Hatte Kurt Thut einen direkten Draht in die Zukunft? Als der Schweizer Designer in den 1990er-Jahren seine erfolgreichsten Möbel entwickelte, waren Stichworte wie Stadtnomaden oder ökologisches Bewusstsein kaum ein Thema. Für ihn indes schon. «Wir sind immer mehr Menschen auf der Welt, es hat aber immer gleich viel Material», sagte er einst in einem Interview. «Das muss ein Designer beim Entwicklungsprozess berücksichtigen.» Also suchte er die Sparsamkeit und Leichtigkeit in seinen Entwürfen.

Thuts Möbel sind schlank und filigran. Ihr Luxus ist der Minimalismus. Sie sind bescheiden, gradlinig und haben dennoch Charme. Ein Bett von Thut hat nur das, was es wirklich braucht. Ein Schrank von Thut spielt mit Transparenz und Verhüllung. Sie alle sind die Essenz des absolut Notwendigen. Das ist hohe Kunst. Kein Wunder, gaben seine sachlich funktionalen Möbel dem Schweizer Design entscheidende Impulse.

Am Anfang seiner beruflichen Karriere deutete noch wenig darauf hin. Es brauchte ein paar Umwege, bis Thut zeitlose Design-Klassiker entwarf. Im beschaulichen Möriken AG wuchs er als Sohn eines Schreinermeisters auf, der konventionelle Schreinerarbeiten und Möbel für den ländlichen Gebrauch herstellte.

Der kleine Kurt hörte seinen Vater oft sagen, dass man Innenarchitekt sein müsste, wenn man reich werden wolle. Natürlich wollte er das. Und so besuchte er nach seiner Schreinerlehre die Kunstgewerbeschule in Zürich. Dort traf er nicht nur auf eine Lehrergeneration von Bauhaus-Absolventen wie Johannes Itten oder Hans Bellmann, sondern mit Willy Guhl auch auf einen hervorragenden Klassenlehrer und Förderer. In der Klasse sass sein späterer Freund Alfred Hablützel, der Thuts Werdegang beeinflusste. «Ich war sozusagen der Wegbereiter seiner Karriere», sagt Hablützel mit einem gewissen Stolz. Er fotografierte Thuts Möbel und erreichte, dass sie bei der Möbelgenossenschaft in Zürich und später bei Teo Jakob vertrieben wurden.

Wegbereitend war für Thut auch die Gründung des Kollektivs Swiss Design zusammen mit Hans Eichenberger, Robert Haussmann, Alfred Hablützel und Teo Jakob. Aus der Anfangszeit stammt etwa das Korpusmöbel 943 mit einer vorgehängten Alu-Tür – für Hablützel immer noch eines der herausragendsten Objekte Thuts in jener Zeit. Für de Sede entwarf er bereits 1956 das Sofa KT-221, das das Klingnauer Unternehmen für sein 50-Jahr-Jubiläum anno 2015 einer behutsamen Auffrischung unterzog und wieder auflegte.

Doppelrolle in der Krise

Trotz ersten Erfolgen versuchte sich Thut Anfang der 1960er-Jahre als selbstständiger Architekt. Er baute einige Häuser, deren Gradlinigkeit von seinen Vorbildern Max Bill und Mies van der Rohe inspiriert waren. Als sein Vater starb, stellte sich die Frage: Die Fabrik in Möriken verkaufen oder voll einsteigen? Er entschied sich für Letzteres, wurde Unternehmer – und geriet sogleich in den Strudel der Rezession der 1970er-Jahre. In einer Doppelrolle als Designer und Produzent schafft er es, den Betrieb aus der Krise zu manövrieren und in eine Manufaktur für Möbelentwicklungen umzubauen.

Vielleicht brauchte es gerade diese Umwege, damit sich der oft mit einem Beret gekleidete, bescheidene Designer zu seiner wahren Grösse entwickeln konnte. In einem Alter, in dem sich andere bereits aufs Kürzertreten einrichten, hat er seine grössten Würfe geschaffen. Zum Beispiel das eingangs erwähnte Scherenbett, entworfen im Jahr 1990. Wie bei einem Topfuntersatz funktioniert das Scherengitter als Bettgestell und Lattenrost in einem. Der Clou: Das Gitter kann man einfach vergrössern oder verkleinern. Perfekt für heutige Stadtnomaden, die wenig Platz zur Verfügung haben und immer wieder umziehen.

Ein paar Jahre später entwickelte der Tüftler eine Reihe von Schränken, die mit einem völlig neuen Ansatz überraschten. Der Folien-Schrank etwa mit einer Skelettkonstruktion, gebaut wie ein Flugzeug. Noch heute sein meistverkauftes Möbel ist der Faltvorhang-Schrank von 1993, bei dem Thut das Konstruktionsprinzip des Scherengitters auf den Schrank übertrug. Als «Türhaut» dient eine transparente Polyethylenfolie – eine Idee seines älteren Sohns Daniel.

Noch günstiger und sparsamer war der Folienschrank von 1994 aus einem Gerippe von Buchenholz und Flugzeugsperrholz, das mit einem Segeltuch bespannt ist. Nur gerade 26 Kilogramm wiegt dieser Schrank, der ebenfalls bis heute zu Thuts erfolgreichsten und meistverkauften Möbeln gehört.

Möglichst wenig Material

«Was Thut tut, tut Thut gut», kalauerte einst Robert Haussmann über seinen Kollegen. Und er hatte recht. 2009 wurde Kurt Thut für sein Schaffen mit der wichtigsten Auszeichnung für Design in der Schweiz, dem Grand Prix Swiss Design, ausgezeichnet. Dass nun sechs Jahre nach seinem Tod eine Ausstellung das Leben und Werk von Kurt Thut beleuchtet, erfüllt Sohn Benjamin mit Stolz. Für Joan Billing und Samuel Eberli, welche die Ausstellung im Architekturforum Zürich konzipierten, ist Thut quasi der «Ur-Designer der Schweiz». «Seine Bescheidenheit und Exaktheit, seine ausgeklügelten Entwürfe, die er mit möglichst wenig Material ausführte, sind einzigartig», sagt Billing.

Für Benjamin Thut, der das Familien-Unternehmen heute in dritter Generation mit seinem Bruder Daniel in Buchs ZH führt, war sein Vater ein wichtiger Wegbereiter – auch für seine eigene Karriere als Designer. «Er hat uns gelehrt, die Dinge immer wieder zu hinterfragen», erzählt er. «Er war immer offen für neue Materialien, neue Konstruktionen, war sehr ausdauernd und präzis.» Werte, die Benjamin Thut heute noch aufrechterhält. Sein Vater habe ihm und seinen Geschwistern stets viele Freiheiten zum Experimentieren gelassen. Das Credo des Visionärs Thut war schliesslich: «Was man denken kann, das ist auch möglich.»

Ausstellung Kurt Thut von Design+Design, bis 3. Dezember, Architekturforum, Brauerstrasse 16, Zürich. Buch «Kurt Thut – Protagonist der Schweizer Wohnkultur», Joan Billing und Samuel Eberli, Scheidegger&Spiess, 160 S., Fr. 49.–, www.kurtthut.ch.