnte laut Norscia die «stärkere Empathie der Frauen» sein. Sie versuchen mehr, sich auf ihre Mitmenschen einzustellen und sich in deren Stimmungslage hineinzuversetzen – und dies auch zu zeigen. So übernehmen sie Äusserungen zur Befindlichkeit. Wie etwa Stirnrunzeln, Lächeln – und eben auch das Gähnen.

Und das weibliche Empathiegähnen ist keineswegs nur auf das männliche Geschlecht reduziert: Frauen gähnen auch Frauen nach. Im Unterschied zu vielen anderen interaktiven Verhaltensmustern hat es also keinen sexuellen Hintergrund.

Was aber nicht unbedingt für das impulsive Gähnen gilt. So führen Antidepressiva oft gleichzeitig zu einem starken Gähnreiz und einer starken sexuellen Erregung. Denn die pharmazeutischen Stimmungsaufheller erhöhen den Pegel des Hirnbotenstoffs Dopamin – und der spielt beim Gähnen und der sexuellen Erregung gleichermassen eine zentrale Rolle.

Na, wie oft haben Sie gegähnt? Schon das blosse Lesen über Gähnen veranlasst uns dazu, den Mund aufzureissen.

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