Holzkünstler

Er hat die Schnitz-Wut: Das ist der «Mister Sackmesser» der Schweiz

Deckung! Felix Immler lässt das Schnur-Katapult los – eine seiner eher einfach nachbaubaren Ideen.

Felix Immler bringt Menschen das Schnitzen mit dem Sackmesser näher. Soeben ist sein drittes Buch «Schnitz it yourself» erschienen. Es wird sein letztes sein – vorerst zumindest.

Der Fotograf ist noch nicht fertig mit dem Knipsen, da streckt ihm Felix Immler schon eine kleine Flöte entgegen. Geschnitzt aus einem Schilfrohr, das hier am Weiher in Goldach SG am Boden lag. Keine zehn Minuten hat er dafür gebraucht. Ganz zufrieden damit ist er nicht – «sie klingt noch nicht richtig». Felix Immler ist ein Perfektionist. Schnitzen ist für ihn seit bald acht Jahren nicht einfach ein nettes Hobby, sondern seine Profession.

Der Natur- und Sozialpädagoge aus der Ostschweiz ist der «Mister Sackmesser der Schweiz». Es war nicht so, dass vor seinem ersten Buch im Jahr 2012 niemand geschnitzt hätte, aber mit der Veröffentlichung wurde der 45-Jährige von den Medien zum offiziellen «Schnitz-Meister» oder «McGyver der Schweiz» gekürt.

Das hat auch der Schweizer Sackmesserhersteller Victorinox gemerkt und Felix Immler 2014 als ersten und einzigen Sackmesserpädagogen der Welt unter Vertrag genommen. Mit einem Bus voller Sackmesser und Holz, einem Kopf übervoll mit Ideen und ansteckender Leidenschaft kurvt er seither durch die Schweiz.

Unermüdlich erklärt er Journalisten, Lehrern, Eltern, Kindern und bald auch Pfadi-Leitern, wie man ein Sackmesser richtig hält «in der geschlossenen Hand», wie man sich zum Schnitzen richtig hinsetzt «breitbeinig und das Messer vor und nicht zwischen den Beinen». Er hat «weil ich selber immer Blut geschwitzt habe, wenn die Kinder mit dem Messer herumfuchtelten» eine Sackmesser-Prüfung entwickelt und schon weit über 300 Kurse gegeben. «Ich könnte noch viel mehr Kurse geben, aber ich bin wählerisch geworden.» Kurse nur mit Kindern findet er inzwischen wenig sinnvoll. «Sie vergessen zu schnell und brauchen viel Übung, und dafür brauchen sie Eltern, die schnitzen können –  mehr als einen Stecken.» Darum seien Eltern-Kind-Kurse perfekt.

Hunderte Ideen im Kopf

Stolz erzählt Felix Immler, dass er mit seinem ersten Buch, «Werken mit dem Taschenmesser», 2012 wohl der Auslöser für den anhaltenden Schnitz-Boom gewesen sei. Sein Erfolg – über 137 000 verkaufte Bücher – hat Nachahmer angelockt. Viele Verlage haben seither Schnitz-Anleitungen in ihr Programm aufgenommen, inklusive Immlers Ideen. «Die meisten Menschen kennen allerhöchstens fünf Schnitz-Klassiker, ich kenne mehr als 100 Projekte.» Dass er kopiert werde, könne er nur schwer verhindern.

Was ihn viel mehr aufregt: Viele Bücher tragen Titel wie «Schnitzen leichtgemacht» oder «In 5 Schritten zum Schnitzprofi». Das sei irreführend und gefährlich. «Schnitzen ist nicht kinderleicht.» Es brauche Aufsicht, Regeln und sehr, sehr viel Übung. Sich mit den Kindern zu beschäftigen, darum gehe es doch, redet sich Immler auf dem Spielplatz in Goldach ins Feuer. Sie allein mit einem Buch und einem Messer nach draussen zu schicken, sei zumindest in der Anfangsphase unverantwortlich.

