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Erziehungsratgeber: Wenn alte Männer jungen Frauen Ratschläge erteilen

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Mütter lesen viel Elternliteratur, Väter fast keine. Dies ist eine von sechs überraschenden Erkenntnissen zum Thema Erziehungsratgeber.

Etwa 1400 Erziehungsratgeber gibt es derzeit auf dem deutschen Buchmarkt. Selbst wer gar nicht vor hatte, Erziehungsliteratur zu lesen, wird damit konfrontiert. So hat es jedenfalls der Münchner Soziologe Christian Zeller erlebt.

Er ist früh Vater geworden und wurde regelmässig gefragt, ob er denn schon entsprechende Ratgeber gelesen habe. Zeller beschloss, dem erfolgreichen Buchgenre in seiner Dissertation auf den Grund zu gehen. Daraus stammen sechs Erkenntnisse:

1. Männern schreiben Erziehungsratgeber für Frauen

Zum Ratgeber greifen heute vorwiegend gut ausgebildete und gut verdienende Mütter mittleren Alters. Das war nicht immer so: Im Mittelalter und der frühen Neuzeit hatten sich Erziehungstraktate explizit an die Väter gewandt – sie galten als zuständig für die seelische und geistige Entwicklung des Kindes. A dem 17. Jahrhundert begannen sich Erziehungsschriften an Mütter zu richten. Zu Beginn wurden sie von Priestern, Mönchen und Literaten verfasst, später von Medizinern und Pädagogen, Psychologen und Neurowissenschaftlern. Stets waren es hauptsächlich Männer, die Frauen Ratschläge erteilten. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

2. Hauptsache anders, also besser, als die Eltern erziehen.

Im Gegensatz zu Beratungsstellen werden Ratgeberbücher auch ohne konkrete Krise im Familienleben konsultiert. Gelesen werde primär aus dem Wunsch, sich von der Erziehung der eigenen Eltern zu distanzieren, schreibt Christian Zeller in seiner Dissertation. Die Ratgeber sollen helfen, den eigenen Kindern feinfühliger und aufmerksamer zu begegnen, als es einst die eigenen Eltern taten. «Die Eltern-Kind-Beziehung wird zu einer Zone fortwährender pädagogischer Anregung.» Mütter greifen aber auch zum Ratgeber, wenn sie mit der Erziehung ihrer Eltern ganz zufrieden waren. Das Gelesene dient der Rückbestätigung seines Erziehungsstils.

3. Väter hören auf ihre Intuition

Für seine Dissertation suchte Christian Zeller Gesprächspartner beiden Geschlechts, doch auf seinen Aufruf meldeten sich nur Mütter. Ein Vater, der bei einem, der Interviews dabei war, erklärte sein geringes Interesse an Erziehungsliteratur damit, dass er sich bei der Erziehung ganz auf seine Intuition verlasse. Schliesslich kenne er sein Kind besser als jedes Buch.

Der Vater führt also in Erziehungsfragen selbstsicher sein Bauchgefühl an. Die Mutter hingegen «liest lieber nochmal nach», um reflektiert und informiert zu handeln. Das sei geradezu eine Umkehr der polarisierten Geschlechterrollen, die im 19. Jahrhundert entstanden, stellt der Soziologe fest: Hier der Mann, dessen rationales Wesen ihn im Draussen der Geschäftswelt verortet. Da die Frau, deren naturgegebene Intuition sie für das Drinnen bei Familie und Kindern prädestiniert. Selbst wenn Frauen in Ratgebern heute kaum mehr explizit diese Rolle zugewiesen werden dürfte – die Erziehungsliteratur richtet sich weiterhin an Mütter.

4. Ratschläge werden als Anregungen verstanden

Obwohl die Bücher von Benjamin Spock, Jesper Juul und Remo Largo in vielen Familien allgegenwärtig sind, betonen die interviewten Mütter, die entsprechenden Ratschläge keineswegs blind in den Alltag zu übernehmen. Man müsse das Gelesene mit eigenen Erfahrungen und seiner Intuition abstimmen. Ratschläge werden als Anregungen verstanden, die übernommen werden können, aber nicht müssen. Zu grosse Expertenhörigkeit verhindert nicht zuletzt das Leben selbst: Mit seinen Schichtplänen und Zahnarztterminen, müden Geschwistern und gefährlichen Bahnübergängen schafft es selten ideale Bedingungen, in denen sich sämtliche Ratschläge mühelos umsetzen liessen.

5. Die Experten relativieren ihre eigene Gültigkeit gleich selbst

Die Geschichte des modernen Ratgebers beginnt im 17. Jahrhundert: In der Aufklärung soll Erziehung nicht mehr einfach geschehen, sondern auf der Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltet werden. Ab dem 20. Jahrhundert wird Kritik an dieser starken Ausrichtung an der Wissenschaftlaut. Nun treten die Autoren nicht mehr als unanzweifelbare Experten auf; sie relativieren den Geltungsanspruch ihrer Bücher gleich selbst und bringen sich damit in eine widersprüchliche Lage: Die Aufforderung, einem Ratschlag nicht blind zu folgen, ist eben genau das: ein Ratschlag.

6. Glückliche, aber wirtschaftlich auch erfolgreiche Kinder sind das Ziel

Obwohl die wenigsten Eltern mit der expliziten Absicht zum Ratgeber greifen, aus ihren Kindern ökonomisch nutzbringende, wettbewerbsfähige Bürger zu machen, bereiten sie sie doch letztlich genau darauf vor. Gerade, indem sie in ihrer individuellen «Glückseligkeit»gefördert werden, sollen Kinder, gewissermassen hinter ihrem Rücken, zur ökonomischen Gesamtwohlfahrt beitragen.

Was also tun angesichts all der Widersprüche, all der Vielfalt?

Vielleicht muss man sich beim Lesen einfach in Erinnerung rufen: Dass sich alles stets noch besser machen liesse, bedeutet keineswegs, dass nicht ausreicht, was tatsächlich ist. Aber auch das steht längst in einem Ratgeber.

Schwergewichte im Elternratgeber-Markt

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