Für die Millionen junger Männer, die in den Agglomerationen von London, Madrid, Zürich oder Peking, Los Angeles oder Tokio leben, stellt sich die Frage gar nicht. Für sie ist ein gestylter Look völlig normal. Sie haben den Modemut im Blut. Deshalb wurde die Pariser Modewoche der Männer am vergangenen Wochenende zum wahrhaftigen Happening, Männer aus aller Welt inspirierten sich an den kreativ hochstehenden Schauen für die Mode des kommenden Winters.

Mann traf sich beim Edellabel Hermès rund um lauschige Lagerfeuer inmitten eines renovationsbedürftigen Kreuzganges, wo bunte Berglandschaften Pullis und Reisetaschen zierten. In der keimfreien Garage des Jungdesigners Julien David hingegen präsentierten die Models ziemlich schräg mit aufgesetzten Hundemasken den trendigen Oversize, Coolness und durchsichtige Regenmäntel aus Silikon.

Sogar bei der Entertainerin Agnes b. war der Andrang so gross, dass sie drei Schauen veranstalten musste. Lanvin erntete tosenden Applaus. Kurz: Die Männer suchen so mutig wie fast noch nie ihren ganz persönlichen Stil.

Aus dem Underground

«Es findet eine Explosion statt, die eines Tages die Damenmode überrunden wird», ereifert sich Riad in einer Pariser Tiefgarage an der edlen Rue de la Paix, dem Showroom von Nïuku. Der 40-jährige Modedesigner gehört zum Dreierteam dieses Junglabels, das wie acht andere Newcomer zum ersten Mal offiziell an der Modewoche lief, sozusagen aus dem Underground ins Rampenlicht.

Während andere Junglabels absichtlich in den Männermodemarkt einsteigen, weil er weit weniger von grossen Modegiganten beherrscht wird als bei den Damen, bezeichnet der Zweite im Bund, Lenny, die Nïuku-Klamotten als genderless, geschlechtslos. «Viele Frauen kaufen heute Männerkleider», schmunzelt der Franzose, an dessen Show sich hochkarätige Moderedaktoren, eine äusserst schicke Stadtjugend und stilvoll gekleidete Blacks die Sitz- und Stehplätze streitig gemacht haben, um einen Blick Mode zu erhaschen.

Lenny und Riad stammen ursprünglich aus der Banlieue. Seit dem R von Raf Simons auf den Adidas-Turnschuhen interessiere sich auch die urbane Vorstadtjugend für Highfashion, erklären sie. Ihr Kult für Hoodies, Bomberjacken und Markensneakers, Street- und Workingwear oder eigens auf dem Flohmarkt zusammengestellte Looks hat inzwischen die Laufstege und den Durchschnittsmann erreicht, um alles, was zu formell wirkt, zu ergänzen.

Der Mann ist heute so modemutig, weil sein Ego seit einem Jahrhundert leidet. Einst eine Mode-Ikone mit rauschenden Krägen (Renaissance), hohen Absätzen, die auch unter Eidgenossen im 16. Jahrhundert gang und gäbe waren, oder Mozartzöpfen (Aufklärung), haben die Kriege im 20. Jahrhundert den Mann zur Uniform verknurrt. Deshalb mauserte sich der Anzug mit Krawatte nach dem Zweiten Weltkrieg nahtlos zur Berufsuniform. Ein Zwang, aus dem sich das männliche Geschlecht endlich befreit, um «das wahre Ich» mittels Kleidung auszudrücken.

Beckham und der neue Look

«Der Mut des Mannes reift seit zwanzig Jahren», sagt der britische Modedesigner Sir Paul Smith dazu. Es ist sein Landsmann David Beckham gewesen, der auf dem Fussballplatz plötzlich einen neuen Look mit Tattoos, Schmuck und gestylter Frisur inszeniert hat. Man nannte diese neuen Männer in den Nullerjahren die Metrosexuellen, die mit Masken und Cremen ihre Haut pflegten. Dann haben die Hipster mit Extravaganz und Coolness den Männern Mut zur lockeren Interpretation ihrer selbst gemacht.

Auch Kenzo bricht bereits seit Jahren die alten Muster auf. Chefdesignerin Carol Lim sagt: «Die Welt hat sich verändert, die Männer sind freier. Lockere Dresscodes sind in vielen Betrieben akzeptiert. Mit Shirts, Jeans, Sneakers oder Formellem kleiden sich die neuen Männer heute aus Freude, nicht mehr aus Zwang.» Lim hat in den vergangenen Jahren zusammen mit Humberto Leon Kenzos Stil mit Street- und Workingwear erfolgreich aufpeppt. Beide pendeln zwischen Paris und New York, stammen aber aus Los Angeles.

L.A. ist eine wichtige Inspirationsquelle für die Mode des heutigen Mannes; deren Underground gibt seit Jahren in der Mode den Ton an. Es ist also kein Zufall, dass Stardesigner Hedi Slimane hier lebt, der diese Revolution zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit seinen rockigen Anzügen bei Dior eingeleitet hat.

Sneakers zum Anzug sind seither ein Must und kein Fehltritt. Überhaupt dominiert die «Schale» nur noch unter den Spitzenpatrons am Davoser Weltwirtschaftsforum oder in der Politik. An der Modewoche in Paris war der klassische Anzug nirgends mehr zu sehen.