Das Schnitzen sei ein perfektes Angebot für gemeinsame Eltern-Kind-Zeit, sagt er und man hört den ausgebildeten Sozialpädagogen reden, wenn er erklärt, dass das Schnitzen die Kinder beruhige und fokussiere. Selten habe er Jugendliche, gerade auch zappelige, mehr bei sich gesehen als beim Schnitzen. Das scharfe Messer in der Hand erlaube keine Unachtsamkeit, keine Blödeleien. Und wenn doch, dann fliesse auch mal etwas Blut. «Das steigert den Lerneffekt enorm. Das Messer ist wie das Feuer ein sehr direkter Mentor.»

So bauen Sie ein Schnur-Katapult:

Der gebürtige St. Galler mit der praktischen Frisur und dem festen Händedruck ist keiner, der halbe Sachen macht. «Wenn mich eine Idee packt, dann verbeisse ich mich darin.» Seine Frau könne von seiner Schnitz-Wut ein Klagelied singen. Er bleibt nächtelang wach, um den perfekten Pfeil zu konstruieren, bricht den Familien-Spaziergang abrupt ab, wenn er glaubt zu wissen, wie er das Wasserrad besser zum Laufen bringt.

Aufhalten kann man ihn dann nicht. Dass musste schon sein Vater einsehen, als er als Elfjähriger beschloss, selbst eine Geige zu bauen. Geige spielen kann er bis heute nicht. Die Geige mit einem Griffbrett aus echtem Ebenholz hat er zusammen mit seinem Vater aber gebaut.

Für sein zweites Buch, «Outdoor mit dem Taschenmesser», hatte er sich mehrere Wochen in ein Waldstück verzogen und, ausgerüstet nur mit einem Sackmesser, ein ganzes Waldcamp – Kanu, Hängematte und Drehgrill inklusive – gebaut. «So ein bisschen wahnsinnig bin ich schon», sagt er selbst.

Kürzlich erschien sein drittes Sackmesser-Buch: «Schnitz It Yourself». «Mein letztes, ich musste es meiner Frau versprechen ... wenigstens bis die Kinder grösser sind.»

Sehr schwierig nachzumachen

Die Anleitungen gehen meist über mehrere Seiten, und einfach ist daran gar nichts. «Das war auch nicht meine Absicht», erklärt Immler. Es will zeigen, wie viel mit einem Sackmesser, «die eierlegende Wollmilchsau unter den Werkzeugen», und etwas Fantasie möglich ist. Und das gelingt ihm: Wer hätte gedacht, dass man mit dem Taschenmesser eine Armbrust oder ein Ballon-Saxofon bauen kann?

Ein grosses Plus des Buches: Zu jedem Projekt gibt es per QR-Code eine Video-Anleitung und ein PDF, das man aufs Handy laden kann. Zwar plädiert Immler nimmermüde für mehr webfreie Kinderfreizeit, doch er geht mit der Zeit. Auf Youtube betreibt er einen eigenen Kanal. Seine englischsprachigen Videos werden 10 000-fach angeklickt. «Heute nimmt doch niemand ein dickes Buch mit in den Wald, das Smartphone aber haben alle dabei.»

Mag er sich an sein erstes Sackmesser eigentlich noch erinnern? Immler muss kurz überlegen. Sein Gotti habe ihm eines zur Erstkommunion geschenkt. Er habe es heute noch. «Ich habe es zwar schon zweimal verloren, aber weil mein Name eingraviert ist, kam es immer wieder zu mir zurück. Das war vielleicht ein Zeichen», sagt’s und lässt einen während des Gesprächs geschnitzten Holzkreisel über den Tisch sausen. «Wer hätte gedacht, dass ich, der doch überhaupt nicht gerne schreibt, mal über 137 000 Bücher verkaufe, Wahnsinn oder?» Und das alles nur wegen eines Sackmessers. 

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