Sprachkurs

Eloïse und das Passé simple

Lehrerin Mady Tissot mit Enkelin Eloïse.

Lehrerin Mady Tissot mit Enkelin Eloïse.

Ein Sprachkurs zu Hause bei einer Lehrerin oder einem Lehrer ist die beste Lösung, um innert kurzer Zeit möglichst viel zu lernen. Ein Selbstversuch.

Einen solchen Auftakt hätte ich nicht erwartet. Schon am ersten Abend rutscht mir tatsächlich ein Subjonctif über die Lippen. «Il est important que j’apprenne le français de tous les jours.» Ich war perplex. Waren also meine jahrelangen Französischstunden doch nicht ganz für die Katz?

Allzu oft brauche ich mein Französisch nicht mehr und glaubte, schon fast alles vergessen zu haben. Ein Refresh-Kurs kann deshalb nicht schaden. Und da ich keine Lust auf eine Sprachschule hatte, wo ich womöglich mit Teenies oder Twens in einer Klasse sitzen müsste, kam mir das Angebot «At the Teacher’s Home» ganz gelegen. Wieso sich nicht beim Lehrer zu Hause ganz individuell in eine Sprache vertiefen? Nicht irgendwo in einem Hotspot wie Paris oder an der Côte d’Azur, sondern in der beschaulichen Haute-Savoie.

Das liegt nahe der Schweizer Grenze und hat ebenso seinen Reiz, wo doch die Gegend pittoreske Kleinstädtchen und viel Natur bietet. Denn die Kurse «At the Teacher’s Home» der Sprachschule «Home Language International» finden nicht nur drinnen statt. Das Konzept sieht vor, dass man nachmittags unterwegs ist.

Die Sprache lernt man auch in den Bistrots von Annecy.

Die Sprache lernt man auch in den Bistrots von Annecy.

  

Meine Anfangseuphorie über den richtigen Subjonctif war indes schnell verflogen. Denn schon einen Moment später korrigiert mich Mady, meine Lehrerin: «Chambre spricht man mit einem harten und nicht mit einem weichen ‹sch› aus!» Also mindestens an meiner Aussprache kann ich noch feilen. Wo es bei mir sonst noch hapert, merke ich beim Test, den ich am ersten Abend ausfüllen muss.

Feierabend gibt es nicht

Am nächsten Morgen sitze ich statt in einem kühlen Schulzimmer im gemütlichen Esszimmer von Mady Tissot im kleinen Dorf Amancy. Die erste Herausforderung erwartet mich schon vor der Lektion. Madys 4-jährige Enkeltochter Eloïse schaut vorbei, nimmt mich in Beschlag und konfrontiert mich mit der Frage: «As-tu aussi une tirelire?» Tirelire? Ich verstehe nur Bahnhof. Und schon bringt mir Eloïse ihr kleines Sparkässeli. Aha. Schon zum Frühstück ein neues Wort gelernt.

Mady ist eine engagierte Lehrerin – und eine genaue. Immer wieder tauchen in ihrem Lehrbuch Kapitel auf, die sie mit einer Brille markiert hat. Diese Übungen sind besonders herausfordernd. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass bei mir doch einiges an Grammatik hängen geblieben ist. Dafür schleichen sich immer wieder Anglizismen ein, die meine Privatlehrerin korrigiert. «Es heisst ‹rendre visite› und nicht ‹visiter›.» Sie ermuntert mich auch, nicht immer diese fürchterlichen «est-ce que»-Sätze zu machen. «Das geht auch viel einfacher mit der Inversion. As-tu statt est-ce que tu as.» Wir folgen dem Lehrbuch nicht immer ganz genau. Dazwischen schweifen wir ab und verlieren uns in angeregten Diskussionen über «la vie». Das ist bei Mady besonders interessant. Bevor sie als Privatlehrerin zu arbeiten begann, organisierte die studierte Ökonomin während 26 Jahren Konferenzen für das World Economic Forum in der ganzen Welt. Noch immer denkt die inzwischen pensionierte Französin an diese Zeit zurück und hat viel darüber zu erzählen.

Deshalb ist sie gleich mein erstes Interview-Opfer. Geschickt korrigiert – oder vielmehr optimiert – Mady meine Fragen. Ich will wissen, wie sie zu dem Job gekommen ist und was die grössten Herausforderungen (défi, schon wieder ein neues Wort) waren, wie sie sich mit ihren Kindern organisierte (dank ihrem Mann) und welch spannende Länder sie durch den Beruf kennen gelernt hat.

An Feierabend ist allerdings bei einem Sprachkurs dieser Art nicht zu denken. Man befindet sich immer irgendwie in der Schule – beim nachmittäglichen Rundgang durch das reizende Städtchen La Roche sur Foron, beim Kaffee mit Tochter Amandine, beim Abendessen. Auszeit gibt es nur im Bett, wenn man völlig erschöpft in einen traumlosen Tiefschlaf fällt. Man hat die Sprache immer um sich, kann ihr gar nicht entkommen, sodass man fast automatisch beginnt, Französisch zu denken.

Dass der Aufenthalt bei Mady erste Früchte trägt, spüre ich am nächsten Tag bei einem Ausflug nach Annecy. Dort soll ich nicht nur die Stadt entdecken, die auch als «Venedig der Alpen» gilt. Wir treffen Dominique, die Koordinatorin der Schule «Home Language International» und selbst Lehrerin, sowie ihren Mann Marc. Er weiss viel über die Geschichte des hübschen Städtchens, führt durch die engen Gassen und vorbei an den Flüssen. Er und Dominique legen sprachlich ein Tempo hin, dem ich kaum folgen kann.

Später, als wir bei einem Pineau des Charentes (einem alkoholischen Getränk aus unfermentiertem Traubenmost und Eau de vie de Cognac), Confit de canard und Pommes de terre persillées sitzen (die Sprache geht auch durch den Magen!), bin ich langsam warmgelaufen. Von Dominique erfahre ich dabei, dass sie über 40 Lehrer im Einzugsgebiet zwischen Lyon und Genf betreut.

Enkelin korrigiert mit

Der Aufenthalt ist nicht nur für die Schüler herausfordernd, sondern auch für die Lehrpersonen. Mady ist schliesslich nicht nur für die Schulstunden verantwortlich, sie ist auch meine Köchin, meine Unterhalterin, meine erste Anlaufstelle bei Fragen aller Art. «Nach einer Kurswoche oder zwei brauche ich jeweils etwas Erholung», sagt sie. Doch ihr entspreche diese Art von Unterricht und gleichzeitig Betreuung. «Ich finde es spannend, unterschiedliche Menschen kennen zu lernen, quasi die Welt bei mir zu Gast zu haben.»

Mady bekommt zwischendurch auch etwas Entlastung durch Eloïse. Die Kleine korrigiert mich, wo immer sie kann: «Non, on ne dit pas un bouillotte, on dit une bouillotte.» Am letzten Abend erzählt sie mir eine Geschichte und lehrt mich, dass selbst 4-Jährige schon das Passé simple perfekt können: «Ce fut une fois un éléphant qui rencontra un lion…».

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