Die Welt besteht aus lauter Klötzchen, die zum Bauen einladen. Der Fantasie des Spielers sind keine Grenzen gesetzt. Wie mit Legosteinen kann er mit den virtuellen Klötzchen die ausgefallensten Bauwerke errichten. Wegen der offenen Spielwelt und der Möglichkeit, grössere Projekte auch in Gruppen anzupacken, wird das Game «Minecraft» von Medienpädagogen oft gelobt. Es gibt zwar auch Monster, gegen die man sich verteidigen muss, doch brutal sind die nicht.

Dennoch kann das Online-Spiel zur Gefahr werden. Nämlich dann, wenn man in der Game-Welt oder in einem der zahlreichen Foren, die sich mit dem Spiel beschäftigen, die falschen Menschen kennen lernt. So ist es einem Jungen aus dem Kanton Solothurn ergangen, dem 12-Jährigen aus dem solothurnischen Gunzgen. Hier kam er in Kontakt mit seinem 35-jährigen Entführer. Der Junge hatte sich auf mehreren Plattformen registriert. Er schrieb, dass er zwölf Jahre alt sei, in der Schweiz wohne, seit einem halben Jahr «Minecraft» spiele und jeden Tag bis zu fünf Stunden online sei.

Matthias Dietel ist der Betreiber von minecraft-server.eu, einer der grössten deutschsprachigen Minecraft-Fanseiten. Er war «sehr bestürzt», als er von der Geschichte erfahren hatte. Der Zwölfjährige war auch in seinem Forum aktiv. Dietel hat deshalb mit der Kantonspolizei Solothurn Kontakt aufgenommen. Er wollte helfen, den Fall zu lösen. «Inzwischen scheint klar, dass der Junge nicht über uns Kontakt mit dem Mann aufgenommen hat.» Vermutlich habe er deshalb nie etwas von den Ermittlern gehört.

Eltern sollen Kinder begleiten

Während Kinder und Jugendliche Games lieben, begegnen die Eltern ihnen oft mit Desinteresse. Für Laurent Sédanovon, Medienexperte von Pro Juventute, ist das ein Fehler. Er empfiehlt den Eltern, zusammen mit ihren Kindern zu spielen. Die Eltern sollten die Kinder in die online Welt begleiten. Denn sonst kann es vorkommen, dass sie sie im gleichen Haus sind, ja vielleicht sogar im selben Raum – und nicht merken, wie sich ihre Kinder in grosse Gefahr begeben.

Für Erwachsene mit schlechten Absichten sind Online-Spiele und Foren ein idealer Ort. «Es ist einfacher, auf Special-Interest-Plattformen mit Kindern in Kontakt zu kommen als in traditionellen Chatrooms», sagt Nadia Garcia, deren Verein elternnet.ch Eltern in der Medienerziehung unterstützt. Auf solchen Plattformen haben sie von Anfang an Gesprächsstoff, und müssen nicht zuerst herausfinden, wofür sich ein Kind interessiert.

Beim Alter sind sie machtlos

Forenbetreiber Dietel ist bewusst, dass das Spiel neben vielen Erwachsenen auch zahlreiche Kinder in den Bann zieht. «Wir sind bemüht, unsere Benutzer zu schützen», schreibt er. Wer sich nicht an Regeln hält, wird gesperrt. Die Benutzer können andere Benutzer oder Beiträge mit einem Klick melden.

Trotzdem kommt er als Betreiber der Plattform an seine Grenzen: Er kann nicht verhindern, dass sich Kinder registrieren: «Es gibt keine technischen Möglichkeiten für uns, das Alter eines Besuchers betrugssicher festzustellen.» Technisch sei es nicht möglich, den Ausweis zu prüfen. Eine gültige E-Mail-Adresse ist die einzige Voraussetzung, die jemand erfüllen muss, um sich registrieren zu können. Ähnlich sieht es in der Schweiz aus: Bei SwissSMP.ch, einer Schweizer Gaming-Plattform, können sich Kinder ab 13 Jahren registrieren. Allerdings haben auch hier die Betreiber keine Möglichkeit, die Richtigkeit der Angaben zu überprüfen.

Auf beiden Plattformen können die Benutzer miteinander chatten und private Unterhaltungen führen. Der Chat ist öffentlich und jederzeit einsehbar. Allerdings nicht systematisch und permanent, da dies praktisch nicht möglich sei. «Private Nachrichten können wir wegen des Datenschutzes erst einsehen, wenn eine beteiligte Person die Unterhaltung meldet», sagt Matthias Dietel.

Den Fall nimmt er als Anlass, die Besucher auf seiner Plattform darauf zu sensibilisieren, keine persönlichen Daten an Fremde zu übermitteln oder zu veröffentlichen. Bereits heute ist in den Foren-Regeln festgehalten, dass keine privaten oder vertraulichen Daten veröffentlicht werden dürfen. Schliesslich nimmt aber auch Dietel die Eltern in die Pflicht: «Ich rate ihnen, sich für die Online-Games, die ihr Kind am Computer macht, zu interessieren und gemeinsam eine angemessene Internetnutzung zu finden.» Für ihn als Vater steht fest: «Meine Kinder werden im Alter von zehn Jahren keine Internet-Games spielen dürfen.»

(26.06.2016)