«Ich wollte dieses Buch nicht schreiben.» Mit diesem Satz beginnt «Der falsche Überlebende», eine 500 Seiten starke Auseinandersetzung mit einem Lügner, der den Holocaust-Leugnern in die Hände spielte, obwohl er laut eigenen Aussagen das Gegenteil wollte: aufklären. 96 Jahre alt ist Enric Marco heute, 12 Jahre nach dem Skandal, der seine erfundene Biografie zum Einstürzen brachte. Doch der Schriftsteller und Publizist Javier Cercas, der sich nach langem Zaudern entschloss, das vorliegende Buch zu schreiben, traf keinen gebrochenen Greis zum Gespräch. Im Gegenteil: Enric Marco versuchte, auch ihn zu verführen.

Wir kennen das alle: Rückblickend werden unsere Bergtouren waghalsiger, unsere Liebesabenteuer romantischer, unsere mobbenden Arbeitskollegen grausamer. Jedes Mal, wenn wir ein Erlebnis zum Besten geben, schmücken wir es noch ein wenig mehr aus – bis wir selber glauben, dass sich alles so und nicht anders zugetragen habe. Abgesehen von dem harmlosen Vorgang neigen wir grundsätzlich dazu, uns eine «offizielle» Biografie zu schaffen, die Sinn ergibt. Dabei ist die Grenze von der sinnstiftenden Beschönigung zur Lebenslüge fliessend.

Weit jenseits dieser Grenze bewegte sich Enric Marco. Seit dem Tod Francos 1975 gab er sich als Überlebender des KZ Flossenbürg aus und tingelte als Aufklärer durch Spanien, das aufgrund der Diktatur mit der Aufarbeitung der Vergangenheit dem Rest Europas hinterherhinkte. Marco war Generalsekretär einer anarchistischen Gewerkschaft und ab 2001 Präsident einer Organisation spanischer KZ-Überlebender. Er hielt Vorträge, besuchte Schulen, wurde regelmässig auf Podien gebeten, sprach am Radio, trat im Fernsehen auf. Auf der Bühne war er in seinem Element, spielte sein Charisma aus, sammelte Fans, Bewunderer und Verehrerinnen.

Hinter den Kulissen – dies ergaben Javier Cercas’ Recherchen – sorgte er bei vielen als Chaot für Irritation. Dennoch ist während 30 Jahren keiner seiner Mitarbeiter auf die Idee gekommen, dass Enric Marco lügen könnte.

Vermischung mit Wahrheit

Warum haben dem Mann alle geglaubt? Javier Cercas weist in seinem spannend komponierten «Roman ohne Fiktion» darauf hin, dass eine «gute Lüge» Wahrheiten beinhalte, da sie sonst schlicht unglaubwürdig wäre. So war Enric Marco zwar nie ein anarchistischer Widerstandskämpfer, der auf der Fahrt nach Deutschland von der Gestapo geschnappt und ins KZ deportiert wurde. Aber er war in anarchistischem Umfeld aufgewachsen und während des Zweiten Weltkriegs tatsächlich in Deutschland – dies allerdings als freiwilliger Arbeiter, mit vielen anderen von Franco an den Verbündeten Hitler geschickt, um in den Werften der «Deutschen Werke» Kriegsschiffe zu bauen. In Kiel wurde Marco wegen einer Lappalie von der Gestapo verhaftet, aber nach kurzer Untersuchungshaft auf dem lokalen Posten wieder freigelassen.

Seine eigenen – echten – Erfahrungen nutzte Enric Marco ebenso wie akribische Recherchen über spanische Deportierte, die er während Jahren betrieb. Mit weit über vierzig studierte er noch Geschichte. Doch ein anderer Historiker recherchierte akribischer als er: Benito Bermejo stiess im KZ Flossenbürg auf ein Dokument, das Enric Marco gefälscht hatte, und liess ihn 2005 auffliegen. Der Zeitpunkt für den Skandal war perfekt: Wenige Tage später hätte Marco mit dem spanischen Präsidenten José Zapatero zur Gedenkfeier für spanische Deportierte nach Mauthausen reisen sollen.

So spannend die bis ins Detail ausgeleuchtete Biografie eines politisch unkorrekten Hochstaplers sich liest – Javier Cercas Buch bietet weit mehr als das. So fragt er sich etwa, ob er als Schriftsteller nicht selbst ein «professioneller Lügner» sei, der Fiktion wie Wirklichkeit gestalte. Sein Kollege und Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa hat denn auch eine Lanze für Enric Marco gebrochen, indem er ihn als «schrecklich genial» bezeichnete. Und der italienische Autor Claudio Magris schrieb einen Artikel über Marco mit dem Titel «Der Lügner, der die Wahrheit sagt».

Zum Lügen geboten

Edelt der Zweck jedes Mittel? Enric Marco gab nach seiner Entlarvung zwar zu, gelogen zu haben, hält aber bis heute daran fest, es mit den besten Absichten getan zu haben. Dazu zitiert Cercas den griechischen Philosophen Platon, der die Frage aufwarf, ob die «edle Lüge» zum guten Zweck nicht nur erlaubt, sondern geradezu geboten sei. Wem dies – gerade im Zusammenhang mit dem Holocaust – zu weit geht, der halte es mit Immanuel Kant: Eine Lüge sei nicht einmal dann geboten, wenn damit ein Menschenleben gerettet werden könne, hielt Kant fest, denn mit jeder Lüge werde die Glaubwürdigkeit der Menschheit als Ganzes untergraben.