Geburtstag

Er wollte schon immer der schnellste sein – wie Ingenieur Carlo Abarth die Sportabteilung von Fiat aufbaute

Der 1979 in Wien verstorbene Carlo Abarth mit einigen seiner Kreationen. Bild: zvg

Der 1979 in Wien verstorbene Carlo Abarth mit einigen seiner Kreationen. Bild: zvg

Abarth feiert den 70. Geburtstag. Was heute die Sportabteilung von Fiat ist, begann der Legende nach in den Gassen von Wien.

Ob die Geschichte wahr ist, lässt sich nicht mehr überprüfen. Aber es ist nun einmal eine ausgesprochen nette Legende, die Fiat-Europachef Luca Napolitano anlässlich der Geburtstagsfeier der Marke Abarth in Mailand zitiert.

So sei der 1908 in Wien geborene Carlo Abarth schon in seiner Kindheit besessen davon gewesen, der Schnellste zu sein. Mit seinem Trottinett sei er gegen andere Kinder in den Gassen Wiens Rennen gefahren. Nur seien seine Gegner oft älter, grösser und kräftiger gewesen.

Also musste sich der junge Carlo Abarth etwas einfallen lassen. Man sagt, er habe seinen Ledergurt um die Räder seines Rollers gewickelt, sodass die Holzräder auf dem rutschigen Kopfsteinpflaster mehr Grip finden konnten. Ein perfektes Sinnbild für das, was auch die späteren Kreationen des Ingenieurs auf der Rennstrecke ausmachen sollte: Einfache und zugleich geniale Lösungen, um gegen vermeintlich stärkere Gegner bestehen zu können.

Darauf ist man in Mailand auch heute noch stolz. Doch wie kam der Österreicher Carlo (ursprünglich Karl) Abarth überhaupt zum italienischen Hersteller?

Von Porsche zu Fiat

Während des Zweiten Weltkriegs lebte Abarth in Ljubliana, im heutigen Slowenien, und arbeitete als technischer Leiter in einer mechanischen Werkstatt. Nach dem Krieg zog er zu seinem Vater nach Meran. Seine Frau arbeitete damals als Sekretärin von Dr. Anton Piëch, der mit der Tochter von Ferdinand Porsche verheiratet war. So kam Abarth in Kontakt mit der Familie Porsche und wurde zwischenzeitlich Vertreter für die Porsche Konstruktionen GmbH in Italien.

Doch das genügte dem jungen Abarth nicht – schliesslich wollte er sich auf der Rennstrecke mit anderen messen – und er heuerte beim damaligen Sportwagenhersteller Cisitalia in Turin an. Dort kommt eine Vereinbarung mit Porsche, damals noch im österreichischen Gmünd beheimatet, zustande.

Abarth konstruiert einen sagenhaften Rennwagen, den Cisitalia 360 Grand Prix mit 12-Zylinder-Motor und Allradantrieb. Er wird schliesslich technischer Leiter bei Cisitalia, allerdings geht die Firma 1949 bankrott. Carlo Abarth gründet seine eigene Firma in Turin. Als Markenzeichen wählt er den Skorpion, sein Sternzeichen.

Das Unternehmen engagiert sich im italienischen Formel-Rennsport und baut Sportauspuffanlagen für private Kunden. 1955 kommt schliesslich Fiat ins Spiel: Die Italiener präsentieren am Autosalon in Genf den 600, den Carlo Abarth fortan als Basis für seine Rennsportaktivitäten nutzt. 1958 wird die Zusammenarbeit mit Fiat in einem Kooperationsvertrag abgesichert; 1971 übernimmt Fiat die Firma Abarth & C. schliesslich komplett.

So kamen über die Jahre Tausende von Siegen auf Renn- und Rallyestrecken zusammen, oftmals gewann Abarth mit kleinen, eigentlich unterlegenen Fahrzeugen gegen grössere und vermeintlich stärkere Konkurrenten. Auch dank genialer Einfälle wie der offenstehenden Heckklappe beim Fiat 600. So wurde nicht nur die Kühlung des Heckmotors verbessert, sondern auch mehr Abtrieb generiert, sodass der Kleinwagen schneller durch die Kurven kam.

Grosse Fangemeinde

Der Skorpion war aber nicht nur auf der Rennstrecke erfolgreich, er eroberte auch die Herzen der Fans – und behielt seine Faszination bis heute. 2018 verkaufte Abarth 25 000 Autos, so viele wie noch nie. 77 Abarth-Clubs huldigen weltweit der Kultmarke, und allein zur Geburtstagsfeier auf dem ehemaligen Expo-Gelände in Mailand pilgerten rund 5000 Fans mit ihrem Abarth.

Als Geburtstagsgeschenk widmen die Italiener dem 70. Geburtstag ein Sondermodell des kleinen 695 Abarth, streng limitiert auf 1949 Stück. Mit knackiger Handschaltung, extrem agilem Handling dank Sportfahrwerk und kompakten Abmessungen und kernigem Klang aus der Abgasanlage mit vier Endrohren dürfte das 180 PS starke Sondermodell den Geschmack der Fans perfekt treffen.

2019 ziert der Name von Carlo Abarth noch die schnellsten Fiat-Modelle wie die Jubiläumsausgabe, den Abarth 695 Anniversario. Bilder: zvg

2019 ziert der Name von Carlo Abarth noch die schnellsten Fiat-Modelle wie die Jubiläumsausgabe, den Abarth 695 Anniversario. Bilder: zvg

Mit einer neuen Lackierung in Grau – die an das Jahr 1958 erinnern soll, wo ein Abarth 500 sechs neue Rekorde auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke von Monza aufstellte – hebt sich das Sondermodell auch optisch ab. Und natürlich mit dem grossen Flügel am Heck.

Er lässt sich manuell verstellen und steht mit einem Winkel von bis zu 60 Grad steil im Wind. So soll er nicht nur optisch an die offenstehende Heckklappe des Ur-600ers erinnern, sondern auch für mehr Anpressdruck an der Hinterachse sorgen.

42 Kilogramm zusätzlichen Anpressdruck soll der neue Flügel bei 200 km/h generieren, wodurch die erreichbaren Kurvengeschwindigkeiten auf der Rennstrecke deutlich steigen sollen. Ob all das wahr ist, lässt sich erneut nur schwer überprüfen. Eine schöne Reverenz an die Anfänge der Marke ist es auf jeden Fall.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1